Judas Priest in den Hallen von Walhalla

Judas Priest anno 2014 (Bild: Sony Music / Presse)

Judas Priest anno 2014 (Bild: Sony Music / Presse)

Das Damoklesschwert schwebte lange über den Birminghamer Fünfer. 1969 gegründet, bahnte die von Black Sabbath und Led Zeppelin beeinflusste Truppe dem Heavy Metal den Weg, öffnete neue Horizonte und prägte mit seinem Sound, seinem Outfit un Habitus ein ganzes Genre. Der Stempel verwischte aber in den letzten Jahren. Wird 2014 alles anders? (Von H. M. Rumpelkammer)

Keine Heavy-Metal-Band war in den Achtiger Jahren so prägend und präsent wie Judas Priest. Lederoutfit, Harley und Peitsche unterstrichen den Klang, der manchem Zeitgenossen wie donnernde Stahlhämmer einer Fabrik im britischen Birmingham erschien. Erst spät entdeckte Oberpriester Rob Halford, Frontmann und Sänger des Fünfers, den Lederfetisch der New Yorker Schwulenszene für sich. Erst mit dem Erscheinen der 1978 veröffentlichten Alben „Stained Class“ und „Killing Machine“ wandelte sich das Bild der Band von in Bluesen gehüllten Bluesrockern zu ganz harten Jungs. Leder, Nieten, Ketten prägten fortan das Bild der Heavy-Szene. Viele taten den Priestern es nach. Trotz Punk und neuer Metalwelle Ende der Siebziger und Anfang der Achtziger schwammen die fünf Priester ganz oben mit, wagten sogar Stilbrüche und den Weg zum Pop. Was misslang, wurde mit Götterscheiben wie „Schreaming For Vengeance“, „Defenders Of The Faith“ und „Painkiller“ ausgebügelt. Nach dem Ausstieg des glatzköpfigen Mikrofonbefeuchters wagten nicht wenige den Priestern eine düstere Zukunft. Mit einem Halford-Fanboy namens „Ripper“ schwamm die Band sich frei. Aber der Hohepriester des Oktavengesangs kehrte zurück. Die Hoffnungen waren bei der Fangemeinde groß. Zumindest wurde nach den zwei Lückenbüßern „Jugulator“ und „Demolition“ etwas wie ein Befreiungsschlag der Geniestreiche aus den Siebzigern und Achtzigern erwartet. Erfüllt wurden die Erwartungen nicht, wenngleich die Priester mit „Angel Of Retribution“ ein klassisches Priest-Album lieferten und mit dem behäbig-verschwurbelten Konzeptwerk „Nostradamus“ dann doch Baden gingen. Die Erwartungen blieben, dass die Musiker um Rob Halford doch noch an ihre Glanztaten anknüpfen könnten. Aber vor einigen Jahren hieß es, Grabplatte drüber, eine letzte Tournee und gut. Dann wieder ein Rückzieher, man habe nicht gemeint, kein weiteres Album aufnehmen zu wollen. Der Ausstieg des langjährigen Bandmitglieds und Gitarristen K.K. Downing – unverzichtbarer Duellist des eigenwilligen Riffmeisters Glenn Tipton – machte Rückkehrpläne beinahe zunichte. Wäre da nicht Richie gewesen. Richie, der dem geschassten Griffbrettschläger zumindest in seinem Habitus und seiner Frise ähnelt, aber von sich selbst sagt, Glenn Tipton wäre sein großes Vorbild und würde ebenso wie er das Wimmerholz malträtieren. Umso passender für Tipton, mag mancher denken, denn der Gitarrist wollte eigentlich immer allein die Rhythmussektion mit seinen Griffen, Harmonien und Melodien ausfüllen. Jetzt tönt jemand neben ihm, der wie ein Zwilling von Downing aussieht, aber wie der Meister Tipton musiziert. Wenn das auf die neue Scheibe keine Auswirkungen hat?

