Kneipengespräche: Heavy Metal Brain unterm Stahlhammer

U.D.O. anno 2013 (Copyright: AFM Records/U.D.O.)
U.D.O. anno 2013 (Copyright: AFM Records/U.D.O.)

„Udo Dirkschneider hat es nicht leicht“, meint Zeitdieb zu Rumpelkammer, „der einstige Sänger der teutonischen Metalformation Accept muss sich immer wieder mit seinen Ex-Kollegen messen lassen. Dabei ist er es doch, der den Accept-Sound entscheidend mit prägte. Sein neues Album ‚Steelhammer‘ kann nur unter Beweis stellen, dass die heutigen Accept nur ein Fake sind. Aber noch habe ich das Album nicht.“

„Zeitdieb“ stellt sein Bier auf dem Tresen. Sein breiter Rücken verstellt den in die Helheimkneipe hinein strömenden Besuchern die Sicht auf die Getränketafel. Der einstige Bierkutscher kann wegen eines Wirbelsäulenschadens nicht mehr im Cockpit seines Trucks sitzen. Stattdessen schult er als Kunsttherapeut um. Er wird von seinen Freunden „Zeitdieb“ genannt, weil er einfach zu allem und jedem was sagen kann. Sein Lieblingsthema ist natürlich Metal. Die Musik liebt er mit ganzer Seele. Der zweifache Familienvater schüttelt seine Nackenzotteln zu den Takten von U.D.O.’s „Rev-Raptor“ und freut sich bald wieder U.D.O. sehen zu können. Sein Kumpel „Rumpelkammer“ nickt zustimmend und setzt das Bierglas an seine Lippen.
„Röhrt ganz schön durch“, sagt er nachdem er einen kräftigen Schluck aus dem Bembel genommen hat.
„Klar“, grölt „Zeitdieb“, „schon ‚Dominator‘ haute voll rein. Klassisch Accept, klassischer als Accept heute! Keine Ahnung warum Udo in der Vergangenheit von so manchem Metalzentralorgan so geschnitten wurde…“ –
„Weiß ich auch nicht, …“, sagt „Rumpelkammer“. „Zeitdiebs“ Freund hat auch seit 20 Jahren seinen Spitznamen weg, weil er mal in der Klapse war, weil seine Frau ihm übel mitspielte. Dann verlor er sich im Alkohol, dann in der Obdachlosigkeit. Seit er seinen dritten Entzug hinter sich hatte, wollte er einfach nur wieder seinen Kindern beim Wachsen und Gedeihen zuschauen, und ihnen natürlich dabei helfen, gerade und aufrecht durchs Leben zu gehen. Seine Arbeitsmaßnahme sitzt er beim „Bürgerdienst“ an der Wildparkschleuse ab. Das schafft er ganz gut. Sein Alkoholproblem hat er inzwischen auch im Griff seit er nicht mehr an seine Alte denkt. „Aber hey“, sagt er, „die Aktion mit dem Panzer war doch super, oder?“ –
„Und wie“, entgegnet „Zeitdieb“, der eigentlich Franz heißt. „Aber schade, dass nun Stefan Kaufmann ausgestiegen ist, Igo Gianola soll auch gegangen sein. Das wird sich spürbar auf den U.D.O.-Sound auswirken, denke ich.“ –
Rumpelkammer: „Meinste?“
Zeitdieb: „Meine ich.“
Bartenderin Alex verfolgt das Gespräch der beiden Veteranen, die am Tresen ihre Wunden lecken. „Mensch, da habe ich was für euch“, sagt sie und kramt im Laptop herum bis sie in einem Ordner die neue U.D.O.-Platte findet. Dann drückt sie auf „Play“ und beobachtet die Reaktionen der beiden Altmetall-Fans. „Zeitdieb“ nickt bei den ersten Takten von „Steelhammer“. „Nicht schlecht!“, ruft er aus. „Viel organischer und nicht so steril wie das Vorgängeralbum. ‚Rev-Raptor‘ klang schon sehr klinisch. ‚Steelhammer‘ dröhnt schon ordentlich. Fast schon wie ein Oldschool-Accept-Album! Gruhf!“
Rumpelkammer bleibt ruhig und will das Album am Stück genießen. „Abwarten“, sagt er, „lass mal eine Weile laufen, Baby.“ –
„Klar“, antwortet sie, „höre ich zum ersten Mal das Teil. Klingt schon lustig… Das ist also Teuto-Metal.“
Während das schleppende „A Cry of a Nation“ läuft kommt ein untersetzter, blonder Kerl mit Armeejacke und Springerstiefeln gekleidet in die Kneipe und legt ein paar Promo-CDs aus.
„Hey Knabe“, ruft Rumpelkammer zu dem Typen rüber, „bring mal so ein Ding her.“
Der Angesprochene stiefelt heran. Zeitdieb und Rumpelkammer erkennen ihn sofort. „Alter!“, ruft Zeitdieb erstaunt, „Udo! Du hier! Was machst du denn? Solltest du nicht deine Europatournee vorbereiten?“ –
„Na aber“, sagt der ehemalige Accept-Sänger zum alten Haudegen, „darauf kannst du deinen Allerwertesten verwetten. Aber an ‚Steelhammer‘ liegt mir so viel, dass ich eine Kneipen-Promotour mache. Und eure musste ich unbedingt anlaufen, habe ich doch so viel von diesem Ort gelesen. Wenn auch der Schreiberling, der diesen Blog verzapft, meine ‚Live In Sofia‘-Geschichte nicht hier verortet hatte. Aber wisst ihr was, … ich erzähle euch mal wie es zu ‚Steelhammer‘ kam.“ –
„Ja, mach mal“, sagt Rumpelkammer, noch etwas ungläubig und offenbar nicht sehr konzentriert, weil er unentwegt ein Ohr auf „Steelhammer“ kleben hat.
„Also“, beginnt Udo, „es war irgendwann im Jahr 1987 als ‚Animal House‘ erschien. Mein erstes Solo-Studio-Album, quasi ohne Accept eben, … also damals wollte ich nicht den Weg mitgehen, den die anderen gehen wollten. Ich wollte meine Fans nicht verraten. Wie ihr wisst war das Interims-Accept-Album ohne mich der Band persönlichstes Stalingrad. Komisch nur, dass sie heute darüber singen und erfolgreich damit sind, hehe, .. aber egal. Es geht hierbei um mich.“ –
„Krass geil!“, blökt Rumpelkammer bei den ersten Klängen von „Basta Ya“, „Endgeil, Udo, ich wusste nicht, dass du wieder Back to the roots gehst. Die Chöre! Voll Accept von 1981 bis 1983. Auch die galoppierenden Riffs – stark!“ –

