Wilcox‘ Prog-Ecke: Eine Tangente zum Nachmittagstee

Tee in der Sahara, Klassik im Kopf, Rock in den Fühlern  - Andy Tillison (Foto: Presse/InsideOut Music)

Tee in der Sahara, Klassik im Kopf, Rock in den Fühlern – Andy Tillison (Foto: Presse/InsideOut Music)

Ich höre die Mittagsglocken läuten als ich eine LP zur Hand nehme und sie in meinen PC-Schacht einführe. Ich bin auf vieles gefasst. Vor allem seitdem mich mein Plattenhändler des Vertrauens mit großartigen Prog-Rock-Platten versorgt, die ich euch nicht vorenthalten will. (Von W. E. Wilcox)

Es war einmal ein gewisser Andy Tillison. Der lockige Keyboarder mit dem kleinen Wohlstandbauch bediente die schwarz-weißen Tasten der britischen Combo Parallel or 90 Degrees als er eines Tages sich mit Roine Stolt, Jonas Reingold und Zoltan Csorsz von The Flower Kings, David Jackson von Van der Graaf Generator und Guy Manning traf. Mit Manning hatte Tillison bei Parallel or 90 Degrees genug Tee getrunken. Also beschlossen die Musiker 2002 The Tangent zu gründen. Ihre Arbeit machte ihnen so viel Spaß, dass sie fortan sieben Alben veröffentlichten und 2013 ein Vorhaben auf den Ladentisch legten, das Kenner zwischen alten und gefallenen Helden von Yes, Emerson, Lake & Palmer und frühe Genesis stellen. Wir wissen, dass die verspielte und erzählerische Ebene des Rock seit zehn Jahren eine Renaissance erfährt. Nicht nur durch Steven Wilson, Porcupine Tree und Mars Volta.
Das Wiederaufleben des Progressive Rocks trieb Tillison jedenfalls an, etwas zu produzieren, das über die Grenzen des Rock hinausschaut. Wie schon das Prog-Projekt Emerson, Lake & Palmer Anfang der Siebziger mit Orchestersuite-Rock von sich Reden machte, Deep Purple längst vorgemacht hat, dass ein orchestraler Unterbau der Rockmusik gut tun kann. Also fokussierte Tillison sich auf die Idee, eine Orchester-Suite im Geiste von Künstlern wie Camel oder Deep Purples verstorbenem Jon Lord zu erschaffen. Also eine Art Filmsoundtrack.
„Hoffentlich gelingt es mir, das mit der Musik rüberzubringen“, sagt Tillison während ich seine Platte rotieren lasse und dazu eine herrliche Chili-Gemüse-Reis-Pfanne mache und ein „Wicküler“ konsumiere. Tillison beschloss vor ein paar Tagen, im Geiste bei mir einzufliegen und sich in meinem Homeoffice gemütlich zu machen. Fenchel-Anis-Tee ist schon alle.
„Ich möchte der Musik jene Begeisterung einhauchen, die ich fühlte, als ich zum ersten Mal klassische Musik hörte“, erzählt er bei einem Schluck Bier. „Deshalb bin ich überhaupt erst zur progressiven Rockmusik gekommen. Wenn ich als Kind klassische Musik hörte, war ich in einer anderen Welt, malte mir Bilder und Szenen aus und erzählte mir selbst passende Geschichten dazu. Nun wollte ich mit meiner eigenen Musik jemand anderem diese Geschichten erzählen.“ –

so sieht "Le Sacre du Travail" aus (Foto: Presse/InsideOut Music)

so sieht „Le Sacre du Travail“ aus (Foto: Presse/InsideOut Music)