Der Metalizer schlägt seit dem 8. Juli mit "Redeemer Of Souls" zu. (Bild: Sony Music/Presse)

Der Metalizer schlägt seit dem 8. Juli mit „Redeemer Of Souls“ zu. (Bild: Sony Music/Presse)

Das siebzehnte Album war in der Tat eine lange Geburt. Der Veröffentlichung ging eine lange Planungszeit voraus, die sich bis zur „Epitaph“-Tournee 2011 zurück verfolgen lässt. Schon im Januar desselben Jahres wurde bereits angekündigt, man brüte über neue Songs, denn eine Abschiedstournee heißt nicht, dass die Band sich zur Ruhe setzt – Aha! Im März darauf hieß es von Tipton, dass das kommende und nun als „Redeemer Of Souls“ betitelte Studiowerk auch als „Farewell“-Scheibe angesehen werden könnte, aber definitiv nicht das letzte sein wird. Drei Jahre später, an einem Frühlingstag im März in Los Angeles, offerierte Sangesmann Halford die baldige Verbreitung des neuen Stoffs.
Im Juli war es soweit. Auf die Priestergemeinde wurden die dreizehn neuen Stücke mit einer Laufzeit von über einer Stunde losgelassen. Wie schon bei den vorigen Veröffentlichungen ist auch dieses Mal die Fanschar gespalten. Liefern die Priester doch ein solides Scheibchen ab, das alle Wünsche befriedigen sollte. Dem ist anscheinend nicht so, denn es fehlen auf „Redeemer Of Souls“ knackige Kanonen wie „Electric Eye“ und „Hell Bent For Leather“. Auch vermissen die Priesterjünger Mitgröhler wie „United“ und „Living After Midnight“. Dabei sollte doch der Plan von Halford, Tipton & Co. aufgehen, ein waschechtes Priest-Gedächtniswerk zu präsentieren. Das ist dem Quintett nur zum Teil gelungen. Das Bild von einem klassischen Priest-Album wird erheblich vom von seiner Klangfarbe gestört, aber von Songs bereichert, die wie „Cold Blooded“ mehr bieten als nur Stampfer der Marke „Living After Midnight“. Die Textur des Albums wird aber grundlegend von einer harten Ausrichtung bestimmt, die von dem Song „Metalizer“ gekrönt wird. Textlich dreht sich die Scheibe um alle Klischees und Mythen, die von der Metalszene gern und dankbar aufgenommen werden. Ist doch zweitrangig ob man zu den Nöten der Dritten Welt Position einnimmt oder über Bier saufende Krieger im germanischen Götterhimmel singt. Hauptsache es klingt gut. Apropos Klang: Hört man die Scheibe über Kopfhörer bekommt der Hörer ein differenzierteres Bild vermittelt als es über die heimische Stereo-Anlage mit hölzern klingenden Gitarren und nach Demo-Aufnahmen anmutenden Schlagzeugrumpeln erscheint. Krönung ist aber Rob Halfords Arbeit. Sein Stimmvolumen schöpft der alte Junge gehörig aus. Die Band legt mit „Crossfire“ ihre alten Blues- und Sabbath-Wurzeln frei und zeigt sich mit der Ballade „Beginning Of The End“ von der einfühlsamen Seite. Etwas, was die Band seit „Before The Dawn“ aus dem Jahr 1978 nicht mehr wagte. Aber eins haben die Briten bei mir geschafft: Sie können mein Bild vom typischen Priest-Fan nicht relativieren – Vokuhila tragende und VW-Golf fahrende Männer mit zuwenig Oberweite im Oberstübchen. Aber die Zeiten haben sich gottseidank auch hier geändert, hoffe ich mal. In die Annalen ist die Band aber auch ohne „Redeemer Of Souls“ eingegangen, in Walhalla wandelt sie mit dieser Veröffentlichung aber nicht. Dem Damoklesschwert sind die Priester aber entwischt.

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