Kneipengespräche: Auf die Fresse ist umsonst

„Das Leben ist kein Ponyhof“, mault Rumpelkammer. Seit Wochen schleppt er den Prokrastinations-Blues mit sich herum. Gerade kommt er aus dem Spreewald zurück. War mit Freundin und Sohn dort. Das letzte Geld ist aus dem Portemonnaie gekratzt. Er schlägt es auf den Tresen. „Ein Bier!“ (Von W. E. Wilcox)

Der vom Leben gebeutelte Rumpelkammer blickt um sich. In der Kneipe ist niemand außer ihm selbst und der Kneiper. Markus hat gerade die Tür geöffnet. Noch zu früh für ein Bier. Nicht für Rumpelkammer. Drei kann er noch. Dann ist der Monat für ihn rum. Dabei schreibt der Kalender eine dicke 15 vor. Die Schlinge zieht sich zu. Der Teufel sitzt Rumpel im Nacken.
„Kopf hoch“, meint Markus zu Rumpelkammer als er ihm einen Humpen „Rosen“ auf den Tresen stellt. „Kannst ja heute anschreiben.“ –
„Echt jetzt?“, Rumpelkammer schaut auf. „Danke!“ Aber irgendwann muss er das Zettelchen begleichen. Dennoch gilt erst einmal auf gute Gedanken zu kommen. Sein Urlaub endet auch dann damit, dass sein Schleusenwärterdienst ausläuft. Im September muss er wieder zum Arbeitsvermittler. Darauf ein Bier, denkt er.
Jemand schlägt ihm auf die Schulter. Rumpelkammer blickt um sich. Ein dicker Typ steht hinter ihm, hat seine Bärentatze auf Rumpels Schulter gelegt, und blickt ihm durch seine Sonnenbrille in die Augen. Der Tätowierte sagt daraufhin im schönsten Küstendialekt: „Das Leben ist kein Ponyhof. Anstatt dich formschön, zeitgemäß und politisch korrekt darüber auszuweinen, solltest du das Leben an den Eiern packen. Mach was draus!“ –
„Ey“, murrt Rumpelkammer, „wie kannst du nur…?“ Ihm bleibt das Bier im Hals stecken über die Ansage, die dieser Fettwanst gerade unternahm. Wie kann er sich erlauben, so über ihn zu reden?, fragt Rumpelkammer sich. Sieht man ihm schon an, dass er Probleme hat?
„Reg dich nicht auf“, meint der dicke Küstenmann zu ihm und bestellt sich bei Markus ein Bier. Seine Gefolgschaft aus weiteren Kerlen und nuttig angezogenen Mädchen verteilt sich am Tresen. „Lass dir das Leben nicht von irgendwelchen Arschlöchern vermiesen. Das zieht dich nur runter. Aber sorry, … was mische ich mich in dein Leben ein. Ich bin Chris. Chris Laut.“
Während er sich vorstellt, knallt er eine CD auf den Tresen. Er bittet den Bartender, die Platte einzuwerfen und abzuspielen. Dann bewundert er das Heavy-Metal-Aquarium. Markus stellt die ersten Gezapften auf den Tresen und fummelt danach am PC herum. Der Kerl fragt zu Rumpelkammer: „Kennst du Ohrenfeindt?“ –
„Nicht dass ich wüsste“, entgegnet dieser. „Klingt für mich wie eine Punkband vom Namen her.“ –

"Auf die Fresse ist umsonst" ist Ende August 2013 käuflich (Foto: Presse/AFM Records)
„Auf die Fresse ist umsonst“ ist Ende August 2013 käuflich (Foto: Presse/AFM Records)

