Taube Nuss oder für immer taub? – Ein neues Printbaby erblickt das Licht der Welt

"Deaf Forever" heißt die neue Geburt  am deutschen Heavy-Metal-Himmel (Foto: Leipziger Kulturgeschichten/Artefakte)
„Deaf Forever“ heißt die neue Geburt am deutschen Heavy-Metal-Himmel (Foto: Leipziger Kulturgeschichten/Artefakte)

Wer hätte gedacht, dass ich noch eine Erstausgabe eines Metal-Magazins kaufen würde? Nichts ist langweiliger als die x-te Konzertstory ohne Seele und Leben, die tausendste Kaufempfehlung für ein x-beliebiges Metalalbum oder die ewige Diskutiererei, ob das neueste Abum von Band XY besser sei als das vorige. Heutzutage quälen sich die Verlage und Chefredakteursstuben mit einbrechenden Zahlen im Printsegment. Die frisch aus der Taufe gehobene Redaktion von „Deaf Forever“ wird sich wohl gesagt haben: „Online kann jeder, wir hauen ein neues Heft raus!“ Das mag wie ein Kamikaze-Flug aussehen, aber schauen wir erst einmal rein. (Von H. M. Rumpelkammer)

Am Freitag rief ich beim „Deaf Forever“ an. Ich hatte vor, die Erstausgabe zu kaufen, bevor ich mir ein Abo zulege. Sicher ist sicher! Der nette Herr am Telefon erklärte: „Kein Problem, aber das geht nur bei Vorkasse.“ Danach wollte er meine Daten aufnehmen und fragte: „Nachname?“ Ich verstand aber „Nachnahme“. Also sagte ich „Ja, ich nehme das Heft auch per Nachnahme.“ Nach der Auflösung des Missverständnisses gluckste ich und buchstabierte dem Abo-Verkäufer meine Adresse. Ich kam mir ganz schön alt vor. Wie so ein alter Zausel, der nicht mehr versteht was obenerdig läuft und wegen seiner fortschreitenden Intelligenzminderung nach der Pointe eines Witzes zweimal fragen muss. Da sind die Inkontinenzartikel nicht mehr weit. Dagegen sollen Zwei-Euro-Münzen in der Pofalte helfen, habe ich mir sagen lassen. Aber was rede ich da, … es geht um ein neues Metalmagazin auf dem deutschen, und trotz der Umsatzeinbrüche immer unübersichtlicher werdenden Druckerzeugnismarkt.
Dass ich mir das Heft im „Konsum“ bei mir um die Ecke kaufen konnte, spricht für den erstklassigen Vertrieb. Das „Rock Hard“ sah ich dort nicht. Warum ist das so wichtig, werdet ihr euch jetzt fragen. Naja, die Hälfte der DF-Redaktion besteht aus alten Haudegen des „Rock Hard“. DF-Chef Götz Kühnemund stand nahezu von Anbeginn dem Dortmunder Blatt als Chefredakteur vor, seit 1995 bewunderte ich Wolf-Rüdiger Mühlmann für seine flotte Schreibe – und weil der Typ aus der DDR-Metalhochburg Aue stammt und mich an einen durchgeknallten „Heavy“ aus derselben Stadt erinnert, den ich 1989 in irgendeinem DDR-Ferienlager in der damaligen Tschechoslowakei kennenlernte und immer bei den „Rock“-Runden der Lager-Disco zu den Rhythmen von AC/DC’s „Heatseeker“ auf meinen immer kräftiger werdenden Schultern tragen musste, während der Jeans bejackte Knirps wie ein Bekloppter losbangte und mir so meine erste Rückenzerrung bescherte, war er mir zugleich sympathischer. Lernte ich den Mann 2007 in Hamburg doch noch bei einem Interview mit… , ähhh,… Endstelle, oder war’s Endstille kennen. Wir tranken ein Bierchen zusammen. Handshakes und gut. Irgendwann pisste ich ihm wegen einer missratenden Rezi ans Bein und ich konnte fortan irgendwas vergessen. Was das war, weiß ich nicht mehr. Jedenfalls ist die Redaktion des „Deaf Forever“ so groß, dass zwei Seiten Vorstellungstexte her mussten. Das ist schon mal ein Pluspunkt, aber wer liest sich so eine Wandzeitung auch durch? Wer will wissen, wie alt die Autoren des Heftes sind und mit Bild geht schon mal gar nicht. Hat so etwas narzisstisches, aber es geht ja auch um den Wiedererkennungswert: „Hallo Axel Hermann, wie geht’s …“, kann man vielleicht bei Konzerten und Festivals fragen. Aber ehrlich, wer will wie ein Groupie an die Redaktionsgesellen und -gesellinnen treten und sie fragen: „Na, geile Story letztens…, trinkste auch das Bier und warst du da und dort?“ In England würde man für so ein Verhalten eine auf die Fresse bekommen.
