Black Sabbath – Ausgebrannte Technikfreaks

Viel wird über das siebte Studioalbum von Black Sabbath erzählt. Vieles davon ist richtig und wichtig. Als ich Anfang der Neunziger ein Päckchen erhielt, und ich es öffnete, rutschten die beiden Schallplatten heraus, die auf die Namen „Technical Ecstasy“ und „Never Say Die!“ hören. So ungewöhnlich die Albumcover aussehen, so die Musik? Ich war skeptisch. (Artikel erschien im Mai 2013 bereits bei Bloodchamber.de)

Ich bin immer noch skeptisch, wenn jemand die beiden Siebziger-Spätwerke mit Ozzy Osbourne als Mikrofonbefeuchter abtut als wären sie nicht wichtig. Ein Stück weit haben die Kritiker recht. Musikalisch entfernte Sabbath sich stark von seinen Anfängen. Der Vierer verlor an Düsternis, streifte den Pop und erweiterte mitten in der abebbenden Prog-Ära und beginnenden Punk-Episode seinen musikalischen Horizont. Weiterentwicklung heißt das Zauberwort. Ich nenne das tot produziert.
Die beiden „Weißen“, so wie ich sie nenne, blicken aber mit einem Auge schon in die Achtziger. Warum, wird vor allem bei der 1976 erschienenen „Technical Ecstasy“ deutlich.
Darauf verfeinerte Tony Iommi sein Solo-Spiel, was wir auf der zweiten Nummer „You Won’t Change Me“ hören können. Dass er gern seine Technik zu entwickeln pflegte und wegen seiner fehlenden Fingerkuppen zeigen wollte, dass er ein versierter Gitarrenspieler ist, wissen wir schon von „Vol. 4“ und „Sabbath Bloody Sabbath“. Die Riffs setzt er effektiv ein, überlagert Effekt um Effekt, Tonspur um Tonspur. Harmonien und Melodien halten verstärkt Einzug in den Sound von Sabbath.

So schräg wie die Albumgestaltung so schräg auch die Musik? - Technical Ecstasy zeigt Sex unter Robotern (Copyright: Vertigo/Warner)
So schräg wie die Albumgestaltung so schräg auch die Musik? – Technical Ecstasy zeigt Sex unter Robotern (Copyright: Vertigo/Warner)

Zunächst lauschen wir dem Opener „Back Street Kids“. Eine Nummer mit einen kräftigen Impuls in die galoppierende Richtung von den damals noch wirklich jungfräulichen Iron Maiden. Das von Sabbath in Florida selbst produzierte Scheibchen wird von einem herzhaften Tritt in die Allerwertesten der Kritiker eröffnet, geht aber auch nach hinten los. Keiner wollte damals Ozzy von „Back Street Kids“ singen hören. Irgendwie geht die Glaubwürdigkeit flöten, oder? Auch sonst ist die Nummer für Sabbath-Verhältnisse eher Durchschnittsware.
Auch dass nach dem Rockalbum „Sabotage“ wieder der Schwenk in Richtung mehr Experiment, Synthesizern und Keyboards erfolgte, tut „Technical Ecstasy“ nicht gut. Zumindest unterstreicht der Albumtitel die Technik-Manie von der Truppe – insbesondere Tony Iommi war der Freak an den Reglern. Wer will Ozzy mit Orgeln kämpfen hören?
Trotzdem sind die Songs schlüssig verpackt, die Instrumentals verschwunden. Als Dreingabe ließ die Band Drummer Bill Ward die ganz nette Ballade „It’s Alright“ singen. Eine Entscheidung, die Ozzy selbst begrüßte.
Auf „Gypsy“ darf die alte Seufzerbrücke unter den rhythmischen Takten von Bill wieder wehklagen. Sabbath und „Gypsy“? Nun ja, … eine Kritik an die Sinti und Roma darf man den Song nicht verstehen, sondern als kitschige Antwort auf die „Gypsy“-Lyrik im Rock’n’Roll. Eine feurige Liebeserklärung an eine südländische Frau eben. Welcher Rocker verliert nicht sein Herz an eine Dame, die hinterher auf dem klopfenden Muskel wild tanzt? Bei Sabbath ist aus der Story eben ein Klagelied geworden, ein trauriges sogar. Doom ist es aber nicht. Wenn Oz sein fernes „Aha“ ertönen lässt, erahnen wir die Stoßrichtung seiner Solokarriere.
Noch ist es aber nicht so weit. Wir müssen uns mit einem zahnlosen Rocker namens „All Moving Parts (Stand Still)“ begnügen bei dem alle zwar eine handwerklich gute Figur machen, aber uns mit Fragezeichen zurück lassen. Warum hat die Band so einen Song aufgenommen? Dieselbe Frage können wir auch an den „Rock ‚N‘ Roll Doctor“ stellen, der danach wirklich geholt werden muss. Starker Auftritt am Anfang mit Gong, gedrosseltem Tempo und ein paar verquirlten Soli. Dann ein Rocker in der Gangart eines Rory Gallagher. Beileibe nicht schlecht gemacht mit seinen schwermütigen Einschüben. Bald regiert wieder die Saloon-Klimperkiste im Hinter- und die Vierviertel-Pauke im Vordergrund. „She’s gone“ ist die zweite Ballade nach „It’s Alright“. Hätte Tony Iommi jemals so ein Lied verfasst, wo die Textzeile „Uh, my baby“ vorkommt? Mit Sabbath assoziiert keiner mit einem Himmel voller molliger Geigen.
Versöhnlicher dann „Dirty Woman“, das Tony, Ozzy, Geezer und Bill während ihrer ersten Reunion-Tour 1998/99 spielte. Das Lied geht für Sabbath-Verhältnisse trotz anrüchigen Inhalts und Orgelei immer noch als lauwarme Nummer durch.
Unter Strich bleibt von „Technical Ecstasy“ nicht viel übrig. Sabbath entfernte sich von seinem Status als harte Rockband, versuchte irgendwie anspruchsvoll zu klingen und kleisterte die Lieder mit Keyboards zu. Hin und wieder umstreicht die Band den Anflug von einem dunklen Gefühl. Die harten Riffs wichen Melodien und Soli. Nicht unbedingt die schlechteste Entwicklung. Auch dass die Songs komplexer wurden, dürfen wir nicht als Manko verstehen. In vielerlei Hinsicht präsentiert uns „Technical Ecstasy“ aber eine Band, in der Ozzy und Tony unterschiedliche Vorstellungen haben. Für uns Hörer können sie nur auseinander klaffen. Was übrig bleibt ist eine Platte von ausgebrannten Technik-Freaks.

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