So sieht "Steelhammer" aus (Copyright: AFM Records/U.D.O.)
So sieht „Steelhammer“ aus (Copyright: AFM Records/U.D.O.)

„He he, das will ich euch ja erzählen“, unterbricht Udo ihn, „Also ‚Steelhammer‘ ist die ultimative „back to the roots“-Platte, die logischste aller Fortsetzungen meiner Sologeschichte. Der Ausstieg von Stefan und Igo gab den Anstoß wieder etwas klassischer an die Sache heran zu gehen. Ich erlebte so manches Deja Vu während der Produktion und fühlte mich wie in eine Zeitmaschine gesetzt und zurück in meine Anfangstage transportiert. Als Stefan die Band aus gesundheitlichen Gründen verlassen musste, wurden wir quasi von einem Tag auf den nächsten ins kalte Wasser geworfen. Es waren nun wir, die wir uns selbst um die Produktion kümmern sollten. Dann setzen wir uns zusammen, tauschten Ideen aus und hatten ein paar Drinks zusammen – und genau dieses Szenario war die Zeitmaschine, mit der wir uns zurückversetzt in die alten Tage fühlten. Wir spürten wie wir damals als Jungspunde ähnlich im kalten Wasser ruderten und etwas ganz Neues, ganz Großes in Angriff nehmen würden. Die Aufregung kam in uns zurück und die Stimmung übertrug sich auf die kompletten Studioarbeiten. Ich hatte ganz zu Anfang ja mal eine Produktionsfirma mit Michael Wagener und hatte dabei bereits einige Erfahrungen gesammelt – die erwachten so nach und nach alle wieder zum Leben. Man verlernt das Fahrradfahren nicht, wenn man es einmal beherrscht hat. Genauso ist es mit der Studioarbeit. Wir begannen also, alles genau wie damals zu machen – und schufen genau dadurch letztendlich nun etwas völlig Neues im Zusammenhang mit U.D.O. – irgendwie bin ich wieder zuhause.“ –
„Oar, ja“, macht Zeitdieb, „wenn ich gerade diese Ballade höre, denke ich an die Siebziger zurück. Das Stück klingt verdammt noch mal wie eine Mischung aus frühen Judas Priest und Tom Waits.“ –
„Yeah. Du meinst ‚Heavy Rain‘. Ist genau auch mein Eindruck, he he“, antwortet Udo, „“was ich an dem Album so mag ist, dass es sehr abwechslungsreich ist. Wir haben schnelle Nummern wie ‘Basta Ya’, ‘Death Ride’, ‘Stay True’, eine – wie richtig von dir erkannt – richtige Ballade ‘Heavy Rain’, und einige Uptempo-Songs wie ‘Timekeeper’, ‘King Of Mean’, ‘Metal Machine’, ‘Steelhammer’. Nach 14 Alben mit U.D.O. und zehn mit Accept habe ich einfach nicht mehr das Gefühl – und versteht mich jetzt nicht falsch – auf Gedeih und Verderb ganz furchtbar „Heavy Metal“ sein zu müssen. Wir können auch mal bluesig oder groovend. Unser Trademark haben wir ohnehin längst etabliert und es funktioniert in den unterschiedlichsten Tempi und Rhythmen. Falls wir mal das Gefühl haben sollten, ein Song würde dank einer Flöte noch besser klingen, würde ich vermutlich sogar die inzwischen einbauen.“
Der blonde und stämmige Frontwürfel muss lachen. Längst muss er die Erwartungen nicht mehr erfüllen, die Oldschool-Metaller zu erwarten pflegen. Und so dogmatisch war Metal eigentlich früher auch nicht wie er heute zelebriert wird.
„Mann“, sagt Zeitdieb, „hast voll recht, Alter. Ich freue mich so tierisch darauf, dich wieder auf der Bühne stehen zu sehen.“
„Das kannst du recht bald tun“, sagt der kleine Mann beim Hinausgehen. Sein Panzer röhrt auf der Weißenfelser Straße kräftig auf. „Am 10. Mai bin ich auf der Full Metal Cruise unterwegs, am 17. Mai siehst du uns in Gelsenkirchen auf dem Rock-Hard-Festival und am 30. Mai auf dem Beastival in Geiselwind. Dann erst am 6. September beim Motorradtreffen Gruol. Dieses Jahr sind wir viel in Russland unterwegs. Uns verschlägt es auch nach Skandinavien. In den USA waren wir schon im April. Mit Andrey Smirnov und Kasperi Heikkinen an den Gitarren sind wir mindestens genauso gut wie Accept von 1980 bis 1986. Macht’s gut, Jungs! Ihr seid mir sympathisch!“ –
„Adschä“, ruft Rumpelkammer hinterher. Der Panzer röhrt noch einmal auf. Dann quietschen und rumpeln die Ketten über den berstenden Asphalt. Rumpelkammer und Zeitdieb hören wie die Panzerketten die parkenden Pkw zermalmen. Beide Metaller riechen den Diesel und das Öl der Kriegsmaschine. „King Of Mean“ dröhnt aus den Boxen.
„Dicker“, sagt Zeitdieb mit glasigen Augen, „mein Held! Hier! Das darf doch nicht wahr sein! Und wir haben das Privileg ‚Steelhammer‘ noch vorm Erscheinungstermin am 24. Mai zu hören. Und bis jetzt klingt das Album besser als das was uns Accept seit Jahren bieten. Ist meine persönliche Meinung. Aber ‚Steelhammer‘ hole ich mir sofort, wenn es erscheint und stelle es zwischen ‚Breaker‘, „Balls to the wall‘, ‚Restless and wild‘, ‚Rev-Raptor‘, ‚Animal House‘, ‚Objection Overruled‘ und ‚Mean Machine‘! So saustark muss das Accept erst einmal hinbekommen. So muss Metal klingen!“

