Black Sabbath – Soundmatsch unter der Sonne Kaliforniens

Black Sabbath anno 1972 (Copyright: Vertigo Records/Universal/Black Sabbath)

Black Sabbath anno 1972 (Copyright: Vertigo Records/Universal/Black Sabbath)

Radio bildet. Der Spruch galt vor allem noch vor zwanzig Jahren als ich noch nicht im Besitz von einer Satellitenschüssel war und „Headbanger’s Ball“ auf MTV gucken konnte. Internet gab es ja so noch nicht. Ich war Anfang der Neunziger noch ein DDR-Relikt, der allsonntäglich „Tendenz Hard bis Heavy“ hörte, dem Buschfunk lauschte und auf Plattenbörsen und Konzerten nach interessanten Scheiben in Kisten und Kartons stöberte. (Erschien auf Bloodchamber.de)
„Vol. 4“ kaufte ich Anfang bis Mitte der Neunziger als CD in einem Techniksupermarkt. Keine Ahnung wo und wann das war. Aber das Album lag in der Ramschkiste. Ich schnappte es mir, weil ich wusste, auf Sabbath ist Verlass. Außerdem kannte ich schon einige Songs aus dem Radio. Woher sonst? Ach ja, da war noch der Sampler „We sold our souls for Rock’n’Roll“, den ich vor dem Erwerb von „Vol. 4“ besaß.
„Schon wieder ein anderer Sound“, dachte ich als ich die ersten Klänge der vierten Scheibe der vier Briten vernahm. Das liegt vor allem daran, weil Ozzy, Geezer, Tony und Bill einen anderen Produzenten wählten und in ein anderes Studio gingen. Die vier Musiker verschlug es nach L.A. und ließen Patrick Meehan ihre Scheibe produzieren. Einem Greenhorn, dessen Vater Stuntman im TV, Roadie des Rock’n’Roll- und Rockabilly-Stars Gene Vincent war und beim Super-Manager der damaligen Tage, Don Arden, erste Management-Erfahrungen sammelte. Ardens Tochter heiratete ja später bekanntlich Ozzy Osbourne. Die Info führt uns in eine andere Geschichte.
Schnell zurück ins Jahr 1972. Im Juni dieses Jahres ging Black Sabbath ins Studio, um den Nachfolger von „Master Of Reality“ einzuzimmern, wovon wir alle wissen, dass es aus einem Guss klingt. Nicht so bei „Vol 4.“, das im September desselben Jahres erschien. Mir kam immer komisch vor, dass einige Songs eher wie live eigespielte Jamsessions klingen, andere eine ausgefeiltere Struktur besitzen. Auf jeden Fall röhrt Tony Iommis Gitarrensound wesentlich zahnloser als auf „Master Of Reality“. Die nebelverhangene Schwere geht flöten und weicht einer räumlichen Weite, die einem Song wie „Wheels Of Confusion“ ein klein wenig Dramatik verleiht und Bill Wards Spiel mit den Fellen und Becken herausstellt. Der Drummer gibt sich auf „Vol. 4“ hörbar Mühe, eine besondere Leistung abzuliefern. Das ist ihm auch gelungen. Trotzdem plagten ihn damals Gewissensbisse, doch nicht so gut gewesen zu sein.
Sabbath begann auch ein wenig mit der Studiotechnik zu spielen und verwendete Overdubs. Tony verschränkte verschiedene Soli ineinander, stellte Harmonien und Melodien als stimmungsvolle Kontrapunkte für die immer noch hammerschweren Riffs gegenüber. Diese Methode des Songwritings hat er nie bis zur Spitze getrieben und auch später nur eingesetzt, wenn es zum Song gepasst hatte. Live konnte er solche Effekte nie bringen.
Sabbath hielt auch am Bewährten fest, wie dem Einfügen von Interludien, oder Instrumentals wie wir sie noch von „Master Of Reality“ kennen. Die Musiker haben dennoch eine für mich immer noch überflüssige Nummer wie „FX“ aufgenommen. Das Instrumental „Laguna Sunrise“ ist auch nichts weiter als eine Spielerei.
Dagegen brummen Kracher wie der drogige „Tomorrow’s Dream“, das treibende „Cornucopia“, der hämmernde „Supernaut“ und das klagende „Snowblind“ versöhnlicher in die Ohren. Der etwas neben der Spur geratene „St. Vitus Dance“ fällt aber qualitativ ab. Eine Nummer wie „Supernaut“ wünsche ich mir wieder in der Sabbath-Setlist. Mochten den Song auch Musiker wie Frank Zappa. Bill Ward überzeugte darin mit seinem Spiel auch Musiker wie John Bonham von Led Zeppelin.
Die Schmalzballade „Changes“ war für mich immer der Grund mich zu bekreuzigen. Das Stück ist zu süß, zu pathetisch, zu cremig für Sabbath-Verhältnisse. Krönender Abschluss ist für mich immer noch das Mini-Epos „Under The Sun“. Die dröhnenden Gitarrenklänge, die düstere Schwere und scheppernden Beats sind wirklich beeindruckend.
Aber die Produktion… Während Sabbath auf den drei Vorgängerscheiben wie aus einem Guss klingt, fällt „Vol. 4“ klanglich und kompositorisch auseinander. „Changes“ geht zwar als halbwegs gute Ballade durch, aber mit Experimenten wie „FX“ und „Laguna Sunrise“ hat die Band dem eigentlich guten Album keinen wirklich großen Gefallen getan. Dass „St. Vitus Dance“ etwas von den anderen Songs etwas baden geht, ist aber ein verzeihlicher Umstand.
„Vol. 4“ klingt auch nicht so satt wie seine Vorgänger und Nachfolger. Vielleicht lag das auch daran, dass die Droge Kokain Einzug bei der Band hielt. Wahrscheinlicher war aber, dass Meehan den Mix versaute. Auf „Sabbath Bloody Sabbath“ war er nur namentlich vertreten. Denn Toningenieur Tom Allom, ehemaliger Assistent vom Ex-Sabbath-Produzenten Rodger Bain, übernahm das Produktionszepter von Black Sabbath. Außerdem sagen Kenner, dass die Vinyl-Versionen von „Vol. 4“ vielschichtiger klingen als die nachfolgenden CD-Versionen. Insbesondere die seit 2010 erhältliche remasterte Re-Release-Auflage soll Kennern zufolge beschnitten sein, so dass der einst mit Klangtupfern versehene Sound matt und farblos klingt. Vergleichen kann ich die Kritiken leider nicht, weil mir die früheren Vinyl-Versionen fehlen.
Trotz der kleinen Schnitzer gilt „Vol. 4“ als Klassiker dem ganz viele Bands und Künstler wie Overkill, Eminem, Fudge Tunnel, Brutal Truth, Sleep, Sepultura, System Of A Down, Converge, Coalesce, Ministry, Soulfly, Screaming Trees, Cathedral, Entombed, Turisas und Black Label Society ihren Tribut zollten. Ich verneige auch mein schütteres Haupt vor dieser Scheibe. Aber Sabbath hätte es besser gekonnt.

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