Kneipengespräche: Ein Sangesjongleur mit Händchen

James LaBrie und Band 2013 (Bild: InsideOut/Presse)

James LaBrie und Band 2013 (Bild: InsideOut/Presse)

Rumpelkammer ist wehmütig heute. Sein Bürgerdienst an der Auwaldschleuse läuft aus. Er hofft auf eine Verlängerung seiner Maßnahme. Vielleicht auf eine Umschulung, oder noch besser auf eine Rehamaßnahme. Seit Wochen sucht er wieder die Psychiatrische Tagesklinik neben der Russischen Kirche auf.

„Die Russische Kirche“, seufzt er und erinnert sich an seine Kindheit als er oft zu den Gottesdiensten ging und im Kirchengeschäft sich die schönen, bunten Kreuzchen und Ketten kaufte. Das brachte die Lehrer in der Schule zur Weißglut. Rumpelkammers Art irgendwie aus der Reihe zu tanzen. Eine andere ist, dass er im Gegensatz zu seinen Kumpels nicht den klassischen Metal an sich mag. Wenn auch er die alten Klassiker hört, sich oft noch in seine alten Stretchjeans mit dem Nietengürtel zwängt, die Kutte überzieht und seine ausgefransten Loden zu Metallicas „Ride The Lighning“ schwingt. Immerhin passen die Hosen noch.
„Was denn nun mit der Russischen Zwiebel“, brummt Zeitdieb fragend, der sich auf dem Barhocker neben Rumpelkammer gemütlich macht und seinen breiten Hintern nahezu über das Polster des Hockers stülpt. „Ach nichts“, antwortet Rumpelkammer etwas verdrießlich. „Kindheitserinnerungen.“
„Wirste wieder sentimental, oder was“, sagt Zeitdieb. Er kennt seinen Freund nur zu gut. Wenn er einmal damit anfängt, betrinkt er sich wieder und hört sich die absonderlichen Sachen an, wie Zeitdieb Rumpelkammers Vorliebe für Progressive Rock bezeichnet. Aber irgendwie tut er ihm leid. Zum Barkeeper gewandt sagt er: „Hier, dir gebe ich mal ’ne Scheibe in die Hand, die mein Kumpel aus dem hohen Norden mir anvertraute. Ist nicht so meins, aber vielleicht gefällt’s ja dem da.“ Zeitdieb stupst Rumpelkammer mit dem dicken Ellenbogen an, so dass der Arme beinahe vom Hocker rutscht. Rumpelkammer ist ja wirklich ein Strich in der Landschaft.
„Was’n das“, fragt der Bartender.
„Frag nicht, mach…“, brummt Zeitdieb und hebt sein Bierglas zu einem leerenden Schluck an.
Der Barmensch macht was ihm geheißen. „Ach, ist James LaBrie nicht der von Dream Theater?“
„Höhö“, macht Zeitdieb, „klar! Trieb Täter, …“ Er lacht über seinen Witz. Rumpelkammer wird hellhörig. „Zeig ma'“, sagt er und reckt seinen Arm über den Tresen. Der Tresentiger reicht ihm eine CD. “Impermanent Resonance” steht da drauf. „Ist das die neue“, fragt Rumpelkammer.
„Scheint so“, nölt Zeitdieb neben ihm. „Keine Ahnung.“
Die ersten Klänge ertönen. Durch Rumpelkammer geht ein Ruck. „Aggressiv!“, meint er, „ganz schön direkt. Ganz anders als bei Dream Theater!“ –
„Wie soll’s auch anders sein“, sagt sein dicker Kompagnon neben ihm während er sich mit einem Handwink noch ein Bier bestellt.
„Mann, ich habe ein neues Dream-Theater-Album erwartet“, erwidert der jeansbejackte Stretchjeansträger mit schwarzem Hemd, dessen Laune sich wieder zu heben scheint. „Aber dass LaBrie auch so kann, wusste ich nicht.“

So sieht das Album aus - ab dem 27. Juli im Handel (Bild: InsideOut/Presse)

So sieht das Album aus – ab dem 27. Juli im Handel (Bild: InsideOut/Presse)

