Iron Ladies – Warum Twisted Sister zum Heavy-Metal-Standard gehört

Twisted Sister mit neuer Lirescheibe am Beginn eines weiteren Karriereabschnitts mit Mike Portnoy? (Foto: Black Mob / PR)

Twisted Sister mit neuer Livescheibe am Beginn eines weiteren Karriereabschnitts mit Mike Portnoy? (Foto: Black Mob / PR)

Die US-amerikanische Rockband ist ungefähr genauso alt wie das Genre Heavy Metal auch. Mitte der Siebzigerjahre im musikalischen Schmelztiegel New Yorks aus der Taufe gehoben, feierte die Gruppe um Transen- und Fransenmann Dee Snider in den Achtzigerjahren Welterfolge – dank des schrillen Outfits und dank des Fernsehsenders MTV. Nach der Auflösung von Twisted Sister feierte die Band in den Nuller- und Zehnerjahren regelmäßig Comebacks in Form von Konzertauftritten und -aufnahmen. Auch ihr 1987 endender Studioalbumkatalog wurde bereits größtenteils re-mastered erneut in die Regale gestellt. da hängen so manche Erinnerungen daran. Erst recht dann, wo ihr x-ter Live-Mitschnitt erscheint, zu Ehren ihres 2015 verstorbenen Drummers Antony Jude Pero.

Twisted Sister? – Gar nicht Händel!

„What kind of a man desecrates a defenseless textbook?!? I’ve got a good mind to slap your fat face!! What kind of man hits a defenseless animal? I’ve got a good mind to smash your fat face in!“ Während Ende der Achtzigerjahre in einem Leipziger Schulzimmer ein jeansbejackter Typ mit Vokuhila diese Worte im knödeligen und gepressten Englisch aussprach, verzog er beim Sprechen sein Gesicht zu verzerrten Grimassen. Dann knödelte er laut: “WHAT DO YOU WANT TO DO WITH YOUR LIFE???“ Dann scheint er sich selbst zu antworten: „I WANNA ROCK!!!“
1989 war die Zeit von Twisted Sister längst vorbei. Doch das wussten wir damals nicht. Wir lebten in der DDR. Gerade für den Teenwolf mit Nackenspoiler war die Band um Frontfranse Dee Snider der absolute Überhit. Er kannte das Video zu ihrem Hit „I wann rock!“. Ich wusste nicht einmal wer das sein sollte: Twisted Sister – was soll das denn heißen? Der Vokuhila-Schüler beschrieb die Band lautmalerisch als „krasseste Version von Kiss, die ihm jemals unterkam“. Darüber mochte ich auch nicht nachdenken. Denn mir stellte sich die Frage, wer zur Hölle denn Kiss sei. Ende der Achtzigerjahre bestand meine Welt noch aus George Gershwins „Porgy & Bess“,Georg Friedrich Händel und dem typischen Achtzigerjahre-Geplärr aus dem Radio. Vokuhila-Wolf wollte partout nicht loslassen, alle Schulkameraden von den Qualitäten dieser Band zu überzeugen. Bis zum Zeitpunkt, als wir in der Familie endlich Kabelfernsehen hatten, wusste ich nicht einmal wie das aussehen sollte: Twisted Sister.
Wie es klang wusste ich noch im selben Sommer von 1989. Damals wurde wöchentlich sonntags die Radiosendung „Tendenz Hard bis Heavy“ ausgestrahlt, darunter natürlich auch die Nummer, in der das Zitat auftaucht, welche der gut behaarte Rock’n’Roll-Fränk intonierte. Bald darauf wusste ich, dass dieses Zitat irgendwie von einem 1978 publizierten Film stammte, bei dem der Lehrer sadistische Wandlungen besaß, und irrwitzigerweise auch den Lehrer mimte, der den kleinen Schüler in dem besagten Video zu „I wanna rock“ von 1984 anbrüllte. Inzwischen gehört der Track, der auf dem Erfolgsalbum der New Yorker „Stay Hungry“ erschien, zu den „VH1 Greatest Hard Rock Songs“. Der MTV-Ableger weiß auch warum. In den Achtzigerjahren machte MTV die Singleauskopplung erst weltbekannt. Wenngleich die damaligen Chartpositionen eine andere Sprache sprachen. Gerade mal im Mittelfeld tobte sich die bunte Truppe aus. Nur in Südafrika, Neuseeland und Norwegen erklomm „I Wanna Rock“ die obersten Chartregionen. In dieselbe Kerbe schlug auch der Single-Hit „We’re not gonna take it“.
Zehn Jahre nach dem erstmaligen Erscheinen der Videos erblickte ich Twisted Sister auf dem Fernsehbildschirm und war erschüttert und erheitert zugleich. Zu dilettantisch und naiv die Musik und die Botschaft des Liedes, dann die komödiantischen Szenen im dem „cineastischen“ Streifen – eine Mischung aus Slapstick und Rock’n’Roll. Aber irgendwie Kult, soll später ein anderer Weggefährte gesagt haben. Ich nahm die Ergüsse lediglich zur Kenntnis. Anfang der Neunzigerjahre wallten zwei sehr interessante Klangwogen in meine Ohren: das, was gemeinhin als Grunge bekannt gemacht wurde, und Death Metal. Zu antiquiert klang für meine Ohren der Sound von Twisted Sister, die ich schnell in denselben Schweinerock-Topf wie Mötley Crüe, Kiss, Guns’n’Roses und Scorpions etc. warf. So simpel die Botschaft der Amis zu verstehen war, so komplex ist aber auch der gesellschaftliche und politische Zusammenhang von Pop und Rockmusik in den USA während der Reagan-Ära zu verstehen. Aber diese Perspektive öffnete sich erst später.

