Der Ursprung des Schwarzmetalls – Bathory

"Bathory" in den Achtzigern (Copyright: Bathory/Press)
„Bathory“ in den Achtzigern (Copyright: Bathory/Press)

Die deutschsprachige Wochenzeitschrift „Zeit“ veröffentlichte im November 2013 ein Essay über die norwegische Black-Metal-Szene. Der Autor beschrieb, wie wild einst im hohen Norden die besonders harsche und frostige Form des Heavy Metal zelebriert wurde und immer noch wird. Leider vergaß er die Epigone des Black Metal zu zitieren. Ohne Quorthon und seinem Ein-Mann-Projekt „Bathory“ aus Schweden sähe es in Norwegen in diesem Bereich ziemlich finster aus. (Von W. E. Wilcox)

Heute denkt jeder Mensch, der sich mit den harten Klängen aus Schweden beschäftigt, an melodisch klingendes Kraftfutter aus Göteburg, oder an dreckigen Rock’n’Roll. Vielleicht erinnert sich der eine oder andere noch an die goldenen Zeiten des Death Metal. In Schweden blühte die dornige Pflanze Ende der Achtziger und Anfang der Neunziger besonders schnell. Wer sich ein wenig auf dem Feld der Schwermetallklänge auskennt, vergleicht die Auswüchse mit solchen klangvollen Namen wie „Unleashed“, „At The Gates“, Entombed“, Nihilist“, „Dismember“, „Tiamat“, „Therion“, „Morbid“ und „Necrophobic“ hörten. Aber da gab es noch noch ein anderes Projekt namens „Bathory“. Ungefähr zeitgleich wie andere Schwarzmetall-Vorreiter wie die frühen „Sodom“, „Hellhammer“ und „Celtic Frost“ Mitte der Achtziger erstmals in Erscheinung getreten, verwirrte das Gehirn hinter dem so gar nicht ins farbenfrohe Bild der damaligen Metalszene passenden Klangraum die Zuhörer mit einer LP, die wohl das Scharnier zwischen den punkigen Metalvorreitern „Venom“, eine Band, die zwar die Marke „Black Metal“ einführte, aber musikalisch kaum großen Einfluss auf die Metalszene hatte, und dem, was wir als Black Metal norwegischer Prägung bezeichnen dürfen, gilt.
Wer sich in die Geschichte des schwedischen Ein-Mann-Projekts vergräbt, stößt mit relativ schneller Suche auf die frühen Demo-Aufnahmen eines Mannes, der sich „Quorthon“ nannte. Eigentlich hieß er Thomas Forsberg. Er kam um 1966 auf die Welt, gründete im zarten Alter von 17 Jahren „Bathory“. Über sein privates Leben ist wenig bekannt, bis gar nichts. Seit er 1983 als Musiker in Erscheinung trat, kannte man ihn als „Krachmacher“ von der Basis – anfang ausgelacht, später geehrt. Die Geräusche seiner ersten LP’s klingen, als würde die britische NWOBHM-Legende „Venom“ mit etwas aufeinanderprallen, das eine zerstörerische Kraft freisetzt. Irgendwo zwischen den höllischen Geräuschen einer Regan Teresa MacNeil aus dem Horrorstreifen „The Exorzist“ und etwas, das wir Menschen nur als dämonische Fratze des Teufels erkennen würden – der Angstschrei angesichts des nahenden Todes.
Das erste, unbetitelte Studioalbum erschien 1984 in einer streng limitierten und von „Quorthon“ selbst gekennzeichneten Auflage. Es basiert auf die bereits erschienenen Demo-Aufnahmen von 1983. Sie zeigen, wohin Norwegens Reise zehn Jahre später hingeht. Die Demos nahmen vieles vorweg, was später „Mayhem“, „Darkthrone“ und Immortal“ so erfolgreich machte. Scheppernder und dumpfer Sound, krächzender und atonaler Gesang, simple Strukturen. Als „Bathory“ 1984 bei den Plattenhändlern erhältlich war, war der Klang wesentlich sauberer. Dennoch bildete „Quorthon“ mit seinem Debütalbum etwas heraus, das