Weil man Journalismus auch nicht studiert haben muss, um publizistisch tätig zu sein – bei „Deaf Forever“ geht es nunmal um knallhart recherchierte Fakten um das Thema „Metal“ – kommen viele Rekruten aus den Katakomben der Metalszene, die in Deutschland, wie man in der Groß-Reportage zum deutschen Metal, eine Renaissance erfährt. Eine entspannende Lektüre, wenn sie nicht so hölzern verfasst worden wäre. Mir fehlte beim Lesen dieser Empfehlungssätze aus der Marketingabteilung eines Regionalanzeigenblattes immer noch die persönliche Note, oder zumindest eine von Anfang bis Ende gut erzählte Geschichte. Natürlich bleibt es bei den Fakten. So ein Heft muss ja auch schließlich voll werden. Was mich aber positiv überraschte war, dass in einem der Kategorien der journalistischen Großtat „Heiße Eisen – Deutschland explodiert!“ gleich vier meiner Lieblingsalben aus der Leipziger Prog-Szene vertreten waren: „Orange“ von Dark Suns, „Five Ways To Illuminate Silence“ von meinen Homies von Mourning Rise, die regelmäßig in meiner irischen Wohnküche zum Quarkkuchen-Verspeisen kommen und einer von ihnen sich als Landtagsabgeordneter der Grünen etablieren und gemeinsam mit „Opeth“-Fan Miro Jennerjahn die Rechten aus dem sächsischen Parlament und eigentlich aus ganz Sachsen heraus komplimentieren will. Ich vergaß die beiden Disillusion-Alben „Back To Times Of Splendor“ und „Gloria“ zu erwähnen. Leider fiel die Band auseinander, Bandchef Andy konzentriert sich ganz auf sein Aufnahmestudio, wo ziemlich interessante Werke aufgenommen werden. Aber vielleicht, vielleicht kommt ja noch etwas, bekannte er um 2009 oder 2010 mir bei einem Vier-Augen-Gespräch im Lindenfels am Westflügel Leipzigs. Allein der Überblick über die deutsche Prog-Szene war mir der Kauf des Heftes wert. Wäre da nicht der König persönlich. Seine Musik kenne ich schon seit 1989. 1990 holte ich mir die „Conspiracy“ auf einem Flohmarkt als Kassette. Wir hörten das Teil immer beim Fußball im Sportunterricht. Komischerweise wurden alle Jungs aggressiver und spielten auch besser. War das etwa King Diamonds Absicht? Der Hochwohlgeborene wurde jedenfalls interviewt, wenngleich Götz dem Titelhelden der ersten DF-Ausgabe nur Unklares und Anekdotisches aus dem Knochenkreuz leiern konnte. Wie das neue Scheibchen klingt, welches 2015 über die Ladentheken spazieren soll, bleibt im schalldichten Gesangsglaskasten von Kim Bendix Petersen verschlossen, bis das Splattergesicht das Geheimnis lüftet. Warum er darum so viel Ruß macht, weiß keiner. In Zeiten, wo Journalisten jeden Pups eines Musikers per Promo-Download erhalten und zugleich bei irgendwelchen Downloadseiten veröffentlichen, wird auch der Vorhang, den der King mit zitternden Händen hochhält, alsbald herunter gerissen werden.
