Wilcox‘ Prog-Ecke: Ein Berg mit Haken

Haken aus London spielt Prog vom Feinsten (Foto: InsideOutMusic/Presse)
Haken aus London spielt Prog vom Feinsten (Foto: InsideOutMusic/Presse)

Ich mampfe noch an meinem letzten Bissen Semmelknödel, den ich zuvor in meine selbst gemachte Pilzsoße aus Mehlschwitze, Zwiebeln und Champignons tunkte. Mein Ritual ist beim Musikhören zu essen. Wie auch jetzt an diesem spätsommerlichen Tag in Leipzig. Name des Projekts: Haken. Albumtitel: The Mountain. (Von W. E. Wilcox)

„Größe ist definitiv zum Greifen nah“, stimmt ein Presseorgan im Vorfeld zur Veröffentlichung der dritten Scheibe des Sextetts aus London an. „The Mountain“ steht als Albumtitel. Und natürlich ist Prog-Rock drin. Das ist der Stil, informiert mich das Internet, der zu meiner Kindheit in der Mitte und Ende der Siebziger seinen ersten Höhepunkt erfuhr und nun – rund vierzig danach – seine Renaissance erfährt. Zu den neuen Bands gehört auch Haken, die live 2007 zum ersten Mal in Erscheinung trat, seitdem für immer lautere Lobeshymnen sorgt. Sei es bei den Musikliebhabern oder bei den Musikern. Ihre beiden ersten Alben „Aquarius“ und „Visions“ ist das nicht anders gewesen.
Bei einem Schluck Tee gesellt sich der Eindruck dazu, dass die sechs Londoner in ihrer Kindheit sehr oft Pink Floyd, Yes und Rush gehört haben müssen. So hört sich der Stilmix in etwa an, während „The Mountain“ auf meiner Festplatte rotiert. Peitschende Beckenschläge, sanfte Jazz-Einschübe, sirenenartiger Gesang von Ross Jennings. Die neun Nummern nehmen mich auf eine nachdenkliche Reise. Ich höre, dass auf „The Mountain“ echte Könner am Werk sind, die selbst auf schrullige Klangeinsprengsel wie in dem Lied „Cockroach King“ nicht verzichten können. Nach dem noch recht eingängigen „Atlas Stone“ ist der Küchenschabenkönig ein dicker Querriegel im Musikliebhabermagen. Um Pop und Mainstream geht es den Burschen offenbar nicht. Wohl eher um musikalische Grenzerfahrung und Selbstverwirklichung. Nicht anders ist es beim nachfolgenden Stück „In Memoriam“, dessen Höhepunkte die Band mit Djent-Rhythmen, schief gebetteten Harmonien und episch anmutenden Hymnen angereichert hat.
Ich koche neuen Tee. Das Kopfzentrum in der Waldstraße ruft mich wegen der Auswertung des Schlaflabors an. Ich kann mich gerade nicht konzentrieren und warte, bis der Wasserkessel zu Pfeifen aufhört. Da passt das ruhige, fast schon sakral wirkende Madrigal von „Because It’s There“ gut als Entspannung. Bald geht das Stück in eine queen-artige Bearbeitung über und löst sich in eine jazzige Rock-Ballade auf, die Opeth und Steven Wilson nicht besser hätten schreiben können.

So sieht "The Mountain" aus, den Haken erklimmt (Foto: InsideOut/Presse)
So sieht „The Mountain“ aus, den Haken erklimmt (Foto: InsideOut/Presse)

„Dieses Album ist richtungsweisend und prägend für uns“, habe ich die imaginäre Stimme von Sänger Ross Jennings im Ohr, während ich meine innere Hängematte aufhänge und mich dem Album endgültig öffne. Das Epos „Falling Back To Earth“ packt mich wirklich. Ruhige Partien wechseln mit krassen und aggressiven Tempiwechseln ab. Ross singt mit Falsett. Ich spüre die Euphorie wie sie bei einem freien Fall vom Berg hinunter ausgelöst werden kann. Während das geschieht, zeigt die Band ihr Können an Gitarre, Bass und Schlagzeug wie ein höhnisches Grinsen eines Zwerges über seine jüngste Bösartigkeit. Nur mit dem Unterschied, dass nichts, auch rein gar nichts an „The Mountain“ bösartig, gruselig oder seltsam ist. Trotz der Auf und Abs, der inneren Zerrissenheit, spüre ich doch die Eleganz und Schlüssigkeit der aktuellen Lieder. Mich stört nur, dass der Trip, den „Falling Back To Earth“ entfaltet, so abrupt endet. Dafür setzt der kurze Chill „As Death Embraces“ ein. Eine wirklich zarte Nummer, die mich entfernt an die Frühwerke von Sigur Ros erinnert. Wie ein kantiger Koloss trommelt das zehnminütige „Pareidolia“ auf meine Nervenbahnen. Vermag das Stück aber auch mit seinen stillen Interludien für Entspannung zu sorgen.
Ich werde wieder nachdenklich. Ich frage mich, warum Haken wie andere Prog-Bands es immer wieder schafft, so etwas wie Eingängigkeit zu umschiffen. Sind Refrains abgestandenes Gurkenwasser, oder warum traut die Truppe sich nicht, sich einer breiteren Hörerschicht zu öffnen? Bei all der schönen Stimmungsmalerei, die Haken betreibt, hakt es im Getriebe. Hatten Genesis und Yes eine Zeit lang geschafft, ihre Musik einer größeren Hörerschaft zugänglich zu machen, macht Haken die Türe zu. Auch eine Anathema-Referenz wie sie bei „Somebody“ inne wohnt, kann nicht darüber hinweg helfen, dass der Haken am Berg selbst zu finden ist. Ich überlege, dass ich das Album zwar gut durchhören kann. Aber mir fehlt an „The Mountain“ die Dichte und Reife von Opeth. Oder die Stille von Mark Hollis oder Steven Wilson. Oder die Kompaktheit von Dream Theater. Dennoch halte ich das Nummernschild von 8,5 von 10 Punkten hoch. Einfach weil es nicht genug gute Prog-Bands geben kann und weil „The Mountain“ eine in sich geschlossene Geschichte zu sein scheint. Allein das handwerkliche Geschick der Musiker lässt mich auf die Knie fallen.

 

Hier noch ein eindrucksvolles Video zu „Pareidolia“

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