„Klar“, sage ich und rühre den Kurkuma-Reis mit dem Holzlöffel um, „aber musst du gleich mit so einem Klopper einsteigen? Erste Bewegung, zweite, dritte… usw.?“ –
„So macht man das doch“, erwidert er. Tillison zutscht die Flasche leer. „Wir haben die Idee eines Konzeptalbums lange Zeit vermieden, und letzten Endes haben wir dann doch eines gemacht. Viele der Lyrics flogen mir einfach so zu, ich schrieb sie vorher nicht auf, sondern sang nur, was ich fühlte: ganz viele verschiedene Dinge. Ich hatte so viele Ansätze und Ideen, dass ich einen Schritt zurückgehen und die besten aussortieren musste. Am Ende hatte ich dann eine klare Vorstellung davon, worüber ich singen wollte. Das alles war ein sehr natürlicher Prozess.“
„Um was geht es bei dem Konzept eigentlich?“, frage ich und genieße die Reispfanne, die ihre Schärfe dumpf in meinem Mundraum entfaltet, worauf ich ein kühles „Wick“ gieße.
„Also“, antwortet der Angesprochene, „Le Sacre Du Travail ist, kurz gesagt, eine Geschichte über sieben Milliarden Menschen, die alle den gleichen Namen tragen: „Du“. Wir wollten den Hörer in dieses Bild hineinversetzen und beschlossen, dass sie diese Geschichte in einer Art und Weise präsentieren wollten, die jeden auf einer intimen Ebene anspricht.“ –
„Ich musste gleich an Emerson, Lake & Palmer denken als ich das Album hörte“, entgegnete ich. „Wer hat dich beeinflusst für dein Vorhaben?“ –
„Der offensichtlichste Einfluss ist eins der ersten Progressive-Rock-Alben, die je gemacht wurden: ‚Days Of Future Past‘ von The Moody Blues. Sie hatten die Idee, einen einzelnen Tag in unterschiedliche Teile aufzubrechen und ihn dann auf dem Album zu durchlaufen. Das scheint stets in meinem Hinterkopf gewesen zu sein, obwohl ich gestehen muss, dass ich dieses Album seit wahrscheinlich 30 Jahren nicht mehr gehört habe. Ich habe während der Aufnahmen nie wirklich daran gedacht, doch an irgendeinem Punkt wurde mir klar, dass ich die Geschichte eines einzelnen Tages mit einem Orchester und einer Rockband abbildete. Deep Purples ‚Concerto For Group And Orchestra‘ war ebenfalls ein großer Einfluss, und auch Roger Waters ‚Amused To Death‘-Album kann man definitiv darin wiederfinden.“ –
„Klingt auf jeden Fall ambitioniert“, sage ich und fächele mir Luft zu. Zu der Hitze aus der Sahara gesellt sich auch der innere Ofen der Chili-Würze. Ich erzähle dem Tastenmann, dass ich erst mich herantasten muss, um Prog-Rock in seiner Fülle und Gänze zu erfahren. Fing alles mit Opeth und Porcupine Tree an. Aber die frühen Genesis toppen einfach alles. Pink Floyd ist eigentlich langweilig. The Beatles sind es nicht. Yes ist fantastisch, Rush auch. Aber wer ist The Tangent, dass man von einem Projekt wie „Sacre“ die Messlatte zu hoch hängt, denke ich.
Als ob Tillison den Gedanken lesen kann, spricht er: „Uns ist klar, dass wir damit ein Risiko eingehen. Einige Leute werden sagen: ‚Was zur Hölle ist das?‘, weil es ein großes Stück Musik ist, zu dem man erst mal einen Zugang finden muss. Doch genau dort möchte ich sein: an der vordersten Front progressiver Musik.“
Ich antworte, dass ihm die Arbeit super gelungen ist und biete ihm einen Teller Reispfanne an und stelle ihm noch ein Bier auf den Tisch. Ich sage auch, dass er sich nicht an eine Spitze stellen muss, um Selbstbestätigung zu erfahren. Sein handwerkliches Geschick spricht für sich. Die Kompositionen tauen trotz brütender Mittagshitze langsam auf. Sind sie erst einmal im Hirnlappen angekommen, gehen sie auch nicht mehr heraus. Mir gefallen die chilligen Einschübe. Manchmal gehen mir die virtuosen Keyboardspritzer auf den Sack. Aber da lacht Tillison nur und meint, dass seine Mutter ihm das auch schon gesagt hatte. Er fragt noch wo wir unseren Nachmittagstee dinieren werden, denn er hat echt Bock drauf bei 40 Grad im Schatten in einen Biergarten zu gehen und wie ein Englishman eine Tasse Earl Grey zu genießen.

Mehr über das ProgLabel InsideOut erfahrt ihr auf ihrer Youtube-Seite

Andy Tillison ist mit The Tangent woanders zuhause

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