Im Rückspiegel: Die zwölf Roten (3)

Das Coverbild von "Orgasmatron", im Original von Jesse Pintagno gemalt (Quelle: GWR Records)

Das Coverbild von „Orgasmatron“, im Original von Joe Petagno gemalt (Quelle: GWR Records)

1986 war das Jahr der roten Alben. Im Laufe dieser zwölf Monate erschienen eine Handvoll Scheiben, die zumindest in der Hard’n’Heavy-Szene als essentiell gelten. Warum es ausgerechnet „rote“ Alben sind und außerdem auch noch zwölf Stück? Mit einer apostolischen Verschwörungstheorie hat das nichts zu tun. Wahrscheinlich handelte es sich nur um einen Trend, den man sicherlich auch für 1996 feststellen könnte, wenn man es nur will.

Rot sind die Alben deshalb, weil ihr Outfit rot gestaltet ist. 1986 erschien ein Dutzend in diesem Gewand wegweisende oder zumindest prägende oder beachtenswerte Scheiben, die in der kleinen Metaller-Welt Freude aufkommen lassen könnten.

Megadeth: Peace Sells … But Who’s Buying?

Ein markiger Sprücherklopfer war Dave Mustaine schon immer. Nach seinem 1983 erfolgten Rauswurf bei Metallica schien es mit ihm jedoch am Ende gewesen zu sein. Dann tauchte fast überraschend 1985 das Debüt von seiner gegründeten Band Megadeth auf. Dass er aber es schaffte, seinen ehemaligen Wegbegleitern von Metallica musikalisch das Wasser zu reichen, das traute ihm niemand zu. Mit „Peace Sells“ schloss er an seine ehemaligen Kollegen von Metallica sowie Slayer an, die 1986 ebenfalls mit Klassikern von sich Reden machten.
Der 1986 erschienene Zweitling geht eine Spur kontrollierter zur Sache als der Erstling „Killing is my business“.
Die Hintergründe zum Album tun sich einem auf, wer die Interviews mit Leadsinger Mustaine verfolgt hat. Obdachlos sei er zu dem Zeitpunkt der Aufnahmen gewesen und war in eine Frau namens Diane verliebt. Weil Mustaine außerdem kein Papier im Studio hatte, schrieb er die Original-Texte zu „Peace Sells“ an die Studiowand. Später wurden sie wieder übertüncht. Der von Mustaine komponierte Basslauf am Anfang des Titelstücks wurde später vom US-amerikanischen Musikfernsehsender MTV übernommen, als Jingle für ihre News. Geld sah er für die Übernahme nie.
Eigentlich war das Stück im Original über acht Minuten lang. Gitarrist Chris Poland erinnert sich an einem Gespräch mit Schlagzeuger Gar Samuelson. Der Drummer war der Meinung, dass das Stück viel zu gut sei, um es auf die Länge von acht Minuten zu belassen. Man solle lieber die Arrangements kürzen und straffen und lieber eine Singleauskopplung machen. So tat es die Band dann auch. Über den Refrain von besagtem Lied erzählt Bassist Dave Ellefson, dass ihre Melodie von Van Halen beeinflusst sei. Er nennt die Passage „Michael Anthony Part“, wegen des immer höher werdenden Gesangs.
Inzwischen gehört „Peace Sells“ zu den 1001 Alben, die man gehört haben muss, bevor man stirbt. Wie schon auch bei Nuclear Assault und Ozzy Osbourne, wird im Titellied Politik und nuklearer Krieg thematisiert. In „The Conjuring“ geht es um Teufelsmagie. Über die Gedanken eines Gefangenen auf der berüchtigten Gefängnisinsel Devil’s Island dreht sich ein gleichnamiges Stück. Religionsorganisationen und die damalige Regierungsarbeit bekommen auf dem Album auch ihr Fett weg.
Das Studiowerk wurde zwischen Februar und März in den Music Grinder Studios und Rock Steady Studios in Los Angeles sowie in den Maddog Studios in Venice aufgenommen. Der Longplayer wurde im September des gleichen Jahres in die Läden gestellt. Bis heute gilt die Scheibe neben dem Viertling „Rust In Peace“ als die Referenz für die Frühphase der Band, die in den Neunzigerjahren zwar mit „Countdown To Extinction“ und „Youthtanasia“ kommerziell ihre erfolgreichsten Marksteine setzte, zwischenzeitlich eine kreative Flaute mit Ausnahme der jüngeren Alben ab „Endgame“ durchschritt.

