Wilcox‘ Prog-Ecke: Eine uninspirierte Wiederauflage

Rush in ihren besten Jahren (Copyright: Canadian Press)

Rush in ihren besten Jahren (Copyright: Canadian Press)

Seit ich diese Band auf einem Anfang der neunziger Jahre veröffentlichten Metal-Hammer-Sampler über die Entwicklung von Hard’n’Heavy der Achtziger hörte, lässt mich ihr Sound nicht los. Die Rede ist von Rush. Das kanadische Trio begleitet mich mit einer Wiederauflage ihres unterschätzten Scheibchens „Vapor Trails“ bei meinem morgendlichen und mittäglichen Mahl. (W. E. Wilcox)

Knapp zehn Jahre ist es her, als „Vapor Trails“ zum ersten Mal in den Regalen stand. Während ich mein Joghurt-Haferflocken-Müsli mampfe, fällt mir ein, dass ihre 17. Studioscheibe komplett an mir vorbei gegangen ist. So wie auch die Werke zuvor und danach. Damals, 2002, interessierte ich mich einfach nicht für ihren Sound. Jahrelang hörte ich Klassik bis zu seiner Auflösung in den Atonalteppichen von Bela Bartok, Alban Berg und Arnold Schönberg. Dann riss mich ein Kumpel am Jacketkragen und zog mich in die Rockabteilung eines Techniksupermarkts. Dort empfahl er mir all jene Scheiben von den Strokes, The Music, Bloc Party, Incubus und Black Rebel Motorcycle Club. Rush war nicht mit dabei. „Stimme zu gruselig“, raunt er in meinen Erinnerungen mir zu. Ein Klassiker ist „Vapor Trails“ auch nicht. Aber gut genug, um die Scheibe wiederzuveröffentlichen. „Weil der Sound damals so bescheiden war“, lese ich als Statement von Sänger Geddy Lee in den gängigen Musikgazetten. Kurzum, der Band ging es 2002 herum nicht gut. Sogar von Trennung war die Rede. Dennoch raufte sich das Trio zusammen und stellte den Brocken nach einer elfmonatigen Arbeit in den Reaction Studios in Toronto gänzlich ohne Keyboardkleister den Kritikern und den Fans zur Verfügung. Trotz dass „Vapor Trails“ den angeblich schlechten Sound hatte, kletterte die Scheibe auf hohe Chartspositionen. In Kanada landete „Vapor Trails“ sogar auf Platz 3. In Deutschland fand das Abum der 1968 gegründeten Band kaum Beachtung. Das ist wohl auch der Grund, warum ich mit der aktuellen Entwicklung von Rush nichts weiter zu tun hatte. Aber die Klassiker kannte ich vor zehn Jahren schon.
„Mach das aus“, sagte mein Kumpel immer, wenn ich ihr 1981 veröffentlichtes Meisterwerk „Moving Pictures“ reinmachte. Später meinte er, nachdem ich ihm Konzertvideos von der Jubiläumsshow der „Movin Pictures“-Platte zeigte, dass der Gitarrist und der Drumer „hammergut“ seien. Nur den Sänger finde er immer noch „gruselig“. Das mag an der gepresst wirkenden Stimme liegen, die Geddy Lee wie ein zwölfjähriges Kind klingen lässt. Gegen The Mars Volta, bei denen auch ein ähnlicher Gesang zu hören ist, hatte mein Kumpel erstaunlicherweise nichts. Klar, dass Lee seinen Stil auf „Vapor Trails“ fortsetzt. Die dreizehn Stücke werden von seinem Tenor nicht zerstört. Ich empfinde beim Hören der Remix-Scheibe, dass die Entschlackungskur vom Keyboard-Schwulst der Band gut getan hat. Sogar für ein bis zwei Hymnen nahm die Band sich Zeit. Aber trotzdem wirkt der Sound der neu gemischten Scheibe flach. Besonders das Gitarrenspiel erscheint mir etwas zu blechern. Der Blubberbass von Geddy Lee tritt nur selten aus dem Gesamtbild heraus, das eher wie kalter Linoleumbelag wirkt und nicht wie ein kunstvoll geflochtener Teppich mit zahlreich eingewobenen Mustern darin.
Inzwischen bildet mein süßes Müsli die sanfte Abrundung zur wirklich scharfen, scharfen Peperoni-Pizza, die ich zum Mittag aß. Aber mein Eindruck zu „Vapor Trails“ beeinflusst das Mahl nun wirklich nicht. Nur ein großes Aber schwingt mit. Wenn mein Müsli mit seinen Preiselbeeren, Sultaninen, Mandelkernen, Haselnüssen, Honig und Joghurt meinen Gaumen eine angenehme Tünche aus verschiedenen Eindrücken verpasst, vermisse ich bei „Vapor Trails“ trotz gutem Zusammenspiels der Musiker den Pfeffer, den die Keyboardklänge als Kontrastmittel einstreuten. Trotz Remix bleibt „Vapor Trails“ für mich einfach für Rush-Verhältnisse ein uninspiriertes Werk, das zwar immer noch gut ist im Vergleich was einem sonst als Rockmusik vorgesetzt wird. Vielleicht wäre ein Re-Arranged an der Stelle doch besser gewesen. Da helfen die Geschichten und Erklärungsversuche rund um die Entstehung des Studiowerks auch nicht.

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