Verloren im Mittelalter-Punk von In Extremo

In Extremo anno 2013 (Copyright: In Extremo/Presse)

In Extremo anno 2013 (Copyright: In Extremo/Presse)

Hau mir ab mit In Extremo!“, sagte kürzlich ein Freund zu mir, als ich ihn zum Mitkommen in Haus Auensee bat. Die Mittelalter-Rockband wollte wieder in Leipzig gastieren. Weil ich den Werdegang der Mediävistenrocker seit 1998 verfolge, mochte ich schauen, was die sieben Musikanten 2013 bieten. Mein Gegenüber konnte ich von meinem Vorhaben nicht überzeugen. (Von W. E. Wilcox)

Vorm geschichtsträchtigen Venue im Leipziger Stadtteil Wahren stehend, kann ich irgendwie verstehen, warum mein Bekannter nicht mit in die frostige Nacht hinaus zum Haus Auensee wollte. Erstens: das Wetter ist nicht unbedingt ausgehtauglich, und zweitens: Mittelalterlicher, oder sollte ich sagen, metallischer Dudelsack-Rock und tabakgeschwängerte Lemmy-Kilmister-Stimme sind nicht so sein Fall. Drittens: er bezeichnet sich als „mittelaltermarktgeschädigt“, hat die Truppe einfach satt. Drei Argumente, die für sich stehen.
Als ich 1998 den Sechser noch in abenteuerlichen Lederkostümen gekleidet und mit teuflisch geschnitzten Dudelsackpfeifen auf der Bühne der Hamburger Markthalle sah, einer Gegend, die ich nicht einmal dem hartgesottensten Leipziger empfehlen würde, es sei denn, er steht auf den Anblick von heraus gerissenen, blutigen Haarbüscheln sowie Einwegspritzen, lag der Schwerpunkt der erst 1995 gegründeten Combo noch auf Mittelalter. In Extremo galt als heißer Geheimtipp, was ich aber damals nicht verstand. Denn ich erlebte Sänger Michael Robert Rhein, den alle das letzte Einhorn nennen, als fluchenden Anti-Alkoholiker, der vergeblich Leute wie mich dazu aufforderte, die wirklich gemütliche Bar zu verlassen, um gefälligst sich für die Musik zu interessieren. Ich entschied mich stattdessen für zwei überzeugendere Argumente, die aus dem Dekolleté der Barfrau hervor blitzten und schaute dem Zinnober aus Punkrock a la Toten Hosen treffen auf Böhse Onkelz und Sackpfeifen auf den Bühnenbrettern aus sicherer Entfernung zu. „Wer weiß“, dachte ich damals, „zu was das Einhorn fähig gewesen wäre, wenn ich vor seinen Augen ein Bier getrunken hätte. Er sieht verdammt wütend aus!“ An nackten Männeroberkörpern hatte ich auch nicht so einen mordsmäßigen Spaß, wie vielleicht die anderen Gäste. Aber bei Rock kommt es ja mehr auf das Entertainment an, und an dieser Fähigkeit hat die Band seitdem mehr als reichlich dazu gewonnen.
Ausverkaufte Hallen, Goldstatus ihrer erfolgreichsten Platten, wozu sowohl das ultimative Durchbruchsalbum „Mein rasend Herz“ (2005) und die dazugehörige Live-DVD gehören, als auch die erfolgstragenden Wegmarkierungen „Sängerkrieg“ (2008) und „Sterneneisen“ (2011). Das große Interesse weiter Teile der deutschen Rockmusikkonsumenten an der doch merkwürdigen Musik kann selbst mein Bekannter nicht widersprechen. Auch nicht die Tatsache, dass an dem heutigen Samstagabend das Haus Auensee ausverkauft ist und ich inmitten einer Masse aus mittelalterverrückten Rockmusikfans stehe und das Treiben auf der Bühne mitzuverfolgen versuche.
Der Blick nach vorne fällt nicht unbedingt leicht, weil die hochgehobenen Arme der In-Extremisten, wie ich die Fans von In Extremo gern nenne, ein undurchdringliches Dickicht bilden. Auch das laute Grölen der Liedtexte und die Fußballchöre durch das außer Rand und Band geratene Publikum versagen mir das komplette Hörvergnügen, was aber nicht weiter schlimm ist. In Extremo sorgt selbst mit ihrer infernalisch aufgedrehten Lautstärke dafür, dass empfindliche Ohren, wie ich sie habe, lieber von hinten die volle Klangsättigung mitverfolgen wollen. Außerdem tragen die Fußballchöre zur rustikalen Punkmusik zur Stimmung bei, oder?
Dem körperlichen Drang nach Ruhe nachgebend, betrachte ich von den hinteren Plätzen aus das bunte Treiben aus schwarz gekleideten Männern und Frauen, die auf Befehl ein „Yeah“ aus sich heraus flüstern, oder wie Wachspuppen gebannt zur Bühne schauen, und sinniere, dass In Extremo ein unangefochtener Thronanwärter der Pyromaniker von Rammstein ist, der ohrenbetäubende Lärm dem vor sich hin kränkelnden Motörhead-Boss namens Lemmy alle Ehre gereicht und die Kritiker ein nagelneues Schätzchen namens „Kunstraub“ über alle Maßen loben. Mit Pyro-Show ist aber nichts, denn das Einhorn flucht bitterböse Sprüche gegen den wiehernden Amtsschimmel im Technischen Rathaus Leipzig. Das Ordnungsamt untersagt das Zündeln auf der Bühne. Hatte In Extremo 2011 die Feuerbälle wohl einmal zu oft fliegen lassen. Die Band will heute wegen der harschen Auflagen – Spielabbruch beim Kokeln – nicht auch noch der Struwelpeter sein.
Das Septett liefert seinen Fans trotz meiner anfänglichen Skepsis eine unterhaltsame Show, die alles das enthält, was sich ein In-Extremisten-Herz wünscht – Leidenschaft, Hymnen, Hits. Vor allem der Mix aus Dudelsack-Pfeifen und harten E-Gitarren macht sich bezahlt und hat nichts mehr mit dem Geschrammel zu tun, den ich noch Ende der Neunziger vernahm. Der Jubel der über 2.000 Anwesenden stellt den Qualitäts-, Beliebtheits- und Erfolgsschub, der die Band seit „Weckt die Toten“ verstärkt nach vorne drückt, eindrucksvoll unter Beweis. Klar, dass Hits wie „Feuertaufe“, „Alles schon gesehen“, Liam“, „Belladonna“, „Vollmond“, „Himmel und Hölle“, „Lebemann“, „Ai Vis Lo Lop“ und „Herr Mannelig“ bis hin zu den Klassikern „Mein rasend Herz“, „Viva La Vida“, „Spielmannsfluch“, „Siehst du das Licht“ und „Villeman Og Magnhild“ nicht fehlen.
„Sic transit gloria mundi“, denke ich noch als ich gemeinsam mit den verschwitzten Körpern in die kalte Novembernacht hinaus stolpere, noch ganz benommen von den Eindrücken eines Auftritts, der unmissverständlich klar macht, wer der Herr im Ring ist. Wenn auch die abgespeckte Show von In Extremo etwas blut- und bewegungsarm rüber kommt.

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