Rock’n’Roll-Zombies vs. Zensur

Der Zombie-Walk ist keine Erfindung irgendwelcher Filmproduzenten irgendeiner Filmfirma. Schon im Video von „Be cruel to your school“ schleichen Untote zwischen den Bandmitgliedern von Twisted Sister und Alice Cooper durch eine Bildungsanstalt und versuchen die Laune hochzuhalten. Vom Zombie-Walk, von der anti-autoritären Haltung der Band, den lyrischen Inhalten und dem Äußeren der Bandmitglieder schienen sich Amerikas Konservative zu stoßen. Allen voran Tipper Gore, der Frau des späteren Präsidentschaftskandidaten Al Gore. Mit ihrer Organisation Parents Music Resource Center (P.R.M.C.) schuf sie ein Zensurorgan, das nicht nur Twisted Sister an den öffentlichen Pranger zu stellen versuchte, sondern auch Künstler wie Frank Zappa, Madonna und Megadeth. Es ging der Organisation v.a. darum, scheinbar okkulte, gewaltverherrlichende, sexuell-orientierte, drogengeschwängerte und alkoholgetränkte Inhalte aufzuspüren und darauf hinzuweisen. Anders als aber in Deutschland, wo Alben von Bands wie Rammstein, Cannibal Corpse und Kreator wegen angeblicher Gewaltverherrlichung auf den Index landeten und nur unter dem Ladentisch gehandelt werden durften, versahen die Sittenwächter in den USA die „expliziten“ Alben mit Aufklebern. Twisted Sister musste sich 1985 öffentlich in einer Anhörung rechtfertigen und klagte die Vorgehensweise von Tipper Gore & Co. an. Der Frontmann Dee Snider stellte heraus, dass er weder Drogen und Alkohol konsumiere, noch Gewalt verherrliche und diese Inhalte auch nicht in der Musik proklamiere. Der Sänger stellte in seiner Rede klar, dass es im Rock’n’Roll um Entertainment gehe und sowohl Musik als auch Outfit der Band unter dem Prinzip der Ausübung der künstlerischen Freiheit ständen. Eine Zensur oder auch Kennzeichnung der Inhalte würden diese Freiheit einschränken. So sahen und sehen es viele der von der P.M.R.C. angekreideten Musiker. Dennoch wird weiterhin der Sticker „Parental Advisory Lyrics“ oder „Parental Advisory Contents“ geklebt. Also Inhalte, auf die Eltern schauen müssten, dass ihre Zöglinge eventuell früher oder später keinen „Schaden“ nehmen würde. Gewaltprävention von der Wiege an, sozusagen. Gebracht hatte die Vorgehensweise der Organisation bislang nichts. Geschadet aber auch nicht. Im Gegenteil: der Aufkleber adelt. Twisted Sister hatte, wie Madonna, Megadeth und viele andere Künstler, irgendwie überlebt, wenngleich 1988 das Aus für die schillernde Truppe kam. In den Neunzigerjahren fand sie wieder zusammen.

