Analog klingt die Welt – Sahg

Sahg anno 2013 (Copyright: Sahg/Press)
Sahg anno 2013 (Copyright: Sahg/Press)

Wenn harte Metaller einen auf Rock’n’Roll machen, dann wird das „Vintage Rock“ genannt. Auch die Norweger von Sahg produzieren seit 2004 den Sound, wie er in den siebziger Jahren hätte klingen können. Mit „Delusions of Grandeur“ veröffentlicht der Vierer ein neues Album, das „Vintage“-Fans begeistern könnte. (Von W. E. Wilcox)

Wer mit Titel wie „Slip Off The Edge Of The Universe“ und „Blizzardborne“ einsteigt, muss ein großer Fan von Black Sabbath und Ozzy Osbourne sein. Hinter den Titeln verbirgt sich oberflächlich gesehen ein Konglomerat aus allbekannten Nummern wie „Falling off the edge of the world“ und „Symptom of the universe“, sowie dem Albumnamen „Blizzard of Ozz“ von – natürlich – Ozzy Osbourne.
Dass beide Nummern nicht wie ihre Vorbilder klingen, liegt wohl daran, dass zwischen Osbourne, Iommi, Dio & Co. und Sahg knappe dreißig Jahre Lebenserfahrung liegen. Als die beiden Musiker Thomas Tofthagen und Tom Cato Visnes in der Mitte der siebziger Jahre im dahin schlummernden Norwegen zur Welt kamen, feierte Black Sabbath seine ersten großen Welterfolge. Die spätere große Sangesstimme von Rainbow und Black Sabbath, Ronnie James Dio, stand mit „Elf“ am Anfang seiner Karriereleiter. Außerdem will Sahg trotz der genannten Einflüsse eigenständig bleiben. Eine bodenständige Aussage von Kesselrührer Thomas Lonnheim wie „Fuck that, wir machen Musik!“ beschreibt die Entwicklung der 2004 in Bergen gegründeten Truppe ziemlich genau.
Geboren in den frostkalten Gefilden Norwegens haben der ehemalige Sänger von Manngard, Olav Iversen, der damalige Gorgoroth-, I-, God Seed- und Ov-Hell-Bassist Tom Cato Visnes sowie Thomas Tofthagen – zuammen mit Tom und dem einstigen Enslaved-Mitglied Arve Isdal der Begründer der wunderbaren Rockband Audrey Horne – den Anspruch verwirklichen wollen, sich vom üblichen norwegischen Markenzeichen – Rock’n’Roll und Black Metal – zu lösen. Ihr Sound sollten Szenekenner später als „Doom Rock“ beschreiben – eine Mischung aus den Heavy-Metal-Sub-Sparten „Doom Metal“ und „Hard Rock“. Thomas Lonnheim vertiefend dazu: „Ich denke, alles begann mit Thomas [Tofthagen] and Olav [Iversen], ähm … und ’nem Jungen namens Tom [Cato Visnes]. In Bergen, so um 2008, spielte jeder Black Metal und ich nehme an, die Band begann mit dem Motto, mal keinen Black Metal zu spielen.“
Mit ihrem Debüt „I“ knackte Sahg gleich die norwegischen Charts. Kein Kunststück, wenn ohnehin über die Hälfte der Bevölkerung Metal und Rock hört. Aber gleich eine Doppelseite in einem der führenden norwegischen Tageszeitungen zu bekommen, war keine Zirkusnummer. „I“ wurde einhellig als tiefe Verneigung der Siebziger-Heroen Black Sabbath, Deep Purple und Led Zeppelin gefeiert. Langsame, psychedelisch erscheinende und trocken-knarzige Nummern bekam der Hörer vorgesetzt. Die Mischung aus „Doom“, „Stoner Rock“ und „Hard Rock“ ließ von nun an die Metalwelt nicht los. Beim zweiten Album fiel die Begeisterung nicht anders aus. Von Experimenten war die Rede, aber im Grunde genommen galt damals schon der Satz von Thomas Lonnheim, der nur durch den Satz des Gitarristen und Sängers Olav Iversen ergänzt werden kann: „Ich denke, wir wollten jedes Album aus einer anderen Richtung angehen, um die Band weiterzuentwickeln.“

Sahg hebt sich vom Retro-Zirkus wohltuend ab (Copyright: Sahg/Press)
Sahg hebt sich vom Retro-Zirkus wohltuend ab (Copyright: Sahg/Press)

Dieser Satz könte auch für das dritte Werk gelten, das wie die beiden Vorgänger mit einer Zahl bedacht worden war. Beim vierten, nunmehr als „Delusions of Grandeur“ betitelten Studiowerk mag die Arbeitsweise nicht anders als bei den vorigen Alben gewesen sein. „Old School“, wie es Lonnheim beschreibt. Alles auf Band aufgenommen, und wenn Fehler drauf sind, wurden sie so belassen wie sie sind. Lonnheim erzählt eine Anekdote: „Yeah. Wir bannten es aufs Tape. Wir wandten uns der alten Schule zu. Eigentlich wollten wir das schon so auf unserem dritten Longplayer machen. Wir enterten das Studio, stellten unser Equipment auf, machten stundenlang den Soundcheck für unser Schlagzeug,… und dann sagten wir “Jetzt sind wir fertig!”. Dann wollten wir die Aufnahme machen, aber die Aufnahmemaschine ging kaputt.“
Neben all den kleinen Missgeschicken, die eine Aufnahme zu einer kleinen Geschichte wachsen lassen könnten, beschreibt Lonnheim aber auch, dass der Klang der einzelnen Studioalben sich veränderte. Der Band kommt es darauf an, dass jedes Studiowerk seinen Wiedererkennungswert hat. So auch bei „Delusions of Grandeur“. Im Kern hat diese Veränderung keine Auswirkung auf den Stil der Band. Die Arbeitsweise ist ebenso schnell über die Bühne gegangen wie bei den Vorgängerscheiben.
„Eigentlich machten wir pro Song nicht so viele Aufnahmen“, erzählt Lonnheim weiter, „am ersten Studiotag nahmen wir gleich drei Stücke auf. Den ersten Titel nahmen wir sogar in einem Ritt auf! Wir jammten ein wenig, dann sagte der Produzent “OK, Band läuft!”, so dass wir sagten „Lass uns weitermachen und zum nächsten Song gehen!“
Das Ergebnis kann sich hören lassen. Das psychedelische Element rückt zugunsten von rockigeren Stücken in den Hintergrund, das Markenzeichen „Doom“ verschwindet langsam hinter dem Schleier der Eingängigkeit. Wie schon ihre Musikerkollegen von Mastodon feilt die Truppe von Sahg gerade daran, auf Dauer ihre Band weiter zu entwickeln. Ein Hit-Album ist „Delusions of Grandeur“ dennoch nicht geworden, aber ein fantastisches Werk zum Genießen und Zurücklehnen. Eine knappe Dreiviertelstunde Musikbegeisterung zum Anfassen. Dass die neue Studioscheibe ein Konzeptalbum von Filmen wie 2001: Odyssee im Weltraum oder Metropolis inspiriert wurde, wie es Olav Iversen beschreibt, rückt ebenfalls in den Hinterhof der Musik. Letztlich zählt die Stimmung, die Musik wie diese hervor rufen soll. Von trocken rockenden Nummern, wie sie in diesem Jahr von Genre-Kollegen Orchid und Spiritual Beggars geschrieben und veröffentlicht wurden, hebt Sahg sich wohltuend ab.

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