Kneipengespräche: Abgesang auf Jeff (1)

In der Helheimkneipe herrscht bedrückte Stimmung. Gäste erfuhren vom Tod eines der großen Metalhelden der vergangenen dreißig Jahre. Seine Genialität kommt nicht von irgendwo her. Mike dachte, dass Jeff Hannemann im Besitz des „Plek of Destiny“ war. Sonst hätte der Slayer-Gitarrist nicht solche Klassiker schreiben können wie sie Slayer noch bis 1991 veröffentlichte. Jetzt ist er tot.

„Mann, was für ein Verlust“, jammert Mike, „erst hätte er fast wegen eines Spinnenbisses einen Arm verloren, dann wurde eine seltene Hautkrankheit festgestellt und jetzt ist er an Leberversagen gestorben.“
Gus hört ihm zu und antwortet: „Ja, Mann. Ist schon bitter. Wahrscheinlich hatten die Ärzte ihn mit Medikamenten vollgestopft, die ihm das Leben kosteten. Man sollte die Bande samt der Pharmazie-Industrie verklagen und hinter Gitter bringen.“ –
„Hört sich fast wie das Schicksal von Michael Jackson an“, schaltet Heavy sich ins Gespräch ein, das am Todesabend des 2. Mai 2013 am Tresen geführt wurde während die Anlage Slayer-Klassiker wie „Born Of Fire“, „Angel Of Death“ und „Reborn“ spielt. Heavy fügt hinzu: „Beim King Of Pop hatte man auch Versuchskaninchen gespielt, … nur aus Profitsucht.“ –
„Du willst nicht etwa Maikel mit Jeff vergleichen“, entgegnet Mike, „das war damals was völlig anderes. Mit Jeffs Tod und dem Weggang von Dave Lombardo ist Slayer tot. Das ist der Jammer. Nur mit Tom und Kerry ist es nicht mehr dasselbe. Jeffs Spiel war die Naht, die alles zusammenhielt.“ –
„Mann, sorry,…“, sagt Heavy kleinlaut, „… mir geht sein Tod auch nah.“
An der Eingangstür wird es laut. Eine Truppe von Rockern tritt herein. Aus den Augenwinkeln erkennt Mike Scott Ian, Dave Mustaine, Dave Lombardo und Bobby Ellsworth.
„Mann, was machen die hier“, raunt Gus, „hier ist doch keine Tournee, die die Jungs nach Europa karrt…“ –
„Schsch“, macht Gus, „weißt du nicht, dass der Kachelofen des Helheim das Tor zur vierten Dimension ist? Die wissen das und wollen Jeff zurückholen. Vermute ich mal in meinem jugendlichen Leichtsinn.“
James Hetfield kommt auch zusammen mit Kirk und Lars hinein. „Ach du Scheiße“, flüstert Gus, „die gesamte Thrash-Elite der Achtziger ist anwesend. Fehlen noch Testament und Exodus.“ Chuck Billy folgt Metallica. Nach ihm kommt Gary Holt. Sie alle nehmen am großen Tisch im Kneipeneckzimmer Platz und beraten sich. Gus schnappt noch einen Satzfetzen von Mustaine auf: „Tonight one less star will be shining and sadly, the stage got just a little bit darker…“
Lars schlurft heraus in das Vorzimmer und tritt an den Tresen und bestellt eine Runde Bier und Whiskey. Gus, Heavy und Mike stehen neben ihm und schauen ihn an.
„Was macht’n ihr hier alle“, fragt Mike den etwas verdutzt drein schauenden Lars. Der Metallica-Drummer zögert ein wenig, und dann sprudelt es aus ihm nur so heraus. Eigentlich soll die Aktion geheim bleiben, aber die Thrasher haben erfahren, dass das Helheim ein Tor zu einer anderen Dimension besitzt. Dort können sie den verstorbenen Jeff wieder finden, und gleich mit ihm noch Dimebag Darrell zurückholen, weil noch gerade eben Phil Anselmo auf Lars‘ iPhone anrief und fragte ob man nicht gleich den 2004 erschossenen Pantera-Gitarristen zurückholen könnte. Zakk Wylde geht ihm inzwischen auf den Sack. Immerhin seien Jeff und Dime nacheinander im Besitz des Plek-Of-Destiny gewesen, weswegen unmittelbar nach Slayers „Seasons In The Abyss“, wie Lars auch meint, Slayers letzter Klassiker, die vier besten Pantera-Alben folgten. Danach ging das Plektrum ins Museum wo Tenacious D das Ding stahlen und mit dem Teufel rangen. Jedenfalls, so erzählt Lars weiter, könne man nicht einfach still sitzen und nichts tun, während es eine klitzekleine Chance gibt. Aber sie wissen alle nicht wie der Ofen sich zur anderen Dimension öffnet. Sie haben echt keine Ahnung. Sprach’s und bezahlte die Runde mit Dollars, weil er ja nicht auf den Euro vertraut. Und überhaupt, zählt heute sowieso Vorsicht in Finanzdingen weswegen er sich auch Kunst kauft. Sein Anlageberater hatte ihm dazu geraten. Ob die Jungs ein paar Leipziger Künstler kennen würden, die kurz vorm Durchbruch stehen würden.
Die drei verneinen die Frage stumm mit ihren Kopfbewegungen.
