Einfach verpufft – Lemmy war kein Normalsterblicher

Niemand kommt an ihm vorbei. Auch nicht der Popper und Parkplatz-Raver von nebenan. Nicht einmal Mutti. Schon gar nicht die Freundin. Lemmy ist tot. Sein Ableben ist ein Weltereignis. Wenn nicht sein Schaffen schon eins war. Er lebt dennoch weiter.

Es war ein kalter Winterabend im Jahre 1992 als eine Gruppe adoleszenter Burschen auf dem Weg nach Halle/Saale war. Sie fuhren in einem alten, braunen Lada von Leipzig zur Saale-Stadt, um ein Naturereignis zu erfahren. Einige Wochen zuvor sahen sie die großen Glasscheiben der Hallenser Eissporthalle bei den Takten von Manowar wabbeln – eine Metalband, die von sich behauptete, die lauteste der Welt zu sein. Ein Guinnessbuch-Eintrag bestätigt ihren Anspruch. Doch niemand reicht Lemmy und Motörhead das Wasser. Das war die Meinung dieser vier jungen Männer, die gerade selbst einen Sprung ins kalte Wasser des Lebens wagten.

In der Halle in Halle angekommen, wurden die vier Burschen durch den engen Eingang in das Innere des Sportgebäudes gequetscht. Biker, Rocker, Punker, Metalfans drängelten sich an den langen Tresen oder flanierten in den Gängen umher, stiegen über Schnapsleichen, warteten auf den Auftritt ihrer Helden. Einige der Angekommenen sahen sogar aus wie Lemmy Kilmister. Oder war er es selbst? Im Vorprogramm schrie-nervte eine Kapelle namens Rage um ihre Glaubwürdigkeit – German Metal. Das ist genauso wie noch einmal Puhdys und Stern Combo Meißen gut finden zu müssen, nur weil sie aus dem selben Land kamen, wo die vier Jungen und viele andere geboren wurden und endlich hinter sich gelassen hatten: einfach unerträglich. Dann kam Saxon auf die Bühne. Mit zwei marschstarken Alben im Gepäck, die sie wieder an die Spitze der Metalszene katapultiert hatten. Als dann Motörhead ihren Auftritt hatte, war die Menge außer sich. Auch diese Band erlebte ihren zweiten Frühling mit „1916“ und „March Or Die“. Doch der übersteuerte Sound von Würzels Gitarre ließ das Konzert in einem ohrenbetäubenden Lärm versinken. Die Fensterscheiben der Eissporthalle wellten sich jedoch nicht unter den Takten von Motörhead. Dafür änderte sich am Gehör eines der Angereisten direkt in den Minusbereich. Das Konzert war definitiv lauter als bei Manowar – wenigstens.

Damals, knapp über zwei Jahre nach der „Wiedervereinigung“ der BRD und DDR zu einem einzigen und Deutschland genannten Staat, erschien „March Or Die“ von der 1975 gegründeten Kapelle. Nicht die beste und spannendste Arbeit der Engländer um Frontwarze Kilmister, aber ein Umbruchwerk. Besetzungswechsel. Drummer Phil Taylor stieg nach der Tournee gemeinsam mit Gitarrist Würzel aus. Dafür wummerte fortan Schlagzeuger Mikkey Dee die Scheiben der Kultgruppe ein. Er war ein Mann, der schon bei den langweiligen Ami-Pop-Rockern von Dokken die Stöcke schwang und dem buntgeschminkten dänischen Metalsänger King Diamond mangelnde Rock’n’Roll-Attitüde vorwarf und doch mit ihm sein bestes Werk eintrommelte – „Abigail“. Nochbesser als „March Or Die“ geriet „Bastards“. Schnell, rotzig, laut und heavy. Vor allem klang Motörhead wieder zeitgemäß und hart, genauso wie zu Zeiten von „Overkill“ bis „Ace Of Spades“.
Wer war aber Lemmy? Er war ein Typ mit langen Haaren, schwarzen Stretchjeans, Lederweste, Nietengürtel und Patronengurt sowie Cowboystiefeln. Dieser unrasierte Unhold war für viele ein Vorbild oder eben Frauenheld und Bürgerschreck in einem. So wie er sich auf dem Album „Ace Of Spades“ mit Phil Taylor und Eddie Clark präsentierte so lebte er auch – als Outlaw, als Gesetzloser, als Bandit. So waren auch seine Alben: kompromisslos und rau. Und immer waren sie gut. Manchmal aber nur weniger gut.