Bewertungsgeklingel

Outfit:

„Mehr Metal an der Faust als an Rob Halfords Ledermantel – so muss Metal sein! Endlich ist auch das Giftgrün weg. Es wich dem unwiderstehlichen Charme der rotgelb glühenden Panzernietenfaust. Der Stahl kocht.“ 10 von 10 Punkten

Klang:

„Steelhammer klingt tatsächlich organischer und wärmer als seine Vorgänger. Der Sound erinnert an die Hochphase von Accept in den Achtzigern. Beide Gitarrenneuzugänge bereichern U.D.O. und lassen den Eindruck zurück, dass die Band fitter ist als Accept je war und eben auch U.D.O. zuletzt. Hier wummert und röhrt es aus allen Ecken und Enden. Die Soli klingen nicht so steril wie bei Dragonforce. Die Chöre lassen blinken, dass U.D.O. eigentlich Accept ist. Die abwechslungsreichen Stücke atmen den Brodem der Achtziger und wagen das eine oder andere interessante Experiment. Nuancen der Neuerung – ich liebe es!“ 10 von 10 Punkten

Glaubwürdigkeit:

„Bei Accept hatte ich bei ‚Blood Of The Nations‘ und ‚Stalingrad‘ immer das Gefühl von einer us-amerikanischen Wehrmachtsinfanterie, die versucht einen auf Accept zu machen. An U.D.O. glaubte ich immer. Und jetzt hat die Band wieder zur alten Kraft zurück gefunden und muss nicht einmal – man höre und staune – über Kriegsgeheul jaulen. Da ist auch mal ein hammerharter Schmachtfetzen wie „When Love Becomes A Lie“ dabei, oder eine intellektuelle Nummer wie „Book Of Faith“. Dann bietet Udo Dirkschneider uns noch typische Metalstampfer wie „Stay True“, „Take My Medicine“, „Never Cross My Way“ und „Metal Machine“ an – klingt fast so als ob der gute Mann seinen alten Weggefährten, die jetzt einen auf Accept machen, noch nicht verziehen hat und nie verzeihen wird. Überroll sie mit deinem Panzer, Udo!“ 10 von 10 Punkten

Die volle U.D.O.-Vollbedienung gibt’s auf  der bandeigenen Homepage

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