Pathos, Power und Plätschern – Iced Earth

Iced Earth 2014 (Copyright: Century Media/Iced Earth)

Iced Earth 2014 (Copyright: Century Media/Iced Earth)

Es gibt eine Band, die ich seit ihrem ersten Erscheinen aus der Ferne begleite. Die Rede ist von „Iced Earth“. „Komischer Bandname“, dachte ich 1990 als ihre erste LP erschien, die ich sogar stolz in die Schule brachte und meinen Metalkumpels zeigte. Die waren von der Simplizität der Musik nicht so begeistert, hatten, so glaube ich, sogar über das holprige Riffing des Bandkopfs Jon Schaffer gelacht. Ich machte mir nichts daraus. (Von H. Rumpelkammer)

Irgendann erkannte ich, dass die Musik von „Iced Earth“ nichts von dem vermag, was beispielsweise „Metallica“, „Megadeth“ und „Slayer“ vermochten – diese Bands krempelten Heavy Metal in den achtziger Jahren mit Klassikern wie „Master Of Puppets“, „Peace Sells“ und „Reign In Blood“ gehörig um. „Iced Earth“ darf man in seiner Frühphase getrost als Fan-Projekt bezeichnen, das sich an die großen „Thrash Metal“-Heroen, sowie den NWOBHM-Vorreitern „Iron Maiden“ und den „Conan“-Metallern in Fellschurzen namens „Manowar“ orientierte. Trotzdem hatte die Band es zu drei bis vier Langeisen geschafft, die auch mich hellhörig machten. Trotz der Zitierfreudigkeit hatte „Iced Earth“ Charakter. Nach dem Erscheinen von „The Dark Saga“ 1996 verlor auch ich die Truppe aus den Ohren. Trotz der hochwertigen Musik fehlte mir an der Musik die impulsgebende Kraft, wie sie damals „Korn“, „Deftones“, „Rage Against The Machine“ dem „Heavy Metal“-Genre gaben.
Und ehrlich: auch mit ihrem elften Longplayer schafft „Iced Earth“ nicht, sich von seinen Einflüssen frei zu schwimmen. Mehr oder weniger überraschungslos gleitet „Plagues Of Babylon“ von einem Ohr hinein und aus dem anderen heraus. Natürlich hakt es ab und an bei zunehmendem Hören, trotzdem bleibt nahezu nichts hängen. Aus dem „Eindruck“ entstehen natürlich Fragen wie:
Warum schafft der neue Sänger Stu Block nicht die Kraft seiner Vorgänger Matt Barlow und „Ripper“ Owens stimmlich umzusetzen? Wieso bewegt das Album sich vornehmlich im Midtempo-Bereich? Warum fehlt die Power der alten Tage? Wohin ist das abwechslungsreiche Songwriting, das Talent und die Kreativität der Band, die ein Meisterwerk wie das 1995 erschienene „Burnt Offerings“ schuf?
An den Neuzugängen Luke Appleton und Raphael Saini kann die Hinkefüßigkeit von „Plagues Of Babylon“ kaum erklärt werden. Zunächst einmal schafft der kanadische Sänger Stu Block es nicht, die schwerfälligen Kompositionen auf eine Ebene zu hieven, die zumindest dem frühen und mittleren Schaffen der Band ebenbürtig ist. Auf der anderen Seite scheint es, dass Jon Schaffer die kompositorische Arbeit an sich gerissen hat und so kaum Entwicklungsfähigkeit zulässt, geschweige Innovation. Stattdessen hören wir auf „Plagues Of Babylon“ unaufgeregte Heavy-Hymnen, die auch auf früheren Alben stehen könnten. Zitiert Schaffer aus dem unendlichen Fundus seiner Vorbilder „Iron Maiden“, langweilt den Hörer mit endlos aufgemotzten Chören in der Manier der deutschen Heavy-Bombastmetaller „Blind Guardian“. Nicht ohne Grund, denn „Blind Guardian“-Meistersänger Hansi Kürsch fungiert auf „Among the Living Dead“ als Gastsänger. Jon Schaffer holte weitere Leute ins Boot, wie den „Volbeat“-Sänger Michael Poulsen bei dem Stück „Highwayman“. Auch der „Symphony X“-Sänger Russell Allen wirkte bei dem Stück als Gast mit. Für mich nicht genug an „Neuerungen“, um den Sound von „Iced Earth“ zu entstauben. Vielleicht will Jon Schaffer das auch nicht. Er hat sein Publikum.
Am pünktlich zu den „Heiligen drei Königen“ am 6. Januar veröffentlichten Studiowerk legte Jon Schaffer als Produzent selbst Hand an. Während vom 15. Juli bis 8. August 2013 im beschaulichen Dorf Senden gelegenen „Principal Studios“ dauernden Aufnahmen haben die Amis wohl den Ruhm von Atze Schröder, Donots, Die Happy, Grave Digger, H-Blockz, In Extremo, Kreator und No Angels schnuppern dürfen. Die Wucht und Eleganz von „Iced Earth“ der vergangenen Tage konnte Schaffer dennoch nicht einfangen. Die E-Gitarren wirken kraftlos, die Drums haben kaum die Durchschlagskraft, um die Power-Riffs von Schaffer wirkungsvoll zu unterstützen, das Gesamtbild wirkt eher zurückhaltend.
Das westfälische Dorf ist nunmal nicht der richtige Ort, um ein klangliches Inferno wie die in den Morrisound Studios im weitaus ruhmreicheren Tampa/Florida entstandenen „Night Of The Stormrider“, „Burnt Offerings“ und „The Dark Saga“ zu entfachen. So vernimmt der Hörer auf „Plagues Of Babylon“ einen gediegeneren Sound, wie er einer deutschen Heavy-Combo „Grave Digger“ gut zu Gesicht steht und gut zum Einlullen zu einem Whisky vor der heimischen Stereoanlage passt. Für ein gutes „Iced Earth“-Album braucht es aber mehr als das. Dennoch werden Hymnen wie „The Culling“ und „Democide“ auf den Konzerten für die nötigen Mitgröhl-Effekte sorgen. Vielleicht wächst „Plagues Of Babylon“ ja noch im Laufe der Zeit. Potenzial hat die Scheibe allemal. Songs wie „If I Could See You“ und „Cthulhu“ lassen Gutes hoffen. Für Heavy-Traditionalisten, die „Blind Guardian“, „Manowar“ und „Grave Digger“ etwas abgewinnen können, liegt „Plagues Of Babylon“ auf ihrer Wellenlänge. Für mich ist „Plagues Of Babylon“ nur ein Vorgeschmack, was von der Band an Hochwertigem noch kommen könnte. Ich wünsche der Combo ernsthaft, ein weiteres „The Dark Saga“ oder „Burnt Offerings“ zu schaffen. „Plagues Of Babylon“ plätschert für meinen Geschmack zu fünfzig Prozent mit zu viel Pathos aus den Boxen.

 

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