Black Sabbath – Sabbra Cadabra im Schuhkarton

Da liegt es nun. Das Tape, das ich auf einem Flohmarkt 1990 erwarb, befindet sich in einer alten Schachtel zusammen mit anderen Musikkassetten, die ich seitdem kaufte. Verstaubt, zerkratzt die Hülle, das Innere sicher noch wohlbehalten. Auf der A-Seite föhnt das Debüt von vier Briten die Haare vom Kopf. Die B-Seite zeigt eine ganz andere Welt von Black Sabbath. Filigran, ausgereift und vor allem sehr melodiös. (Erschien auf Bloodchamber.de)

Zwei alte Bekannte kehrten für die Aufnahme der fünften Studio-LP zu Black Sabbath zurück. Eigentlich war es nur einer: Tom Allom, seines Zeichens der Toningenieur der ersten drei Studioalben, ist nun der Produzent von „Sabbath Bloody Sabbath“. Die Band kehrte nach ihrem Ausflug ins sonnige Kalifornien wieder zurück ins heimische London. Der zweite Garant für eine Erfolgsscheibe.
Nach dem kleinen Desaster „Vol. 4“ eine weise Entscheidung. Selbst Tony Iommi sagt im Nachhinein, dass „Vol. 4“ nicht ausgereift gewesen ist. Das soll sich mit der neuen Scheibe ändern.
Das hört man auch. Für „Sabbath Bloody Sabbath“ nahm die Band sich nicht nur mehr Zeit, die vier Musiker spannen ihre Klangexperimente weiter und ließen sie reifen. Das Ergebnis ist ein homogen klingendes Album mit sieben spannenden Songs und einem Instrumental, das heute noch als Rausschmeißer auf Sabbath-Konzerten dient. Die Rede ist von „Fluff“. Aber das Lied soll’s nicht sein, das die Maßstäbe und Messlatte von Sabbath wieder ein Stockwerk höher setzt als der Vorgänger.

So sieht "Sabbath Bloody Sabbath" aus (Copyright: Vertigo/Universal Music)
So sieht „Sabbath Bloody Sabbath“ aus (Copyright: Vertigo/Universal Music)

Klang Sabbath mit seinen Frühwerken noch roh und ungeschlacht, so dominieren auf dem Fünftwerk trotz tonnenschweren Riffs mehr Harmonien und Melodien. Eine Entwicklung, die auf „Vol. 4“ begann. Für das Songwriting hielt die Band sich im Gefängnis von Clearwell Castle in Gloucestershire auf. Daher das inspirierte Anfangsriff beim Titelstück des Albums – ein Klassiker.
Danach zog Sabbath nach London wo die Scheibe aufgenommen wurde. Gleichzeitig entstand im selben Studio das Album „Tales from Topographic Oceans“ von der britischen Prog-Rock-Legende Yes. Ihr Keyboarder Rick Wakeman spazierte eines Tages in einen Pub, wo Geezer Butler und Tony Iommi saßen und den Tastenmann spontan um seine Mithilfe baten. Beide kamen nicht weiter, die Keyboard-Parts für „Sabbra Cadabra“ auszutüfteln. Also war Rick Wakeman der erste externe Musiker, der bei Sabbath seit dem Debüt auf einem Sabbath-Album mitwirkte. Auf „Who are you?“ trieb Sabbath das Experiment auf die Spitze, aber schaffte es – anders als auf „Vol. 4“ – es zu vollenden und einen ordentlichen Song daraus zu machen.
Aber echte Perlen sind neben dem Titelstück und „Sabbra Cadabra“ nunmal „Killing Yourself to Live“, „A National Acrobat“, „Looking for Today“ und „Spiral Architect“. Das heißt, das Album schließt sowohl musikalisch als auch kompositorisch wie klanglich zu den ersten drei Studiowerken auf.
Das sahen sowohl Kritiker als auch Fans so. Zu letzteren zählte zehn bis zwanzig Jahre nach Erscheinen von „Sabbath Bloody Sabbath“ das „Who is Who“ der amerikanischen Metalszene. Dass sogar die schwedische Popband „The Cardigans“ „Sabbath Bloody Sabbath“ interpretierte, zeugt daher umso mehr von Geschmack.
Für mich persönlich ist „Sabbath Bloody Sabbath“ nur ein Punkt von der Höchstpunktzahl entfernt. Das liegt wohl daran, dass ich trotz der klanglichen und kompositorischen Fülle ein wenig die rockigen Sabbath vermisse. Aber mit „Sabotage“ kehrt der Vierer zu den alten Leisten zurück und entwickelt sich sogar noch etwas weiter. Wenn die Band wahrscheinlich bis zu dem Zeitpunkt auch das hässlichste Plattencover aller Zeiten in Auftrag gab.

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