musikalischen Ambitionen der damaligen Metalbands regelrecht zuwider lief, ja, sogar in Frage stellte. Wie kann der monoton-rhythmische Krach überhaupt Musik genannt werden, bei dem der Sänger wie ein böser Dämon klingt und allgegenwärtig Beschwörungen und Flüche ausstößt? Die Musik von „Bathory“ ist so erstaunlich primitiv, dass gerade aufgrund dieser röchelnden Dumpfheit eine Faszination fürs Unvollkommene entsteht. Die Soli brechen ab, knicken ein, klingen, als ob die Saiten an Schleifpapier gerieben werden. Schwedische Death-Metal-Bands wie „Nihilist“ und „Entombed“ griffen dieses Stilmittel später auf. Gerade im Unfertigen liegt der Reiz, denn durch den Gebrauch dieser einfachen Klangbilder entsteht bei jedem Hörer eine andere Rückkopplung im Gehirn. Das Geräusch des sich schließenden Sargdeckels im Stück „The Return Of Darkness And Evil“ des Studiozweitlings „The Return…“ vervollkommnet den Ruch von Nihilismus. Er setzt sich auf dem Drittwerk „Under The Sign Of The Black Mark“ fort und schließt zugleich den Reigen der Reihe, die später tatsächlich dem „Black Metal“ zueordnet wurde, obgleich das Genre 1986/1987 noch gar nicht existierte. „Bathory“ definierte zusammen mit anderen Bands wie „Possessed“ und „Death“ aus den USA zwei Genres, die erst um 1990 förmlich aufblühten.
In dieser Zeit überwand aber das Studioprojekt „Bathory“ den Extrem-Metal mit seinem letzten Klassiker „Blood, Fire, Death“. Als das Werk 1988 erschien, standen die Weichen bereits für eine andere Richtung. Quorthon erfand sich neu, und so auch „Bathory“. Wenn seine ersten drei Scheiben die Großväter des Black-Metal-Genre sind, so ist „Blood, Fire, Death“ der Prometheusfunken für den so genannten „Viking Metal“, einem erst Mitte der neunziger Jahre entstehenden Genre, wo sich die textliche Thematik um Wikinger und ihre Götter dreht. Dass eine romantisierende Form des Stammesnationalismus mit dem Einzug von Kettenhemden, Trinkhörnern und Hörnerhelmen herausbeschworen wurde, konnte Quorthon 1988 nicht ahnen. Noch beschränkte sich seine Faszination auf die Wikinger auf das Gemälde „Åsgårdsreien“ von Peter Nicolai Arbo (1831 – 1892) und dem wohl aus dem indigenen Kulturbereich entlehnten Spruch „Es ist ein guter Tag zum Sterben“, der sich auch im ersten Stück „A Fine Day To Day“ niederschlägt. Musikalisch aber öffnete Quorthon erst mit den beiden damals missverstandenen Göttergaben „Hammerheart“ (1989) und „Twilight Of The Gods“ (1991) neue Tore. Der Visionär verschränkte die Textualität seiner Kriegs- und Romantiklyrik um das Wikingerleben, die Christianisierung und die Wikingerkulte mit dem Takt des schweren Ruderschlags der flinken Wikingerboote, die einstmals die bärtigen Kriegsmänner in die Weiten des heutigen Russlands, den Balkan, Nordfrankreich, Afrika, Nordamerika und das den Mittelmeerraum beherrschende Byzanz trugen. Die Musik von „Hammerheart“ und „Twilight Of The Gods“ war zu der Zeit ihres Erscheinens ebenfalls völlig neu. Langsam und behäbig vorgetragene Hymnen und schwerfällige, aber kraftvolle Musik, mochte nicht jedem schmecken. Sie standen förmlich allein auf weiter Flur, wo ganz andere Marschrichtungen den Mainstream nach vorne bewegten. Trotzdem fanden sich für diese beiden Scheiben zahlreiche Abnehmer. Darunter auch spätere Musiker, die es „Bathory“ nachmachen sollten – sei thematisch, als auch musikalisch.