Am spannendsten ist aber das Interview mit Johann Edlund, selbst enthaupteter Kopf seines Babys „Tiamat“. Seine Bekenntnisse, ein Alki zu sein und in einer echter Krise zu stecken – sowohl körperlich als auch mental, haben mich wirklich beeindruckt. Fenriz’ verschriftlichte Ausflüge nach Travemünde und Lübeck sind ebenfalls ein Höhepunkt des Heftes. Einer, der eine Geschichte von Anfang bis zum Ende erzählt und den roten Faden beibehält.
Interessant ist auch das Interview mit der New Yorker Thrash-Band „Overkill“, jene Haudegen, die jüngst ihr Übermachtwerk „White Devil Armory“ veröffentlichten und, für mich, seit Urzeiten zusammen mit mittleren Exodus und Testament mit überzeugenderen Scheiben um sich warfen als die Multi-Millionäre von Slayer, Metallica und Megadeth zusammen. Das Judas-Priest-Spezial las ich mir gar nicht durch. Irgendwie muss ich den Text losgelöst vom Farben-Geballer der Großaufnahmen betrachten. Da ist doch etwas Unruhe drin. Außerdem hat die Marketingpresse von „Rocks“ oder „Classic Rock“ das Pferd der geschichtlichen Nachbetrachtungen mehr als ausführlich geritten. „Änniewäj“, würde der Herzblutmetaller sagen. Ihm geht es ja um „Trveness“ und „Credibility“. Worte, die selbst so mancher Nicht-Metaller nicht über die Lippen bekommt wegen ihrer Aussagelosigkeit.
Layout und Aufmachung erinnern streckenweise an das „Rock Hard“. Auch so manche Rubrik atmet noch den Geist als das „Rock Hard“ noch von Götz geprägt schien, wie die „Richterskala“ mit den sich anschließenden Reviews. Im Großen und Ganzen macht das Heft einen aufgeräumten Eindruck, könnte an manchen Ecken und Enden ein wenig mehr lesbarerer Überschriften vertragen und etwas mehr Zeit für das Schriftbild in den Textblöcken. Da wurde mitunter schnell vorm Drucktermin einfach nur kopiert und reingedrückt was geht. Aber darauf verweist Götz im Vorwort ohnehin schon und gelobt zugleich Besserung.
„Deaf Forever“ macht im Gesamteindruck klar, dass ein Konkurrent gegenüber den „Metal Hammer“ und „Rock Hard“ auftritt und um Marktanteile – sprich: Leser, streitet. Natürlich hofft man in der Dortmunder Redaktionsstube des DF auf Überläufer. Denn wäre es anders, dann würde das DF wie ein studentisches Selbstdruck-Zine aussehen und nicht mit Hochglanz und Vierfarbendruck auffallen wollen, und vor allem mit dem Titelhelden King Diamond als eine tragisch-komische Figur einer verhunzten Wir-schminken-uns-gruselig-Gangbang-Party uns alarmierend klar machen: hier ist der neue Opel-Diplomat für alle Heavys, die es glaubwürdig und szene-nah wollen. Aber eins erstaunt mich immer wieder: Heavys halten noch immer am klassischen Printformat fest. Wenngleich die Aktualität und Brisanz hinten ansteht, ein willfähriges Instrument für die Plattenfirmen will die DF-Crew nicht sein. Wir werden sehen, ob „Deaf Forever“ eine taube Nuss ist, oder sich genauso etablieren kann wie das „Rock Hard“ oder der „Metal Hammer“. Mich stimmt zuversichtlich, dass die Oktoberausgabe ohne Böhse Onkelz, Nightwish und all dem Metal-V.I.P.-Kram auskommen möchte und Hoffnung auf eine entspannte Nummer mit waschechten Szenebands macht, die sich ihren Allerwertesten nicht mit Goldpapier abwischen, das ihre Fans auch noch bezahlen.

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