Kneipengespräche: Ein Gott kehrt wieder zurück

Das Menü der DVD "Finding The Sacred Heart" (Bild: Presse)
Das Menü der DVD „Finding The Sacred Heart“ (Bild: Presse)

„Mir ist der Lockenkopf immer suspekt gewesen“, meint Zeitdieb als Rumpelkammer ihn wieder von seiner Begeisterung für Ronnie James Dio erzählte. Der 2010 verstorbene Ausnahmesänger passt nicht so ins stumpfe Metalweltbild von Zeitdieb. „War mir immer zu künstlerisch“, wiegelt er das Gespräch ab und widmet sich seinem Bier.

Die Helheimkneipe liegt in diesem Sommer brach. Festivalsaison. Nur selten verirren sich die Liebhaber der harten Klänge nach Plagwitz. Der Sommer ist auch zu schön, um wahr zu sein. Bombenwetter lockt die Leute lieber an die Strände als in den dunklen Schatten. Jetzt, während die Nächte wieder länger dunkler und langsam kühler werden, lebt auch die Kneipe wieder auf. Zeitdieb will seine Ruhe und macht sich am Tresen breit. Sein massiger Rücken versperrt Rumpelkammer den Zugang zur Bar. Er schnappt sich sein Bier und geht zur Couchgruppe. Er sinkt in einem der ledernen Sessel nieder und greift sich eines der Versandhauskataloge, wo für Metalfans Nietengürtel, Leibchen und Jacken angeboten werden. „Nuclear Blast“ und „EMP“ sind für Rumpelkammer quasi „Klingel“ und „Neckermann“ für langhaarige Bombenleger. Eigentlich braucht er das nicht mehr in seinem Alter, denkt er noch. Dann entdeckt er beim Blättern eines dieser Hefte eine Abbildung von Dio. In heroischer Pose singt der Italo-Amerikaner ins Mikro. Hinter ihm taucht aus einer roten Wolke ein Drache auf, der fürchterlich grinst. Das Bild ist mit der Schrift „Finding The Sacred Heart – Live In Philly 1986“ bedruckt.

So sehen die DVD und die CD aus (Bild: Presse)
So sehen die DVD und die CD aus (Bild: Presse)

Rumpelkammer sinnt nach. Leider hat er Dio weder als Sänger von Rainbow, Black Sabbath, Heaven And Hell noch Solo erleben können. Er kam zwar in den Genuss der zahlreichen Mitschnitte seiner Konzerte, aber ihm einmal zu begegnen, wäre schon ein Traum gewesen. Hatte er wenigstens schon einmal in Leipzig mit Shane Embury von Napalm Death ein Bier getrunken, quatschte mit Chris Boltendal von Grave Digger in einer Klubkneipe in Markneukirchen und begegnete beinahe Ozzy Osbourne beim Workout in Prag. Lange ist’s her. Rumpelkammer trinkt an seinem Bier und betrachtet das Bild aufs neue. Der daneben stehende Text preist das Album als Vermächtnis und Erinnerung an die große Zeit des kleinen Sängers an. Dann nickt Rumpelkammer ein.
Er taucht in eine Szenerie, die er so bisher noch nicht kannte. Zumindest nicht diese. Ein Gong kündigt das Kommen von etwas Mächtigem an. Pfeifkonzerte, Nebel, Lichtpunkte. Das Gesicht von Dio taucht auf und spricht mit einer dämonischen Stimme. Licht blendet auf und Rumpelkammer erkennt, dass er sich in einem Konzertsaal befindet. Vor ihm die Bühne, um ihn herum Typen und Mädchen, die nach vorne starren, jubeln und headbangen. Er blickt um sich und quatscht einen der Gäste an. Der zuckt mit den Schultern und plappert irgendwas auf Englisch zurück. „Scheiße“, denkt Rumpelkammer, „ich bin hier falsch. Was mache ich hier nur?“ Der arbeitslose Mittvierziger ist ratlos. Dann erinnert er sich an seine Schulzeit in der DDR. Hatte da ein paar Brocken Englisch gepaukt. Er tippt den Typen noch einmal an, der in seinem zu engen T-Shirt mit Dio-Aufdruck und seiner Vokuhila wie ein Türsteher aussieht. Er dreht sich nochmals um und zischt: „What’s up, dude!“ –
Rumpelkammer erklärt ihm mit Händen und Füßen, wer er ist und woher er kommt. Dass er nicht wisse, wo er sich nun befindet. Der Kerl stellt sich als Davey vor. Dass er Automechaniker ist und Rumpelkammer in Philadelphia ist. Es ist der 17. Juni 1986. Da vorne zockt gerade Dio mit seinem neuen Gitarristen Graig Goldy die neue Scheibe „Sacred Heart“. Außerdem werde das Konzert gefilmt. Er solle also nicht stören, Davey will in eine der Kameraeinstellungen mit hinein. Dio ficht mit einem Laserschwert gerade einen Kampf mit einer überdimensionalen Wespe aus, … oder war’s ’n Drachen? Dann öffnet er eine Steinpforte und geht einem blinkenden Herz entgegen, singt „Finding the sacred heart…“ Rumpelkammer begreift langsam. Er befindet sich zum Zeitpunkt von Dios Höhepunkt seiner Solokarriere. Zinnober vom Feinsten! Genau das wollte Rumpelkammer schon immer sehen. Und wie die Musiker aussehen! Diese Klamotten und Frisuren! Wie Tante Herta mit ihrer missratenen Dauerwelle. Krass!