„Rock’n’Roll, Alder!“, schnauft Chris. „Besser gesagt: Vollgasrock! Wenn dir Motörhead und AC/DC gefallen, dann sind wir genau das Richtige für Heulsusen wie dich.“ –
„Pass mal auf“, empört Rumpelkammer sich, wird aber von Chris unterbrochen. „Scherz! Natürlich bist du keine Heulsuse, siehst nur so aus. Geht es dir nicht gut? Dann höre unsere neue Platte ‚Auf die Fresse ist umsonst‘. Eine Platte wie sie das Leben schrieb, sag ich dir! Und das wäscht nicht im Schonprogramm. Davon kann ich dir einiges erzählen, du…“
Chris kippt sich den halben Liter Gerstenkaltschale auf einmal hinter die Binde und rülpst in Richtung Markus: „Noch eins, biddä!“
Der Kneiper springt wie eine Katze zum Zapfhahn. Inzwischen läuft auch die CD, die Chris auf den Tresen geknallt hat. „Unsere Fünfte“, röhrt Chris, „was Beethoven schon konnte, können auch wir, hehe! Aus dem Leben gegriffen! Kennst du meine Geschichte, wenn ich schon deine erzählt hatte, Kumpel?“ –
„Äh, … nein“, kann Rumpelkammer nur sagen. Auf Langeweile hat er keinen Bock gerade. Da beginnt Chris schon seine Story zu erzählen, die 1994 begann und schon bald darauf dem Tod fast von der Schippe sprang. Bei einem Unfall renkte er sich drei Nackenwirbel aus und verbrachte Monate in der Reha. Davon hat er sich nicht unterkriegen lassen. Nahezu zehn Jahre brauchte die Truppe für ihr erstes Album, „Schmutzige Liebe“ genannt. Im Vorfeld der Arbeiten an „Auf die Fresse ist umsonst“ trennten sich nach vielen Jahren die Wege von Laut und seinen Mitstreitern Flash Ostrock und Dennis Henning, erfährt Rumpelkammer nun nachdem er sich die Entstehungsgeschichten der anderen Alben anhörte.
„Eine Band ist wie eine Ehe“, schwadroniert Chris, „nur mit mehr Teilnehmern und weniger Körperkontakt. Zumindest, soweit uns betrifft. Und manchmal gehen nach vielen schönen und erfolgreichen Jahren die Auffassungen über den weiteren Weg einfach auseinander. Genau das ist uns jetzt passiert. Darauf noch eins!“
Chris stellt das leere Glas auf den Tresen und bekommt ein volles in die Pranke gedrückt. „Viele
Kerle wünschen sich ja auch, eines Morgens neben einem – sagen wir mal – sehr gesprächsbereiten Supermodel aufzuwachen. Dumm nur, wenn das dann Marcus Schenkenberg ist“, witzelt Chris.
Rumpelkammer kann nicht folgen. Stattdessen sagt er: „Wenigstens macht ihr grundehrliche Mucke. Rose Tattoo mochte ich früher auch.“ –
„Klar“, röhrt Chris, „Man darf bei alledem ja nicht vergessen: es ist immer Rock’n’Roll! Auch das Leben! Wir haben es geschafft, ohne Medien, ohne Rummel und sonstwas langsam aber stetig zu wachsen. Allen Widrigkeiten zum Trotz! Nur durch die Fans werden wir stark! Dafür musst du schon Weggeld zahlen. Nur auf die Fresse ist umsonst!“

Bewertungsgeklingel
Outfit

Dicker Mann macht auf dünne Hose und zeigt trotzdem Gefühl. Frauen verdeutlichen seine Promiskuität, aber sein Geldbeutel ist leer. Im Rotlichtviertel des Rock’n’Roll geht es ab. Szene-Attitüde? Rocken Roll? (6 von 10 Punkten)

Klang

Hier röhrt und ballert es aus allen Rohren. Chris Laut klingt wie ein stimmlicher Zwilling von Brian Johnson. Der Sound bringt die R’n’R-Einstellung auf den Punkt. Keine Frage, hier bekommt man was man erwartet. Schön druckvoll. (10 von 10 Punkten)

Glaubwürdigkeit

Ein Trio vom Kiez. St. Pauli, Reeperbahn, Rock’n’Roll und das pralle Leben. Manchmal fällt es wie eine Dörrpflaume auf das Kopfsteinpflaster des Rotlichtviertels, wo die Bordsteinschwalben sogar Gang-Farben tragen. Wer von dort kommt, weiß wovon er spricht. Hafensprache, Hochschule des Lebens und so weiter. Ohrenfeindt nölt nicht wie die Onkelz herum, oder preist irgendwelche Landstriche wie die Frei.Wildler. Auf „Auf die Fresse ist umsonst“ geht es um Frauen, One-Night-Stands, die letzte Kohle im Monat, enttäuschte Liebe und Realitätsverdrängung. Alles verpackt in einfachem Rock’n’Roll wie wir es von AC/DC, Rose Tattoo und Motörhead kennen. Nichts besonderes eben, aber unterhaltsam allemal. Ohrenfeindt vermeidet schwülstiges Opfer-Sprech a la Onkelz. Hier geht es nicht um das Wirgefühl gegen die Gesellschaft, kein Aufstand gegen die Bürgerlichkeit, kein Opferneid. Chris Laut beschreibt das Leben der einfachen Leute. Das ist schon mal was. Kraftprotzattitüde inklusive. Man muss drauf stehen. (9 von 10 Punkten)

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