Das dunkle Vermächtnis Griechenlands – Rotting Christ

Die Gebrüder Tolis schufen mit "Κατά Τον Δαίμονα Εαυτού" etwas Einzigartiges in der Black-Metal-Welt (Copyright: Rotting Christ/Presse)

Die Gebrüder Tolis schufen mit „Κατά Τον Δαίμονα Εαυτού“ etwas Einzigartiges in der Black-Metal-Welt (Copyright: Rotting Christ/Presse)

Die griechisch-stämmige Sangeskünstlerin Diamanda Galas schwört auf die beiden vollbärtigen Recken Sakis und Themis Tolis. Seit 1988 lärmt Rotting Christ in der Metalszene. Anfangs unbeachtet, wuchs ihr dunkler Ruhm wie ihre Bärte seit Mitte der neunziger Jahre zu einer stetigen Konstante im Genre des schwarz gefärbten Stahls. Mit ihrem im März 2013 erschienenen Longplayer „Κατά Τον Δαίμονα Εαυτού“ wird ihr guter Ruf sich weiter festigen. (Von W. E. Wilcox)

Düstere Choräle, treibende Rhythmen, brummende E-Gitarren: Was Rotting Christ zu einem eigenen Rezept angedeihen ließ, entdeckten vor Jahren bereits Gruppen wie Samael, Septic Flesh und Satyricon. Die klassischen Zutaten brachte ein Grüppchen namens Therion in die Schwermetallszene hinein. Was die Brüder Sakis und Themis Tolis über mehrere Jahrzehnte entwickelten, spricht eine ganz eigene Sprache. Orientalische Harmonien und Melodien paaren sich mit der unbändigen Kraft von Heavy Metal. Musik ist in seiner Sprache auf direkte Aussagen gebündelt. Auf „Κατά Τον Δαίμονα Εαυτού“ wird das um so stärker bemerkbar. Wenn auch von Stillstand die Rede ist, so geschieht das bei Rotting Christ auf hohem Niveau. Auch inhaltlich hat die Band mit der Thematik um Satansoberguru Aleister Crowley viel zu bieten, wenn auch diese Geschichte in der Black-Metal-Szene ausgereizt erscheint.
Sakis Tolis weiß aber, dass das Thema um den Mystiker, der vor einem Jahrhundert die spirituelle Welt umkrempelte und maßgeblich für die kommenden Generationen beeinflusste, nicht abgedroschen ist. „Tu was du willst“ heißt der griechische Albumtitel. Damit ist ein direkter Bezug zum Leitsatz Crowleys und Anton LaVey gesagt, auf den sich heute viele Black-Metal-Bands beziehen, allen voran aber Kim Bendix Petersen alias „King Diamond“, der bereits in den Achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts in Fernesehinterviews dieses Leitmotto erklärte und um die Erkenntnis erweiterte: „Füge niemandem einen Schaden zu.“
Wenn auch das Motto „Κατά Τον Δαίμονα Εαυτού“ auch auf Jim Morrissons Grab geschrieben steht, weiß Saki Tolis, dass der Satz auf antike Wurzeln zurück geht. Tolis sagt auch, dass das am 1. März 2013 erschienene Studioalbum ziemlich anspruchsvoll ist – sowohl musikalisch als auch inhaltlich. Ein Motto wie „I Love Satan“ wie die schwedische Black-Metal-Band „Dark Funeral“ fast schon persiflierend zum Besten gibt, ist auf „Κατά Τον Δαίμονα Εαυτού“ nicht zu hören. „Nun ja, es ist numal kein Standard-Album“, gibt Tolis preis. Auf die Texte bezogen, beschäftigt sich „Κατά Τον Δαίμονα Εαυτού“ mit afrikanischen und antiken Flüchen und Göttern. Dass die ethnische Komponente, wie sie schon auf das 2010 erschienene Album „Aealo“ verstärkt eingeführt worden war, noch um so kräftiger auf „Κατά Τον Δαίμονα Εαυτού“ anklingt, scheint aus dem Blickwinkel des Frontmanns nur konsequent. Dennoch unterscheiden beide Alben sich aus Tolis’ Sicht erheblich. „Dunkler und okkulter“ geht es laut Tolis auf „Κατά Τον Δαίμονα Εαυτού“ zu. Er setzt noch einen drauf, indem er sagt: „Möglicherweise ist ‚Κατά Τον Δαίμονα Εαυτού‘ das dunkelste und mystischste Album seit ‚Thy Mighty Contract‘.“ Das ist, wie wir alle wissen, das Debütwerk der Griechen und erschien 1993, also vor über zwanzig Jahren.
Mit der wortwörtlichen Nähe zum Veröffentlichungseinstieg vor zwei Dekaden meint Sakis Tolis jedoch die Stimmung, nicht die Musik. Voransstellend schiebt er den Riegel, dass Rotting Christ vom Klang her noch nie eine typische Black-Metal-Band war, wie wir sie vor allem klanglich aus Nordeuropa kennen. Keine rasselnde Raserei, kein humpelndes Schlagzeug und vor allem kein Corpsepaint. Stattdessen setzt Rotting Christ wie schon zuvor auch, auf Druck, Atmosphäre und eine dunkle, bedrohliche Klangfarbe.
Auf ihrem aktuellen Studiowerk hat die Band sich anscheinend eine alte Bekannte ins Boot geholt. Wie schon auf „Aealo“ scheint Sangeswunder Diamanda Galas in einem Stück zu singen. Mit dem Titel „Cine iubeste si lasa“ nähern die Griechen sich zwar der Sangeskünstlerin, weil die Vougioukli-Schwestern Eleni und Souzana ein ähnliches Timbre vorweisen können wie Diamanda Galas. Die Avantgarde-Künstlerin war bei den Aufnahmen nicht zugegem, wenn auch sich manche Stelle danach anhört. Die beiden Schwestern verstehen sich auf das Intonieren von Folk-Stücken des einst griechisch geprägten Balkans und Nordafrikas. Rotting Christ hat so durch das Einfließen dieser Stilrichtungen etwas einzigartiges geschaffen, das sich angenehm vom mittel- und nordeuropäischen Gepräge von Death- und Black Metal abhebt. „Κατά Τον Δαίμονα Εαυτού“ ist aus diesem Grund ein weiterer Meilenstein in der Geschichte von Rotting Christ.

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