Im Rückspiegel: Die zwölf Roten (2)

Iron Maiden
Iron Maiden „Somewhere In Time“ (Copyright: EMI / Riggs)

1986 war das Jahr der roten Alben. Im Laufe dieser zwölf Monate erschienen eine Handvoll Scheiben, die zumindest in der Hard’n’Heavy-Szene als essentiell gelten. Warum es ausgerechnet „rote“ Alben sind und außerdem auch noch zwölf Stück? Mit einer apostolischen Verschwörungstheorie hat das nichts zu tun. Wahrscheinlich handelte es sich nur um einen Trend, den man sicherlich auch für 1996 feststellen könnte, wenn man es nur will

Rot sind die Alben deshalb, weil ihr Outfit rot gestaltet ist. 1986 erschien ein Dutzend in diesem Gewand wegweisende oder zumindest prägende oder beachtenswerte Scheiben, die in der kleinen Metaller-Welt Freude aufkommen lassen könnten.

Kreator: Pleasure To Kill

German Metal gilt im Ausland ja als Garant für Qualität. Vielleicht auch für Glaubwürdigkeit. In diesem Fall ist diese Einschätzung ein streitbarer Diskussionsgegenstand, wenn es um Formationen wie Blind Guardian, Primal Fear, Helloween, Running Wild, Rage usw. usf. geht. Wer von 1985 bis 1990 Teenager war, für den galt Kreator der Maßstab an Aggression an die nicht einmal Slayer heranreichte. Die Ruhrpott-Thrasher um Mille Petrozza gibt es sogar noch heute. Sie tingeln erfolgreicher denn je als Berufsjugendliche mit demselben Sound herum, wie sie ihn bereits 1986 eindrucksvoll darboten. Nur mit dem Unterschied, dass Kreator damals aus 16-jährigen Jüngelchen bestand, die inzwischen gestandene Männer sind.
Dennoch: Kreator war 1986 eine Macht im deutsch-deutschen Szene-Untergrund. Norwegische und schwedische Musiker räumen ganz speziell „Pleasure To Kill“ und auch dem Vorgängeralbum „Endless Pain“ eine besondere Rolle in der Entwicklung des Black Metal ein. Ihr kompromissloser Sound spornte viele dazu an, auch zu Gitarre, Bass und Schlagzeug zu greifen. Mit der unheiligen Paarung aus jugendlicher Naivität und Dilenttantismus konnte man es auch zu etwas bringen, ohne die Musikschule besuchen zu müssen. Hauptsache plump und roh soll es sein.
Kreator tauchte zu einem Zeitpunkt auf, als in Europa extreme Bands wegweisende Alben veröffentlichten: Hellhammer, Celtic Frost, Destruction, Sodom, Bathory. Manch einer spricht sogar von einem Wettlauf zwischen US-Amerika und Europa wenn es um extreme Bands geht. Auch auf dem amerikanischen Doppelkontinent traten extrem klingende Bands auf den Plan: Possessed, Sarcophago, Sepultura, Death, Morbid Angel, Razor…
Tatsächlich entwickelten sich ab Mitte der Achtziger unabhängig voneinander verschiedene extreme Positionen von Metal. Das hatte mit inneren Einstellungen und Spielvermögen der Musiker zu tun und von den Umständen wo und wie ein Album aufgenommen und produziert wurde. Man denke nur an den Widerstreit des Tampa-Sounds zahlreicher Death-Metal-Bands aus den USA und den Sunlight-Studio-Produktionen aus Schweden.
Mit „Pleasure To Kill“ stand Kreator ganz am Anfang einer Karriere, die die Band über einer Etablierung eines klinischen Thrash-Metal-Klangs mit „Terrible Certainty“ (1987), „Extreme Aggression“ (1989) und „Coma Of Souls“ (1990) hin zu Experimenten wie „Renewal“ (1993) und „Cause For Conflict“ (1995) zurück zum ur-eigenen Stil bei Alben wie „Violent Revolution“ (2001) und „Hordes Of Chaos“ (2009) führte.
Irgendwie hatte die Altenessener Truppe seit der Veröffentlichung ihres Klassikers und auch Standardwerkes von 1986 nie wieder dessen entfesselte Urgewalt erreicht. Vor allem der Wechsel des Gesangs zwischen Mille und Schlagzeuger Ventor, die treibenden, sich überschlagenen und peitschenden Rhythmen sowie die unbändige Wucht machen „Pleasure To Kill“ unverwechselbar. Es ragt deswegen aus allen anderen Veröffentlichungen dieses Jahres heraus.