In dem Moment schaltet sich ein Typ ein, der die ganze Zeit den dreien zuhörte und in sich hinein schmunzelte. Er stellt sich als Promoter vor, der für Plattenfirmen die Pressetrommel rührt und die Presseschar mit Promo-Alben bestückt.
„Wenn ihr wüsstet, Loide“, sagt er im Küstenslang. „Das Album wurde dabei erneut zusammen mit LaBries Songwriting-Partner der vergangenen zwölf Jahre, Matt Guillory, konzipiert. Guillory übernahm dabei nicht bloß federführend die kompositorische Leitung für das neue Material, sondern nahm auch Keyboard-Parts und Backing Vocals auf. Wie auch bereits auf dem 2010er „Static Impulse” Album sind an dem neuen Werk außerdem der aus Italien stammende Marco Sfogli an der Gitarre, Ray Riendeau , der u.a. auch bei Halford und Machines of Loving Grace mitwirkte, am Bass und der schwedische Ausnahmedrummer Peter Wildoer beteiligt gewesen. Letztgenannter dürfte nicht nur durch die langjährige internationale Karriere seiner eigenen Band Darkane und seine kürzlich stattgefundenen Auditions bei Dream Theater ein etablierter Szene-Begriff sein, sondern zusätzlich auch durch seine vorherige Mitarbeit an so unterschiedlichen Formationen wie Majestic, Old Man’s Child, Pestilence oder auch Arch Enemy.“ –
„Klingt erstaunlich hart und frisch, melodisch sehr sogar“, wirft Rumpelkammer ein während die letzten Nummern von “Impermanent Resonance” ertönen. „Gefällt mir bis jetzt ganz gut.“ –
„Froid mich“, sagt der Promoter. Aber das Telefongeklingel seines Smartphones unterbricht ihn. „Moment mal, ich muss da mal ran gehen.“
Eine Weile quatscht er auf Englisch mit dem Anrufer. Rumpelkammer hört heraus, dass der Promoter von ihm erzählt. ‚N großer Dream-Theater-Fan, der 1998 im Haus Auensee mit ungefähr hundert Hanseln die Progband spielen sah und sich Led Zeppelin und Slayer wünschte. Dream Theater schüttelte ein As nach dem anderen aus dem Ärmel. Der Promoter hört nun auf zu reden. „Hier“, sagt er und hält Rumpelkammer das Handy ans Ohr, „für dich.“
Am anderen Ende der Leitung erschallt ein „Hello“. Rumpelkammer erkennt die Stimme. James LaBrie! Dem Musikfan rutscht das Herz in die Hose wie seiner Mutter das vielleicht noch bei den Beatles geschehen wäre, hätte sie je ein Konzert der Truppe besucht. Eine Weile tauschen Rumpelkammer und der Dream-Theater-Sänger sich aus. Rumpelkammer erfährt auch die Beweggründe des Sängers, warum er neben Dream Theater mal auf die Kacke haut.
La Brie: “To me this album incorporates and continues with the styles and musical direction that we have created with the previous releases. The difference being that the music on this disc is to me a true telling of the songs evolving and taking on a sense of identity that is every band’s ultimate goal. It is powerful, memorable, hook-driven and above all extremely musical. It shows how the writing and the band itself have matured. I truly feel that this is our quintessential album.”
Rumpelkammer pflichtet ihm bei. Noch immer fast sprachlos über den harschen Göteborg-Metal mit viel Melodie, was ihn in Teilen an In Flames, Soilwork, Threat Signal erinnert. Beide verabschieden sich. Der Musikfan gibt dem mit Zeitdieb quasselnden Promoter das Telefon zurück.
„Und“, fragt jener, „was hat er gesagt?“ –
„Dass “Impermanent Resonance” genau das Album ist, das James machen wollte“, antwortete Rumpelkammer mit einem Griff zu der kalten Cola, die der Barkeeper ihm auf den Tresen gestellt hat. „Und“, denkt Rumpelkammer, „meine Wehmut ist wie weg geblasen.“

Bewertungsgeklingel

Outfit

Typen in Anzügen, denen die Köpfe weg schmelzen, oder ganz wirr vom Dax-Buchstabensalat sind. Erinnert stark an die Alien-Zerrbilder von Hypocrisy oder ein besonders dringlicher Hinweis, dass Typen in Anzügen nichts zu sagen haben, aber nur so tun als ob. Sieht nach Inhalt aus. Ästhetisch, düster, gar nicht so sehr Metal. Aber modern! (8 von 10 Punkten)

Klang

Töfte! LaBrie hat alles richtig gemacht. Nicht nur Härte wird verwurstet, sondern auch Melodie, Tiefe und Schärfe. Der Sound drückt wie kalte Leberwurst aus der Pelle wenn Zeitdieb sich drauf setzt. Göteborg-Sound trifft auf Dream Theater. Steht dem Dream-Theater-Härtekoloss „Train Of Thought“ nahe, nur nicht so verfrickelt. Aber irgendwie kennt man das Gebrumm schon von In Flames, Threat Signal und Soilwork schon. Nichts neues also, aber dennoch gut gemacht. Am Anfang dachte ich, alles klingt irgendwie gleich. Aber das Songwriting ist gelungen. Die Songs sind abwechslungsreich, und das hört man auch durch den dicken Soundteppich. (8 von 10 Punkten)

Glaubwürdigkeit

Hier arbeiten sehr gute Musiker. LaBrie versucht nicht Metal, sondern macht ihn. Auf die Dauer wird die Scheibe sich aber nicht durchsetzen, weil die Proggies sich lieber auf das neue Dream-Theater-Album freuen, das im Herbst erscheint. Metaller werden die Scheibe mit Wohlwollen zur Kenntnis nehmen. Aber schön, dass LaBrie es gemacht hat. (9 von 10 Punkten)

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