Wilcox‘ Prog-Ecke: Mit Schwung in den Mainstream

Anneke van Giersbergen sprüht vor Charme  (Bild: InsideOutMusic/Presse)

Anneke van Giersbergen sprüht vor Charme (Bild: InsideOutMusic/Presse)

Ich kann mich genau an die Anneke-Situation erinnern. Ich saß 2009 im Backstage des Anker und sah zur rotblonden Sängerin. Ihr Lächeln und ihr tiefes Dekolleté ließen mich dort noch sitzen als mein wirklicher Interviewpartner Vincent Cavanagh von Anathema auftauchte. Wir waren für ein Interview verabredet. Das Lächeln der ehemaligen Sängerin von The Gathering brannte sich in mein Gedächtnis. Ihre Musik auch. (Von W. E. Wilcox)

Zugegebenermaßen habe ich mit Rocksängerinnen nie wirklich etwas anfangen können. Sie waren mir immer zu männlich, sprangen mit wilden Mähnen, eng behost und mit Gitarren wie Furien umher, fletschten die Zähne und kehrten die Rockerin raus. Also weibliche Pendants zu Robert Plant, Bruce Dickinson, Lemmy, Ozzy & Co.
Anneke ist anders. Sie tritt im Kleid auf. Wie 2011 als sie auf der Geyserhaus-Bühne stand und den Leipzigern ein besonders schönes Konzert gab. Ich hörte, dass das fleißige Mädchen aus Holland sich ganz schön von ihrer ehemaligen Band The Gathering emanzipiert hat. Statt der ausufernden, schwebenden und ätherischen Klänge, vernahm ich knackige Rocksongs. Mal tritt Anneke auch sehr sanft auf, wenn sie ihre Akustikgitarre schnappt. Ihr steht einfach alles gut. Bestimmt auch Elektro, denke ich während ich ihre neue Scheibe höre. „Drive“ heißt sie.
Ich höre ihr zu. Die rockig-flockigen Songs flutschen ins Gedächtnis. Sie versteht es, Hymnen zu schreiben. Aber irgendwas fehlt. Ich vermisse die sanften und stimmungsvollen Kompositionen, die sie bei The Gathering mit ihrer Stimme einst veredelte, bevor sie der Band ihren hübschen Rücken zukehrte und sich als Singer-Songwriterin tapfer schlug. Ihr Album „Pure Air“, das sie mit der Band Agua de Annique 2009 einspielte, beweist ihr Können. Auch ihr 2007 erfolgter Solobrückenschlag zu The Gathering namens „Air“ ließ ihr Händchen für Tiefgang spüren.
Nun ist es so, dass Anneke eben doch die Rockerin mimt und dabei noch ein wenig unauffällig zu dem Publikum schielt, das ihre Musik und ihre Vergangenheit nicht so gut kennt. Wie das kommt, erklärt die Sängerin selbst: „Ich wollte unbedingt ein Album zusammen mit ein paar Musikern in einem Studio aufnehmen. Nach langen Touren mit der gleichen eng verbundenen Gruppe von Musikern kam dabei ein Album heraus, das mit seinem organischen Sound perfekt unsere Bandchemie einfängt.“
Vielleicht höre ich den quirligen Rotschopf irgendwann bei einem der sächsischen Bums-Radio-Sender. Die Halbwertzeit von „Drive“ wird dadurch auch nicht verlängert. „Drive“ zeigt auch, dass Anneke sich von ihrer Vergangenheit emanzipiert hat und flügge geworden ist. Sie geht mit „Drive“ einen Weg, den viele ihrer Anhänger nicht mitgehen würden. Trotz ba-babuabab und eh-eh-ehje-o. Oder vielleicht auch deshalb. Wer weiß. Ihr Charisma geht trotzdem nicht verloren.

Album: Drive
Plattenfirma: InsideOut
Total: 37:28 min
Veröffentlichungsdatum: 20. September 2013

Anneke Van Giersbergen Online

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