Nuclear Assault: Game Over

Was Kreator für Europa ist, war in Ansätzen Nuclear Assault für die USA. Der Thrash Metal auf ihrem Debüt „Game Over“ holtertdipoltert ähnlich unsanft in die Gehörgänge wie „Pleasure To Kill“. Und doch ist die Machart, die Nuclear Assault verfolgt, eine andere. Auf „Game Over“ ist die Schnittmenge aus Metal, Punk und Hardcore Punk deutlicher herauszuhören. Die Band bewegte sich damals im Umfeld des New Yorker Dunstkreises aus Anthrax, Overkill, S.O.D. und Carnivore. Kein Wunder: Bassist Dan Lilker wirkte zumindest bei Anthrax und S.O.D. mit. Diesen Bands ist ein gewisser Hang zum Hardcore Punk zu eigen. Auch textlich bewegen sich die New Yorker um Frontzwerg John Connelly auf anderem Terrain als die Europäer. Statt Satan, Gewalt und Teufel liest man eher politische und gesellschaftskritische Slogans. Es geht um den Kalten Krieg, dem drohenden Donnerschlag eines Atomkriegs und seine postapokalyptischen Folgen, Umweltschutz und Machenschaften von Religionsorganisationen, Banken und Industrie.
Trotz der doch sehr aktivistischen Haltung der Musiker, wenn sie auch nur als Image diente, sagte eine „Report“-Sendung aus den Achtziger Jahren der Band eine “Lust am Killen” nach und meinte speziell den – doch recht plakativen – Aufruf „Hang The Pope“. In 46 Sekunden soll dieser Song eine fiktive Beschreibung enthalten, wie der damalige Papst aus dem Bett gezerrt und aufgehängt wird. Man kann dies als Aufforderung zu einem terroristischen Akt oder gar Mord verstehen, aber mal ehrlich: wer hat seitdem im Ernst versucht, nach dem Hören des infernalischen Krawalls, einen Anschlag auf einen Kirchenvertreter zu planen und durchzuführen? Die ungestüme, adoleszente Aussage verpufft eher im schwarzen Loch des Sarkasmus als in einer Anstiftung zu einer Straftat.
Irgendwie muss es Kritiker der Band trösten, dass Nuclear Assault nach zwei weiteren Alben „The Plague“ und „Game Over“ seit 25 Jahren mehr oder weniger in der Versenkung verschwunden ist und trotz Comebackversuches 2014 immer noch verschwunden bleibt. Für Fans des extremen Thrash Metal ist aber „Game Over“ das Nonplusultra dieser Zeit gewesen.

Ozzy Osbourne: The Ultimate Sin

Das Album ist lustig, und sehr autobiografisch geprägt. Die vierte Soloscheibe des Ex-und-wieder-Sabbath-Fronters, selbsternannten „Prince Of Darkness“ und Madman geriet zu diesem Zeitpunkt als sein kommerziellstes Werk, sieht man vom 1991 erschienenen Longplayer „No More Tears“ ab. Die teilweise recht harsch ausgefallenen Kritiken zur Scheibe stellen sich im Nachhinein als Unkenrufe heraus. Denn anders als behauptet, stellt sich das am 22. Februar 1986 veröffentlichte „The Ultimate Sin“ im Lauf der Zeit als echter Klassiker heraus. Das liegt nicht nur an der Singleauskopplung „Ultimate Sin“, welche mit einem Videoclip begleitet wurde. Darin läuft eine ex-Cheerleaderin zur schauspielerischen Höchstform auf. Worum es im Videoclip geht, kann man spekulieren. Dass die Handlung in dem eher unfreiwillig komischen Streifen eventuell sich auf seine Ehe mit Ozzys zweiten Frau Sharon Osbourne beziehen könnte, unter deren Fuchtel er auch als Ehemann und nicht nur als Künstler steht, er sich irgendwie von ihr befreien wollte, kann man nur mutmaßen. Auch dass die auf dem Cover dargestellte Frau ebenfalls Ozzys Eheweib darstellen soll, gehört auch zu den Mutmaßungen, die sich um die Entstehung der Scheibe ranken. Jedenfalls wurde damals die Plattenhülle kontrovers diskutiert. Anfangs sollten drei Kruzifixe im Bild erscheinen, und die Dame sollte ohne Hosen gezeigt werden. Dass Ozzy als Fledermaus verkleidet aus einem roten Sumpf aufsteigt, kann man in den Zusammenhang seiner berühmten Fledermausenthauptung durch einen herzhaften Biss stellen.
Inhaltlich wagt Ozzy sich auch in den Bereich des Themas, der die damalige Bedrohung durch Nuklearwaffen beschreibt („Thank God For The Bomb“). Der Song „Never Know Why“ positioniert sich gegen die von Tipper Gore gegründete und angeführte Organisation „Parents Music Resource Center“ (PMRC), die Künstler wie Prince, Cindy Lauper, Mötley Crüe, Venom und Sheena Easton mit Verleumdnungen zu diskreditieren versuchte. Der Sticker mit der Aufschrift „Parental Advisory Explictit Lyrics“ geht auf diese Initiative zurück.
Nur darf man nicht vergessen, dass der damalige Bassist Bob Daisley nahezu alle Lyrics für „The Ultimate Sin“ geschrieben hat, er gemeinsam mit anderen Musikern an der Musik feilte. Daisley erinnert sich in einem Interview, das er auf seiner Webseite veröffentlichte, dass Ozzy mit Ideen an ihn heran trat, die er zu seiner Zufriedenheit umsetzte. Zusammen mit dem frisch entdeckten Gitarrenwunder Jake E. Lee verfasste Daisley einen Großteil der Songs und der Lyrics. Denn Ozzy war wieder mal auf Entzug in der Betty-Ford-Klinik. Nicht einmal Ozzy selbst und Daisley mögen das Ergebnis besonders, was wahrscheinlich an den persönlichen Prozessen liegen kann, die in negativer Weise das Album begleiten und vor allem dem – seiner Meinung nach – verhunzten Sound. Im übrigen schuf Daisley vor allem musikalisch seit „Blizzard Of Oz“ bis „No More Tears“ die meisten Songs für die er nicht als Urheber genannt wird. Was er und andere für seine Arbeit bekamen war „Nichts“.

Lesen Sie in den kommenden Teilen mehr über Slayer, Metallica, Megadeth, Sodom und Queensryche.

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