Metallica: Master Of Puppets

Die dritte Studioarbeit der vier Jungs aus San Francico gehört wohl zu den beeindruckendsten Geschenken, die eine Metalband sich selbst und ihren Fans machen kann. Es gibt acht Gründe die Scheibe anzuhören: „Battery“, „Master Of Puppets“, „The Thing That Should Not Be“, „Welcome Home (Sanitarium)“, „Disposable Heroes“, „Leper Messiah“, „Orion“ und „Damage Inc.“. Seit diesem Werk gehört der Vierer um Drummer Lars Ulrich und Frontmann James Hetfield endgültig zu den Top-Metallern an.
Die Band entwickelte sich seit ihrem Debüt „Kill `Em All“ musikalisch immer weiter. Der Nachfolger „Ride the Lightning“ war ein Szeneerfolg. Doch mit dem zwischen September und Dezember 1985 in Kopenhagen aufgenommenen und im März 1986 veröffentlichten Studiowerk „Master Of Puppets“ erreichte die Band ein größeres Publikum. Das lag nicht zuletzt an der Vertriebspolitik des neuen Majorlabels Elektra, sondern auch daran, dass Lars Ulrich, Kirk Hammett, James Hetfield und Cliff Burton mit dem Hardrock-Superstar Ozzy Osbourne auf Tournee gingen. Kommerziell war Metallica zu diesem Zeitpunkt noch lange nicht, war meilenweit von Hardrock-Hymnen wie „Nothing Else Matters“ und „Until It Sleeps“ entfernt. Stattdessen hörte man acht Thrash-Abrissbirnen, die lediglich von ruhigen Momenten bei der Halbballade „Welcome Home“ und dem von Klassik beeinflussten Instrumental „Orion“ kontrastiert werden.
Inhaltlich stand Metallica 1986 noch felsenfest auf dem Fundament aus Anklagen gegen Drogen sowie die Kontrolle, die von Drogen auf Geist und Körper ausgeht („Master Of Puppets“) und Krieg („Disposable Heroes“). Desweiteren beschreibt Hauptsongschreiber Hetfield sein Verhältnis zur Wut („Battery“), Religion („Leper Messiah“), erzählt Hintergründe zum „Khtulu-Kult („The Thing That Should Not Be“), zur Ägyptische Mythologie („Orion“) und Geisteskrankheit („Welcome Home“). Das sollte sich im Laufe der Zeit ändern, während James Hetfield immer persönlichere Einblicke in seinen Lyrics preisgab und -gibt.
„Master Of Puppets“ gilt wegen seiner Monumentalität, dem Spiel- und Kompositionsvermögen als der Meilenstein überhaupt in Metallicas Backkatalog. Hierin sind Kritiker und Fans sich inzwischen einig. Der Weg, den Metallica danach einschlug hat nichts mehr mit der Entwicklung der ersten drei Alben zu tun und ist auch wahrscheinlich durch den Tod des zweiten Hauptsongschreibers der Band, Cliff Burton, geschuldet. Sein klassisch-geprägter Background fehlt bis heute in der Band, auch wenn James Hetfield nach eigenen Aussagen beteuert, der Geist von Cliff würde beim Schreiben neuer Songs mitschwingen.

Motörhead: Orgasmatron

„Orgasmatron“ markiert den Beginn der Mark-IV-Besetzung der Briten und darf man ruhig als Comeback verstehen. Als die achte Studioarbeit 1986 erschien, ging es der 1975 gegründeten Band um Frontmann Lemmy Kilmister nicht so gut. Die prekäre finanzielle Situation von Motörhead schlug sich dennoch kaum auf den Enthusiasmus nieder, wohl aber auf den Klang des Longplayers.
Seit der Gründung wechselte das Personal viermal. Zu den Anfangstagen und während der dato erfolgreichsten Phase zwischen 1978 bis 1983 gingen schon drei folgenreiche Zu- und Abgänge vor sich. Aus der bluesrock-orientierten Nummer wurde eine Highspeed-Kapelle, die sowohl von der britischen Punkrock-Welle als auch von der Wiedergeburt des britischen Heavy Metal getragen wurde. Doch Mitte der Achtzigerjahre änderte sich das Bild von einem Trio zu einem Vierer. Zwei Gitarristen prägten bis Mitte der Neunzigerjahre das Klangbild von Motörhead. Dass „Orgasmatron“ dennoch wie zu ihren Glanzzeiten klingt, ist sowohl dem an der „klassischen“ Phase angelehnten Sound zu verdanken, als auch dem an dem geschassten Gitarristen Fast Eddie Clark orientierten Stil der beiden Neuzugänge Phil Campbell und „Würzel“.
Hinzu kommen neun kraftstrotzende Titel, die den Fans die kurze Phase von „Another Perfect Day“ vergessen machte. Der Longplayer mit der Dampflok auf dem Cover erinnert stark an die Phase von „Bomber“, „Overkill“ und „Ace Of Spades“. Songs wie „Deaf Forever“, „Nothing Up My Sleeve“, „Claw“, „Ain’t My Crime“, „Mean Machine“, „Built For Speed“, „Doctor Rock“ und „Orgasmatron“ reihen sich nahtlos an die Zeit als noch Fast Eddie Clark den Sechssaiter hochhielt. „Built For Speed“ klingt wie ein Zwilling von „On The Road“. „Mean Machine“ erscheint wie ein Bastard aus „Ace Of Spades“ und „Overkill“. Dafür wurde die Band auch kritisiert – nichts neues mehr auf der Pfanne, Motörhead kopiere sich selbst. Wenn auch „Another Perfect Day“ ein ebenso hochzuschätzender Klassiker der Truppe ist, besann sich das Quartett auf „Orgasmatron“ vielmehr auf ihre alte Stärken. So kann man die Neuauflage der alten Hits in neuem Gewand auch verstehen. Außerdem feierte die Band 1985 ihr zehnjähriges Jubiläum. „Orgasmatron“ könnte als „Nachgeburt“ so auch als „Best Of“ der alten Hits verstanden werden – nur eben anders interpretiert. Gerade deswegen erscheint die Platte auch so nostalgisch. Und sie wurde beileibe nicht so überproduziert wie viele andere Rock- und Metalveröffentlichungen aus den Händen von Iron Maiden, Judas Priest, Toto und Ozzy Osbourne aus dieser Zeit. Und genau deswegen lieben Fans „Orgasmatron“ auch.

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