Im Rückspiegel: Die zwölf Roten (1)

Iron Maiden "Somewhere In Time" (Copyright: EMI / Riggs)

Iron Maiden „Somewhere In Time“ (Copyright: EMI / Riggs)

1986 war das Jahr der roten Alben. Im Laufe dieser zwölf Monate erschienen eine Handvoll Scheiben, die zumindest in der Hard’n’Heavy-Szene als essentiell gelten. Warum es ausgerechnet „rote“ Alben sind und außerdem auch noch zwölf Stück? Mit einer apostolischen Verschwörungstheorie hat das nichts zu tun. Wahrscheinlich handelte es sich nur um einen Trend, den man sicherlich auch für 1996 feststellen könnte, wenn man es nur will

Rot sind die Alben deshalb, weil ihr Outfit rot gestaltet ist. 1986 erschien ein Dutzend in diesem Gewand wegweisende oder zumindest prägende oder beachtenswerte Scheiben, die in der kleinen Metaller-Welt Freude aufkommen lassen könnten.

Abattoir: Vicious Attack

Um einfach bei der richtigen Reihenfolge zu bleiben. Mit A fängt das Alphabet an. Im Jahr 1986 steht die Holterdipolter-Truppe von Abattoir unter einem aufsteigenden Stern. „Vicious Attack“ heißt die acht Tracks starke Bibel für eingefleischte Thrash-Metaller. Und diese Scheibe ist eben in einem roten Pappmäntelchen verpackt worden. Darauf sieht man nicht viel. Als wohne der Betrachter in einer Dunkelkammer eines Fotografen einer Szene bei, wo ein Typ mit seinem tätowierten Arm eine Frau festhält und gleichzeitig ihr mit einem langen Messer klarmacht, dass er nicht nur „Liebe“ von ihr will. Anspielungen von Sex & Violence ziehen sich durchs Thrash-Metal-Genre wie ein roter Faden. Musikalisch zieht Abattoir auf „Vicious Attack“ alle Register. Da bleibt kein Auge trocken, da steppt der Papst im Kettenhemd und der Bär am Nasenring.


Black Sabbath: The Seventh Star

So richtig rot ist die Scheibe nicht. Doch der Schriftzug prangt rot auf schwarzem Grund. Einfallsloser im Design und auch in Sachen Musik kann dieser Tabubruch mit der Sabbath-Storie nicht sein. Anfänglich als Solo-Album des Sabbath-Riffgottes Tony Iommi gedacht, wurde das Soloprojekt von der Plattenfirma eilends in „Black Sabbath“ umgetauft – um mehr Platten von dem Produkt zu verkaufen. Das ist aber nicht geschehen. Denn auf „Seventh Star“ ist Sabbath nicht drin, obwohl es da draufsteht. Glatt polierter Hardrock, amerikatauglich und radioaffin sind die Stücke, die nicht einmal ein Sänger einsang, der zumindest Ronnie James Dio das Wasser reichen konnte. Basser Geezer Butler hatte auch das Weite gesucht – er suchte härteren Stoff. Das gelang Butler und Iommi auch mit dem 1983 erschienen Vorgängeralbum „Born Again“ gemeinsam mit dem Ex- und Wieder-Deep-Purple-Sänger Ian Gillan auch. Wenngleich der Geschmack beim Hören des Blau-Roten Reanimationswunders hin und wieder streikte, so fiel er gänzlich beim Lauschen von „Seventh Star“ aus. Mit Ausnahme des gemächlich dahinstampfenden Titelstücks mit der für Sabbath so typischen röhrenden Gitarre und schleppendem Geschepper an der Schießbude wollte Iommi kein so recht nach Sabbath duftender Stallgeruch gelingen. Stattdessen gibt es Corvette-Rock zu hören, der eher ins Jahr 1983/84 gepasst hätte, aber für 1986 ziemlich antiquiert klang, und womöglich zwischen 1977 und 1984 seine größten Erfolge gefeiert hätte, wäre Ozzy Osbourne einen tragischen Heldentod an der Schnupftabakdose gestorben und Ohnehin-Nachfolger Ronnie James Dio noch in weiter Ferne gewesen. Dann hätte die Rainbow- und Gary-Moore-Anbiederei durchaus einen guten Ruf wegbekommen.
So aber gilt „Seventh Star“ als krasser Bruch von Tony Iommi mit der eigenen Bandgeschichte, der erst mit der Reunion mit Dio 1992 und die mit Ozzy im selben Jahr mehr oder weniger realtiviert wurde, und noch mit den von Glenn-Hughes-Lookalike und -Nachfolger Toni Martin eingesungenen „Cross Purposes“ (1994) und „Forbidden“ (1995) – Martin sang auch die Alben „The Eternal Idol“ (1987), „Headless Cross“ (1988) und „Tyr“ (1990) ein – seine wenig beachtete Fortsetzung fanden.
Obwohl in der Phase zwischen 1986 und 1996 durchaus passable Nummern hervorgebracht wurden, lechzte die Welt doch nach der authentischsten Besetzung mit Ozzy Osbourne, die zumindest seit 1998 in hübscher Regelmäßigkeit immer wieder von den Toten aufersteht und 2016 wieder mit einem Nachfolgewerk des 2013 erschienenen Reunionwerk „13“ zum Vorschein kommt. „Seventh Star“ ist daher eine nach Schlagermuff groovende Hardrock-Hölle sondersgleichen und bekommt daher auch einen Sonderbonusstatus – austauschbar und völlig neben der Spur der einstigen Black Sabbath.