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Dann befindet Rumpelkammer sich in einem Raum. Er sitzt Dio gegenüber und seinem Bassisten Jimmy Bain. Er fragt in bestem Englisch Dio aus, warum er so eine opulente Show auffährt, ob ihm Musik nicht wichtiger ist. Dio erklärt ihm mit seiner fast schüchtern wirkenden Erscheinung und ruhiger Stimme, dass es ihm um eine „Larger than Life“-Attiüde geht und dass die Fans einen Gegenwert für Geld bekommen sollte. Darum geht’s Dio 1986: „Value for money“. Die Fans sollen mit einem „Wow!“ nachhause gehen. Rumpelkammer erinnert sich, dass auch Iron Maiden während ihrer Tourneen zu „Powerslave“, „Somewhere in time“ und „Seventh Son Of A Seventh Son“ ebenso dick auftrug. Oder Black Sabbath während ihrer Zeit von „Heaven And Hell“ bis „Born Again“. In den Achtzigern war Bühnenshow Pflicht, und bei vielen Bands Programm, sinniert er. „Das war also die Definition von Heavy Metal! Und heute?“
Rumpelkammer ist jetzt allein. Eine wohl bekannte Stimme sagt zu ihm: „Hi Rumpelkammer. Ich habe gemerkt, dass du einen ganz besonderen Wunsch hegst. Du wolltest einmal in deinem Leben eine Show von mir erleben. Leider kann ich sie dir in deinem irdischen Leben nicht anders geben als durch Dokumente wie diese Konzertmitschnitte. Aber ich gebe dir einen Einblick darüber, was nach dem Tod geschieht. Es ist nur das Sinnliche, dass du verlierst. Im Jenseits herrscht nur Rationalität, Mathematik und Ordnung. Perfekte Harmonie. Jeder weiß, wohin er gehört. Ich habe immer geahnt, dass es so etwas wie eine göttliche Ordnung gibt. Im Jenseits spürst du sie. In Wahrheit ist der Tod der Eintritt in eine neue Bewusstseinsebene. Du glaubst gar nicht, wie weit du als Seele gehen kannst. Und das Leben ist unendlich. Es gibt keine lineare Zeit. Das ist alles nur eine Wahrnehmungssache. Erfreue dich so lange wie du kannst an dem Leben, das du führst. Du hast eine fantastische Frau, wunderbare Kinder und dein Hund ist auch glücklich. Gib ihnen die Freude, die du selbst erfährst und handele ohne Arg, Hass und Zweifel. Dann wirst du ohne Schmerz in die neue Bewusstseinsebene eindringen, wenn es soweit ist. Auch wenn du vergisst, wer du einst warst.“
Rumpelkammer wacht auf. Er muss nur kurz weg getreten sein. Niemand hat sein Einnicken bemerkt. Er reibt sich die Augen. Was hat er nur geträumt? Vor ihm auf seinem Schoß immer noch der aufgeklappte Katalog. Auf dem Tisch sein Bier, dessen Schaumkrone noch immer im Glas britzelt. Rumpelkammer nimmt einen Schluck, blickt auf die Abbildung und nimmt sich vor, sich die DVD zu kaufen. Und einen Strauß Blumen für seine Frau, für den Hund ein paar Markknochen, … und für seine beiden Kinder? Sind ja schon 18 und 22. Er schiebt ihnen etwas von seinem Ersparten zu. Irgend eine innere Stimme sagt ihm das. Das kann nur richtig sein.

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