Lars geht wieder rüber. Er murmelte: „Hätte ich jetzt nur ein Gemälde von Jeff, … fuck!“ Zu seinen Tischgenossen quasselt unentwegt weiter. Dass er drei Metaller begegnet sei, die ihm sagen könnten wie man die vierte Dimension öffnen könne, um Jeff und Dimebag wieder zurück holen zu können. Die Rocker drehen ihre Köpfe Richtung Tresen. Gus, Heavy und Mike schlucken.
„Spinnt der“, zischt Gus zu Mike während Lars grinsend rüberblickt. „Der hat echt ein Rad ab!“
James erhebt sich von seinem Stuhl. Während der Hüne auf die drei Freunde langsam zugeht kippt er seinen Whiskey hinter die Binde.
„Ich hab gehört, ihr wisst wie das Ding da drüben aufgeht“, knurrt der Riese freundlich. „Wäre echt cool, wenn er ihr das schaffen könntet.“ James spuckt auf den Kneipenboden.
„Äh, echt jetzt“, antwortet Gus ihm, „wir wissen es nicht. Der Zwerg da drüben lügt. Nicht einmal der Kneiper weiß, wie das mit der Dimension da geht.“ –
„Mir egal“, grunzt James, „Wenn ihr zur Bay-Area-Family gehören und auf jedes Konzert, das wir fucking eins nochmal spielen werden, kostenlos wollt, dann wisst ihr wie wir da rüber kommen.“ –
„Was ist, w-w-wenn ihr aus der Dimension nicht zurück kommt?“, fragt Mike.
„Dann habt ihr fucking noch eins Pech gehabt und könnt nicht auf unsere Scheiß-Konzerte“, grunzt James lachend als hätte er einen überlegeneren Gedanken als die Freunde gehabt, „außerdem knalle ich zuerst eure Freundinnen in ihren Bettchen durch, dann euch mit meinem Jagdgewehr ab wenn ihr uns den Weg nicht weist.“ –
„D-d-das kannst du d-d-doch nicht machen“, antwortet Mike.
„Doch“, sagt James mit leiser Stimme. Sein Dauergrinsen verschwindet, „ich kann.“
Er geht zurück.
„Was sollen wir jetzt machen“, fragt Heavy seine beiden Kumpane, „wir wissen doch nicht einmal wer dieses Scheißding da drüben aufgebaut hat. Das ist doch bestimmt hundert Jahre alt!“ –
„Wir sind verloren“, sagt Mike missmutig.
„Ach, come on“, sagt Gus, „irgendwer muss doch Bescheid wissen. Lass uns erst einmal den Markus anrufen. Er hat mir erzählt, dass er die alten Bauunterlagen von der Hausverwaltung zuhause hat. Da muss doch ein Hinweis vorhanden sein.“ –
„Gute Idee“, sagt Mike hastig. Er hat Schiss.
Gus ruft den Kneiper an. Er erklärt ihm was los ist. Nach einer Weile sagt er: „Los, Markus hat einen ganzen Ordner im Schrank stehen. Wir müssen nur zu ihm rüber und den Wälzer durch ackern.“ –
„Hoffentlich bringt das was“, bibbert Mike.
„Hör doch auf du Angsthase“, erwidert Heavy, „du nervst auch manchmal gewaltig.“
Die drei marschieren los. Markus‘ Türklingel funktioniert nicht. Sie klopfen an. „Ist offen“, ruft’s aus der Wohnung. Die drei treten ein und befinden sich in einem dunklen Labyrinth aus Fluren und Zimmern wieder, das mit Gargoyles und anderen Monstern vollgestellt ist.
Markus finden sie in einem aus Kerzenschein beleuchteten Zimmer, über einen dicken Aktenordner gebeugt, mit Lesebrille.
„Hey“, ruft er, „da seid ihr ja! Ich hab schon mal rumgestöbert und rausgefunden, dass der Ofen von einem gewissen Schmuhl Goldstein gebaut wurde. So um die Jahrhundertwende. Weil mein Onkel Genealoge ist, hab ich ihn gerade angefunkt. Er hat Zugang zu den Datenbanken seines Archivs, wo er den Namen auch gefunden hatte. Natürlich lebt Schmuhl nicht mehr. Aber er hat einen Enkel, der inzwischen in Israel lebt. Soll Schmock heißen. Den können wir zu den Bauplänen dieses Ofens aushorchen, sofern er die Pläne noch hat. Sind immerhin zwei Weltkriege drüber gegangen. Aber wir haben seine Adresse und eine Telefonnummer.“ –
„Klingt ja nach einem Hoffnungsschimmer“, antwortet Gus lakonisch.
„Besser als nichts“, sagt Mike, „lass uns pennen gehen. Hab keine Lust ins Helheim zurück zu gehen, weil James Hetfield uns dauernd angrinst.“ –
„Wie bitte“, fragt Markus, „James Hetfield in meiner Kneipe? Krass, ich muss los! Ihr könnt hier pennen, wenn ihr wollt. Aber lasst meine Zitteraale in Ruhe.“
Als Markus weg ist, setzen sich die drei Freunde an den dicken Tisch aus einem klar lackierten Baumstumpf und lassen die Kronkorken der Bierflaschen darauf klackern. Für die drei ist jetzt klar, dass es kein Zurück mehr gibt. Sie heben die Pullen an und lassen das kalte Nass in ihre Speiseröhren fließen.

Wird fortgesetzt

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