„March Or Die“ war in den Neunzigern eine kleine Zacke nach unten so wie es „Iron Fist“ für die Achtziger Jahre war. Aber dieser Vergleich hinkt. „Iron Fist“ ist deutlich besser geraten. Und das wussten auch auch die vier Jungs auf dem Weg nach Halle. Einer von ihnen erfuhr 1993, 2006 bis 2010 einige schöne und auch aufregende Konzerte, die ihm noch lange in Erinnerung bleiben. Inzwischen Journalist geworden, blieb ihm doch ein Interview mit einem der ganz Großen des Rock-Biz verwehrt. Aber ist er deswegen traurig?
Motörhead kam immer vor Weihnachten in die hiesigen Gefilde. Man konnte immer gewiss sein, alle paar Jahre die Truppe in einer deutschen Stadt live erleben zu können. So war es auch 2015. Es war absehbar, dass es mit ihm zu Ende gehen würde. Mikkey Dee äußerte sich in Interviews, dass er sich Sorgen um Lemmy mache. Jetzt gab er das Ende der Band bekannt.
1992 war die Erkenntnis, dass Lemmy ewig leben würde, so gewiss als gelte sie für immer. Seit 2015 ist das nicht mehr der Fall – Lemmy ist tot. Verstorben an den Folgen seines Lebenswandels. Man nennt das Krebs, einer von der seltenen und aggressiven Sorte – wie Lemmy mit seiner Musik es eben auch war. Schnell überkam ihn der Tod. Knapp zwei Tage nach der Diagnose – Todestag 28. Dezember. Womöglich war sein letzter Geburtstag bereits ein klinischer Fall und gar nicht das Idyll, was schon jetzt als Sage über sein Verschweben hängt. Black-Sabbath-Sänger Ozzy Osbourne telefonierte noch kurz vor seinem Tod mit Lemmy. Doch der große Nuschler verstand nur ein Nuscheln aus der Muschel. Ozzy wollte Lemmy im Krankenhaus besuchen. Kaum waren sie aus der Tür getreten, erreichte sie die SMS, dass das unnötig sei. Zu spät. Aber Lemmy ist nicht einfach so gestorben – er ist lediglich verpufft. So sagte er es schon in einem Interview mit der „Sueddeutschen Zeitung“ vor acht Jahren voraus.
Lemmy, der für alle seine Anhänger und Bewunderer unsterblich galt, starb nun doch nicht den Bühnentod und dennoch kann er sich der großen Bühne, geschaffen durch die Medien, gewiss sein. Er löste sich auf, ohne genau zu wissen warum. Ein guter Tod – vielleicht. Unter medizinischen Drogen gesetzt sogar ein sehr sanfter Weggang, vor allem schmerzfrei. Und ehrlich: mit 70 am Leben zu sterben ist nicht die schlechteste Aussicht für einen Menschen, der das Leben von fünf Männern lebte – nimmt man den statistischen Durchschnitt an. Sogar seine Ärzte empfahlen ihm weiterhin zu harten Stoff zu trinken, denn ganz ohne wäre es auch nicht gegangen. Hat ihn das interessiert? Nicht wirklich.

Lemmy in seinem Element - Frauen und Musik (Foto: iMotörhead.com/Press)
Lemmy in seinem Element – Frauen und Musik (Foto: iMotörhead.com/Press)

Was von diesem Menschen bleibt, der mit aus seiner Unansehlichkeit eine Tugend machte, ist sein musikalisches Vermächtnis und sein in Büchern und Filmen festgehaltenes Leben. 22 Studioalben allein mit Motörhead, Single-Hits mit den Rocking Vickers, einige Scheiben mit der Psychedelic-Rockband Hawkwind und jede Menge guter Geschichten – das ist der Stein der Weisen, den Lemmy Kilmister hinterlässt. Und keins der Werke ist wirklich so schlecht, dass man sich davor fremdschämen müsste. Vor allem ist das von vielen unterschätzte Album „Iron Fist“ für den einen aus der vierköpfigen Truppe, der später Journalist wurde und Motörhead einige Male auf der Bühne erleben konnte, das Schlüsselmoment für seine Entdeckungsreise für den Rock’n’Roll und irgendwie auch für Musik im allgemeinen. Ende der Achtziger wurde die Platte komplett für persönliche Kassettenaufnahmen im DDR-Funk vorgestellt und als das „nicht beste Album in der Karriere der Band“ erklärt. Der Junge am Rekorder war und ist heute als gestandener Mann ganz anderer Meinung: es ist definitiv eines der besseren Scheiben des damaligen Trios. Die Studioaufnahme hat nicht nur den Überflieger „Iron Fist“ zu bieten, sondern weist mit Krachern wie „Bang To Rights“, „Remember I’m Gone“, „America“, „(Don’t Need) Religion“, „Sex & Outrage“, „Speedfreak“ „Go To Hell, „Loser“, Heart Of Stone“ und „Lemmy Goes To The Pub“ wahre Perlen in der Klassikerkiste auf.
„Iron Fist“ ist für den einstigen Jungen am Rekorder eine ebenso wahrhaftige Offenbarung wie es für ihn auch „Ace Of Spades“, „Bastards“, „Overkill“, „Orgasmatron“ und „Another Perfect Day“ sind. Er bedauert nur der einzigartigen Band zwischen 1994 und 2006 nicht die Stange gehalten und so einige sehr spannende Konzerte verpasst zu haben. Denn in dieser Zeit wuchs die wieder zum Trio geschrumpfte Truppe zu dem Kult an, der sie heute ist. Und wenn der ehemalige Junge, der um 1988 bis 1991 emsig die Motör-Hits vom Radio aufnahm, an Motörhead denkt, dann legt er „Iron Fist“ auf und sinniert genüsslich darüber, ob Lemmy nicht doch insgeheim über einen Kachelofen in der Leipziger Helheimkneipe in eine andere Ebene entschwand, ganz so wie es schon einige Jahre zuvor bereits dem Slayer-Gitarristen Jeff Hannemann widerfahren ist.

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