Die eisernen Männer des Rock’n’Roll

Neue Studioalben gibt es von den selbsternannten „eisernen Männern des Rock’n’Roll“ schon lange nicht mehr. Stattdessen veröffentlichen Dee Snider & Co. regelmäßig Konzertmitschnitte. Eine Ausnahme ist aber das Weihnachtsalbum von 2006. Doch neue Songs blieben seit der Reunion Fehlanzeige. Könnte im Zuge der Veröffentlichung ihrer neuen Live-Scheibe „Metal Meltdown – Featuring Twisted Sister Live at the Hard Rock Casino Las Vegas – A concert to Honor A. J. Pero“ alles auf Neustart stehen? Bei der Hommage an den 2015 verstorbenen Drummer A.J. Pero trommelt Ausnahmekesselbearbeiter Mike Portnoy (u.a. The Winery Dogs, Dream Theater, Avenged Sevenfold) den Doppeldecker ein. Dieser Bursche ist alles andere als nur für eine Liaison zu haben. Der Tausendsassa an den Becken und Kesseln gehört zu den Workaholics und Impulsgebern der Hardrockszene. Seit seinem Aussteig bei Dream Theater hinterließ er eine Liste an Studioarbeiten, die sich sehen lassen kann: drei Alben mit Adrenaline Mob, acht Scheiben mit Transatlantic, drei weitere mit The Winery Dogs, sieben mit Neal Morse, vier mit Flying Colors. Die meisten von ihnen trommelte er in einem Zeitraum von 2010 bis 2015 ein. Hinzu kommen noch eigene Soloscheiben. Halbe Sachen macht er nicht. Wird dies auch bei Twisted Sister sein, die aktuelle Live-Platte nur ein Anfang einer wunderbaren Zusammenarbeit? Zu wünschen wäre es. Gehört doch die Band schon seit ihrem Debüt „Stay Hungry“ zum Hardrock-Standard.

Der Schmelzpunkt ist erreicht

Für Twisted Sister ist Mike Portnoy mit seinem wuchtigen Drumming jedenfalls eine Bereicherung. Das sieht und hört man auch auf „Metal Meltdown“. Der kraftstrotzende Auftritt wurde am 30. Mai 2015 im berühmten Hard Rock Casino in Las Vegas mitgeschnitten und bietet alle Twisted-Sister-Klassiker der vergangenen 40 Jahre. Die Show wurde A. J. Pero gewidmet, dem legendären Schlagzeuger von, der kurz vor dem Gig ganz unerwartet aus dem Leben schied.
Leicht war die Entscheidung nicht, den Verstorbenen kurzfristig zu ersetzen. Twisted Sister Gitarrist JayJay French über die harte Zeit, die folgte: „Die Entscheidung treffen zu müssen, nach dem plötzlichen Tod von A. J. auch noch all die anderen Shows im Sommer 2015 zu spielen, geschweige denn den Gig, von dem nun der Mitschnitt vorliegt, war, wie ihr euch vorstellen könnt, alles andere als leicht. Alle Leute um uns herum waren aber echt großartig, die Promoter der großen europäischen Sommer Festivals, die wir headlinen sollten und Barry, unser Produzent, waren alle total verständnisvoll und standen voll hinter uns.“
Am Ende hat die Band laut JayJay French das getan, was A. J. sicher gewollt hätte. „Mike Portnoy hatte großen Anteil an der Entscheidung, sowohl auf emotionaler als auch auf künstlerischer Ebene. Mit dem vorliegenden Konzert gedenken wir A. J., der ja seit 1982 bei uns war. Wir werden ihn nie vergessen. Man kann sich vorstellen, wie emotional der Moment war, als wir an dem Abend sein Drumsolo auf die Bühnenrückseite projizierten. Ich war seit unserer Reunion zu NY Steel im Jahre 2001 (Anm. d. Red. – die Band veranstaltete ein Charity-Konzert, bei welchem die Band den Opfern des 09/11 Angriffs gedachte und für die Familien der Opfer Geld sammelten) nicht mehr so massiv den Tränen nahe.“

Und noch ein paar Fakten

„Metal Meltdown – Featuring Twisted Sister Live at the Hard Rock Casino Las Vegas – A concert to Honor A. J. Pero “ wurde von der preisgekrönten Produktionsfirma Rock Fuel Media in Zusammenarbeit mit Loud & Proud Records und Regisseur Brian Lockwood (bekannt durch seine Zusammenarbeit mit Acts wie Bon Jovi, Metallica, Mötley Crüe) produziert und liefert das Konzert auf CD, DVD (auch als BluRay verfügbar) und zusätzlicher Bonus Dokumentation Namens „Rockshow“.
Im Dokumentarfilm „Rockshow“ nehmen uns Twisted Sister mit auf eine Reise durch 40 Jahre Bandgeschichte, mit exklusiven Einblicken hinter die Kulissen, von Gigs in lokalen Clubs zu Anfang ihrer Karriere, bis hin zu den glorreichen Zeiten der 80iger Jahre, mit raren Interviews, Archivaufnahmen und Fotogalerie.
Unter dem Banner „Metal Meltdown“ sollen zu späterem Zeitpunkt auch Livemitschnitte von Extreme, Skid Row und Great White veröffentlicht werden.
Aktuell befindet Twisted Sister sich auf Festival Tournee und kehren im Zuge dessen im Juli für zwei Festivals nach Deutschland zurück.

Weitere Infos:
www.twistedsister.com

www.loudandproudrecords.com

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: