Reise, Reise – Das Helheim gibt es nicht mehr

Noch im Oktober 2015 volle Hütte, nun nicht mehr existent - die Leipziger Helheimkneipe (Foto: Artefakte/2015)
Noch im Oktober 2015 volle Hütte, nun nicht mehr existent – die Leipziger Helheimkneipe (Foto: Artefakte/2015)

Es ist ein brütend-heißer Sommertag in Leipzig. Die Weißenfelser Straße liegt so einsam und verlassen da wie jede andere Straße in dieser Zeit. Es sind Ferien. Doch „Heavy“ traut seinen Augen nicht als er mit seinem Fahrrad in Richtung „Helheim“-Kneipe einbiegt. Dort, wo einst Schilder mit dem dem Wochenprogramm prangten, wo die Farbe vergilbt vom Putz abblätterte, strahlen nun die Mauern des Eckhauses mit der markanten Ladenfront blütenweiß. Nur ein Schriftzug gibt Zeugnis ab, dass sich hier eine der urwüchsigsten Szenekneipen der Stadt befand: „Helheim dicht machen ist Scheiße!“ Aber auch „Wir sind grenzenlos“ steht dort geschrieben.

Doch ein Schlag in die Magengrube

Zehn Jahre lang ging „Heavy“ hierher, um Freunde zu treffen. Nun steht das verschlossen, wo er ein Teil seines Lebens verbracht hat. Hier hatte nicht nur er sein Zuhause gefunden, auch kleine Konzerte fanden hier statt, Lesungen gingen hier über die Bühne, sogar Kochshows. Jetzt ist es aus und vorbei mit der Metaldröhnung. Im „Helheim“ ging endgültig das Licht aus. Bei der letzten Feier wurden die letzten alkoholischen Bestände vernichtet. Dabei stand die Metalkneipe schon einmal kurz vor der Pleite, wurde aber saniert.

Ein Blick zurück

Es sah gut aus im vergangenen Herbst. Zehn Jahre wurden gebührend gefeiert. Ändern wollte der Kneiper an seinem bewährten Konzept nichts. „Nö“, gab Markus Böhme kurz vor dem Zehnjährigen zu Protokoll, dass sich was am Literatur- und Showprogramm geändert habe. „Jede Woche eigentlich, jeden Donnerstag. Seit neuestem auch dienstags.“

Er stand ein halbes Jahr vor der Ende Juni erfolgten Schließung hinter dem Tresen, begrüßte die Gäste und ließ aus der hauseigenen Musikanlage Heavy Metal in Dauerrotation laufen. Im Aquarium nebenan blubberten die Fische. „Bei uns ist der musikalische Zugang Metal, so wie andere vielleicht einen „Café-del-Mar-Sampler auflegen. Das Programm besteht aus Aktionen, auf die ich einfach Bock habe. Da ich nicht nur über Ohren, sondern auch über andere Sinne, gibt es hier auch Lesungen.“

Das Geistige, und auch das Kulinarische kamen an diesem besonderen Ort nicht zu kurz. Der Kneiper führte damals aus, dass vor allem bei den Lesungen Publikum vorbei käme, das nicht so metal-affin  aber trotzdem aufgeschlossen, vielleicht sogar überrascht sei. „Man merkt, dass für manche das Helheim eine hohe Schwelle darstellt. Wenn sie aber einmal hier sind, kommen Aussagen wie „Ist ja gemütlich hier“.“ Beschwerden gab es nicht wirklich über die Kneipe und die Musik, vor allem wenn die „Armageddon Over Plagwitz“-Reihe Freitagabends viele Metalfans anlockt. „Wir sind keine Rumhängkneipe.“

Wie weiter?

Volly Tanner kommt um die Ecke spaziert. Der Schriftsteller und Journalist war selbst lange Zeit und Veranstalter an diesem Ort. Auch er schaut mit Wehmut auf das Vergehen dieses zarten Pflänzchens, das so viel Schweres durchmachen musste. „Kneiper Markus hat für seinen Traum gekämpft, und das wirklich sehr lange“, konstatiert Volly Tanner und stellt fest, das hinter diesem langen Zeitraum eine enorme Leistung steckt. Er sagt aber auch, dass alles irgendwann sein Ende findet und meint doch etwas verbittert: „Jetzt können andere, die sowieso immer alles besser wussten, auch gern mal machen.“

Ein wenig traurig findet er aber im Gespräch, dass das Sterben der Szenekneipe mit stadtentwicklungspolitischen Dingen gleichgesetzt wird. Ein Szenensterben, wie die Leipziger Volkszeitung unlängst in einem Beitrag durchblicken ließ, gäbe es nicht. Szenekultur lebe ja vom Werden und Vergehen der Projekte. Nur kommerziell tragfähige Projekte hielten lange durch, wozu sicher auch ganz große Fische im Festivalzirkus gehören sowie in der Popkulturszene. Aber hier regierten inzwischen ganz andere Antriebsmittel. „Undergroundszene hat zunächst einmal nix mit Metal und Helheim ausschließlich zu tun“, bekräftigt er und führt die vielfältigen Projekte an, die aus der Independentkultur entstehen. „Das Konzept, welches die Independentkultur in Frage stellt ist das Konzept des Kapitalismus.“

Klar, wenn unvorhersehbare Umstände das wirtschaftlichen Fahrwasser kreuzen, kann ein Boot wie das Helheim eins war, ins Strudeln und zum Kentern geraten. Konsum vs. Do-It-Yourself. Das ginge nicht gut, so Volly Tanner weiter. Hier rausche ein Kreuzfahrtschiff über Fischerboote. Eines der Boote, die auf der Sandbank strandeten sei das kleine Metallokal in der Nähe der Karl-Heine-Straße gewesen. Aber wie sagt man so schön: wo eine Tür zugeht, öffnet sich die nächste. Denn inzwischen soll es Bestrebungen geben, an anderer Stelle die Kneipe wieder auferstehen zu lassen – und das käme wirklich einem Wunder gleich.

Zieht das Helheim nach Alt-Lindenau?

„Wenn sich ein Ort findet, der uns sinnvoll scheint, würden wir schon gerne weiter machen“, heißt es von dem ehemaligen Betreiber Markus Böhme.  „Also Augen offen halten und was sagen, wem was auffällt. Bei Interesse.“ Inzwischen wurde bei „Facebook“ eine Gruppe gegründet, die auf der Suche nach einem neuen Heim ist. Das Magistralenmanagement Georg-Schwarz-Straße offeriert seit Mitte Juli den Kontakt zu den Leuten von HausHalten e.V. zu suchen, ob noch MieterInnen für die ehemalige „Gute Quelle“ in der Georg-Schwarz-Str. 17 und weitere Läden gesucht werden. Das Magistralenmanagement verweist auf die Annonce, dass in der ehemaligen Gaststätte „Gute Quelle“ in der Georg-Schwarz-Str. 17 derzeit durch den Eigentümer die Grundvoraussetzungen für eine Wiedereröffnung einer gastronomischen Einrichtung geschaffen werden. Interessenten sollten sich melden. Die Alternative hört sich nicht schlecht an: Zur Nutzung stehen im EG des sanierten Hauses ca. 145 m² Gesamtfläche inkl. Gastraum von ca. 90 m² zur Verfügung. Die Mietkonditionen lägen bei 4,50 Euro/m² netto und würden bei gewünschten höherem Ausbaustandard „angepasst“. Keine schlechte Option für eine Wiedereröffnung. Das alte „Heim“ besaß mit 200 m²“ eine größere Gesamtfläche. Es ist aber nicht bekannt, dass der ehemalige Betreiber des Helheims in Kontakt mit dem Magistralenmanagement getreten ist.

 

 

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