Mit Dystopie im Gepäck: Megadeth kommt nach Deutschland

Megadeth anno 2015 mit neuer besetzung und Dystopien (Foto: Megadeth: PR)

Megadeth anno 2015 mit neuer besetzung und Dystopien (Foto: Megadeth: PR)

Fragt man heute irgendjemanden auf der Straße was eine Dystopie ist, wird man vermutlich ein Achselzucken als Antwort bekommen. Was hingegen eine Utopie sein könnte, dann würde jemand vielleicht Science-Fiction-Literatur und -Filme nennen. Für die US-amerikanische Thrash-Metal-Legende sieht die Zukunft der Menschheit jedenfalls düster aus. Sie benennt ihr jüngstes Werk schlichtweg „Dystopia“. Im Sommer ist sie damit hierzulande auf den Bühnen zu sehen.

Die Combo um den ex-Metallica-Gitarristen Dave Mustaine zeichnete in ihren bisherigen Alben immer eine düstere Zukunft. Beschäftigte sie sich stets mit aktuellen gesellschaftlichen und politischen Themen („Peace Sells“, „So far, soo good, so what“), mit der Alienproblematik (u.a. „Rust In Peace“), dem Blick ins Innere („Countdown To Extincion“, „Youthtanasia“) und mit ihren Folgen für die Menschheit. Mit ihrem aktuellen Stoff „Dystopia“ will Mustaine den Blick seiner Fans für das öffnen, was vielleicht auf sie zu kommen könnte, wenn die politische und wirtschaftliche Lage so bleibt wie sie ist. Wird die Freiheit der Demokratie zugunsten des Überwachungs- und Polizeistaats geopfert? Gerät die wohlsituierte Welt (USA und Europa) aus den Fugen, weil die politische und gesellschaftliche Lage sich verschärft, sich immer mehr Menschen v.a. in den USA sich von „Gesellschaftsverträgen“ verabschieden, Europa wegen des Flüchtlingsstroms ins Wanken gerät und weltweite Konflikte und Terrorismus einfach nicht abnehmen wollen?

Mustaine als Warner. Er möchte mit der neuen Scheibe Denkstoff für bereits vorhandene Situationen und kommende Entwicklungen bieten. Er sieht die Welt am Abgrund. Er will ausdrücken, dass die Antworten, die Wirtschaft und Politik den Menschen geben, dystopisch sind – den Menschen kaum Lösungen und Wege bieten, sich frei entfalten zu können. Der Mensch würde, so gesehen, nur manipulierbar sein, getrieben zwischen Konsum und Angst. Was und wie das geschieht, wird anhand der aktuellen Entwicklung in Deutschland deutlich – die aktuelle Einwanderungspolitik hat zu einer massiven Extremisierung in der Gesellschaft geführt. Die jüngsten Ausschreitungen in Leipzig zeigen das. Doch hat die BRD genügend Kapazitäten, Flüchtlingen wirklich etwas bieten zu können. Deutschland hat für viele Hilfesuchende ein utopisch scheinendes Antlitz bekommen.
Megadeth_Tour-Poster_largeDie Realität ist von den Erwartungen einiger Hierhergekommenen, dass eine Gesellschaft für einen alles unternimmt und eine Gesellschaft als Selbstbedienungsladen verstanden wird, weit entfernt – wenn auch Förderprogramme angekurbelt werden, um Menschen zu integrieren.
Doch viele, die hier seit Geburt an leben, fühlen sich nicht und sind nicht integriert. Sie sehen sich als Außenseiter und lassen ihre Aggressionen freien Lauf und treffen dabei völlig Unschuldige und Unbeteiligte. Übergriffe auf Emigranten, Andersdenkende und Presse zeigen das. Die hetzerischen Parolen der Neu-Rechten, die sich als „besorgte“ Bürger gerieren, tragen dazu bei, dass die Hemmschwellen fallen, andere Menschen einzuengen, zu verleumden, beleidigen und zu verletzen. Zu sagen, ohne Einwanderung wäre alles besser, ist genauso dystopisch wie zu sagen, nur mit Einwanderung klappt alles besser. Eine Utopie würde allen Menschen die gleichen Chancen eröffnen, sie von Ängsten und Zwängen befreien. Bieten uns Wirtschaft und Politik im Augenblick das? Sie bieten uns Rahmenbedingungen für das, was wir als persönliche Entfaltung kennen müssten. Doch viel zu viele Menschen sehen sich in einer Opferrolle und schlagen aus, anstatt ihr Leben in den Griff zu bekommen, sich aus gesellschaftlich anmutenden Zwängen zu befreien, die von Bildung, Ausbildung und Beruf vorgegeben scheinen. Eine durchaus philosophische Frage, die Mustaine also umtreibt.
In der Vergangenheit haben verschiedene Machthaber versucht, den Leuten Dystopien als Utopien zu verkaufen. Bei Mussolini war es so. Bei Hitler, Stalin usw. wurden Staatsideen als Verheißungen angeboten. Doch es stellte sich immer wieder heraus, Menschen sind eher dazu bereit, sich anzupassen und mitzuschwimmen als wirklich sich gegen die Willkür anderer zu wehren. Das kann durchaus für das eigene Leben schwierig werden. Eine wirkliche Utopie gibt es also nicht, außer sein eigenes Leben und die eigene Zukunft darauf aufzubauen, dass es gut für einen selbst wird – egal wie dystopisch eine Gesellschaftsstruktur agiert.

Ob Mustaines Fans das verstehen wollen? Interessiert es sie nur, wann die Thrashmetal-Legende auf Tournee kommt? Ob das neue Album im Vergleich zu den alten Klassikern der Achtziger- und Neunzigerjahre gut abschneidet oder auch nicht? Denn ihnen wird es darum gehen, dass Megadeth im Sommer erstmals nach acht Jahren in Deutschland wieder ausgiebig auf Konzerthallenbesichtigung geht, in Berlin, Hamburg, Köln, Frankfurt und München Stopps einlegt. Zuletzt war die Band 2014 auf dem Wacken-Festival zu sehen. Die Reise wird vom Bandmanagement als „die erste komplette Headliner-Tournee der Band in Deutschland seit der „Tour Of Duty“ vor acht Jahren und der Tour im Vorprogramm von Judas Priest 2009 zusammen mit Testament“ gepriesen. Man holt aus, wie wichtig die Band für die Begründung des Metal-Subgenres Thrash ist, dass sie bislang 38 Millionen Alben verkauft hat, elfmal für den Grammy nominiert wurde, fünf Alben in den USA Platinstatus innehaben und dass „Dystopia“ das mittlerweile 15. Studioalbum der Band ist, die erneut in einer neuen Besetzung um den Gründerkern Mustaine-Ellefson die Aufwartung machen möchte. Man sagt dem Album eine Rückkehr zur alten Stärke nach, weil es nach dem melodiösen „Supercollider“-Album von 2013 wieder härter geworden sei. „Dystopia“ strotze vor frischen Ideen und einem wahren Schwall an kreativer Energie, heißt es von der Plattenfirma und verkauft die neue Platte als „weiteren Megadeth-Meilenstein, mit dem unverkennbaren Markenzeichen von Dave Mustaine: einzigartiges und vertracktes Songwriting, blitzartige Riffs von harmonischer Genauigkeit, mit denen die Band auch weiterhin in härtere Gefilde vorstößt“.
Der rotgelockte Bandchef sagt dazu: „Da ist gerade eine Begeisterung in mir, die ich seit einer sehr langen Zeit nicht mehr gefühlt habe.“

Und die Dystopie?

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