Quorthon um die Jahrtausenwande (Copyright: Bathory/Press)
Quorthon um die Jahrtausenwende (Copyright: Bathory/Press)

Quorthon zog sich nach den beiden Götteralben zurück. Erst Mitte der Neunziger veröffentlichte er mit den beiden Rückschauen „Jubileum I + II“ neue Lebenszeichen, woraufhin zwei Überraschungen folgten. Mit den beiden Studiowerken „Requiem“ und „Octagon“ schlug der Meister mit roher und unverfälschter Musik zurück, die nichts mit der Entwicklung zu tun hatten, die Quorthon mit Bathory in den achtziger und frühen neunziger Jahren nahm. Statt den Sound der voran gegangenen Alben aufzugreifen, kreierte Quorthon etwas völlig Neues. Wieder einmal. Doch dieses Mal wurde er für den konsequenten Weg, den er zuvor erfolgreich verfolgte, harsch kritisiert. Denn mit „Requiem“ und „Octagon“ sind keine kultigen Black-Metal-Alben entstanden, sondern – brutal ausgedrückt – zwei waschechte Gurken. Für Quorthon waren beide Scheiben, die sehr technoid klangen, dennoch Wegmarken für das dritte Viking-Album namens „Blood On Ice“. Es griff nicht nur auf den Sound und die Thematik der beiden 1989 und 1991 erschienenen Götterdämmerung-Vertonungen zurück, „Blood On ice“ fußt sogar auf in der damaligen Zeit entstandenen Songideen, die als lang ersehnte Vervollkommnung einer imagniären Trilogy gerüchtet wurden. „Blood on ice“ soll tatsächlich noch vor „Hammerheart“ entstanden sein. Der Longplayer greift die Wikinger-Thematik auf, schließt an beide Scheiben von 1989 und 1991 inhaltlich und qualitativ auf.
Umso enttäuschender erscheint Quorthons Spätwerk mit „Destroyer Of The World“ und den beiden „Nordland“-Alben. Es scheint, der Initiator der heutigen Black-Metal-Szene hat seinen roten Faden verloren, versucht lediglich an die alten Werke anzuknüpfen. Aber er erreicht ihre Klasse nicht mehr. Zum einen ereilt Quorthon das Schicksal anderer Musiker, deren „Kinder“ ihnen nacheiferten und übertrumpfen, und zum anderen vermochte der Schwede nicht, die alte Stimmung einzufangen, die er früher so spielend leicht auf seinen Alben zelebrierte. Vielleicht ist es die Unbefangenheit, die ihm abhanden gekommen war, oder sein abgeschiedenes Dasein, fernab von äußeren Einflüssen. Dennoch verlor 2004 die Metalszene einen Innovator zweier Genres, die aus dem hohen Norden die Metal-Welt eroberten. Das leugnet niemand in der heutigen Black-Metal-Szene. Um Quorthon und sein Vermächtnis zu ehren, findet in diesem Jahr ein Spezialauftritt verschiedener Vertreter der Schwarzwurzel-Freunde auf dem thüringischen „Party San“-Festival im August 2014 statt. Die epische Phase von „Bathory“ werden Acts wie „Ereb Altor“ und „Atlantean Kodex“ repräsentieren. Daneben heizen „Marduk“ und „Watain“ als Fackelträger des Vermächtnisses von „Bathory“ den Massen ein. Das gesamte Festival wird unter dem Stern eines Menschen stehen, ohne ihn die heutige Metalszene tatsächlich ärmer wäre.

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