Iron Maiden: Somewhere in time

Back to 1989. Ein pubertierender Junge entdeckt die Platten von Iron Maiden. DDR noch, der Hauch der Wende wurde deutlich spürbarer. Der Junge saß bei einem Arbeitskollegen seiner Eltern auf der Couch. Vor ihm ausgebreitet die Errungenschaften des Gastgebers aus mehreren Jahren Öffnung des Eisernen Vorhangs in Ungarn. Davon – also von der Öffnung – war freilich in der DDR nichts zu spüren gewesen. Da war sogar die Sowjetunion weiter, wo im Straßenverkauf bereits „Hubba Bubba“ und „Pepsi“ wohlfeil geboten wurden. In punkto Veröffentlichungen aus dem Hardrock-Bereich hatte Ungarn die Nase vorn. Die für den ungarischen Markt lizensierten Platten sahen aus wie die, die man sie im Zuge des Mauerfalls auch in westdeutschen Läden stehen sah.
So auch die gesammelten Werke von Iron Maiden. An diesem sonnigen September-Nachmittag im Wendejahr stöberte der Junge durch den Katalog der britischen Rocker. Angefangen vom Debüt bis zum dato erschienenen Werk „Seventh Son Of A Seventh Son“. Musikalisch und auch äußerlich haften blieb aber „Somewhere in Time“. Die Mischung aus „Robocop“-Atmosphäre und Wuselbildern zur Vergangenheit der Eisernen Jungfrauen begeisterten ihn. Die Musik war das rundeste und kommerziellste, was die Briten bis dahin fabrizierten. Dennoch war die Spur vergangener Härte spürbar, Maidens Hang zu Epen wurde hier erstmalig ausgebaut. Vor allem die Soli der beiden Gitarristen versprühten einen Charme, der erst wieder auf der 2010 erschienenen „The Final Frontier“ zu hören war. Manche halten „Somewhere in Time“ für ein richtungsweisendes Album, weil die Band erstmalig mit Synthesizern arbeitete und waschechte Klassiker mit Ohrwurmcharakter aus den Ärmeln schüttelte. Manche halten das Werk noch für die letzte harte Ausgabe einer Reihe, die mit „Seventh Son …“ anfangend zusehends in seichtere Gewässer abdriftete und andere wiederum verbinden mit dem Album einfach einen letzten behüteten Sommer einer ausklingenden Kindheit in Erinnerung. Danach war einfach alles ganz anders.

Wie es mit Kreator, Megadeth, Metallica, Motörhead, Ozzy, Slayer, Queensryche und Nuclear Assault aussieht, lesen Sie in einem der kommenden Artikel der vierteiligen Reihe. In Teil 2 werden die Alben von Ozzy Osbourne, Kreator und Nuclear Assault vorgestellt.

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