Schillerndes Dunkel: Bunte Eindrücke aus dem schwarzen Herzen der Grufti-Szene

Alexander Nym (Copyright: Daniel Thalheim)
Alexander Nym (Copyright: Daniel Thalheim)

Ein Artikel für die L-IZ vom 21.05.2010. Es ist wie es ist. Jedes Großereignis startet der gute Journalist mit einer Pressekonferenz. Nachdem das schwarze Vorgeplänkel vom Vorabend im Nebel und Niesel ersäuft wurde, scheint am ersten Tag des WGT die Sonne vom Himmel. Der Feuerball hat am 21. Mai seinen Blick auf den Plöttner Verlag gerichtet, in dessen Schaltzentrale in Leipzig-Gohlis ein gewisser Alexander Nym sitzt und über ein wichtiges Buch spricht.

Aus der Szene, für die Szene. „Schillerndes Dunkel“ heißt das über 400-seitige Werk, das von dem Kulturwissenschaftler Alexander Nym herausgegeben wird. Inmitten einer Schar ungewöhnlich aussehender, mit dicken Fototaschen und Fernsehkameras ausgestatteten Journalisten sitzt der in einem schwarz gemusterten Jackett gewandete Mann. Nym hat etwas geschafft, das so mancher gerne schon letztes Jahr in den Händen gehalten hätte. Der individuell zwischen khakifarbener EBM-Uniform und schwarzen Anzug gekleideten Presseschar erklärt der Autor und Herausgeber mit freundlicher und ruhiger Stimme, wie es zu dem Buch kam.
„Sechs Monate Arbeit hat dieses Buch gekostet. Es ist nicht nur ein Überblick über die derzeitige Gothic-Szene, sondern beschäftigt sich auch kritisch mit dem Diskurs, ob Gothics nun Karnevalsfreaks sind und ihre Musik nur schnödes Holterdipolter ist“, sagt Nym im Gespräch. Der Autor, der über diesen Band ein Making Of als Dissertation schreiben möchte, begrüßt die Bereitschaft, dass die Öffentlichkeit nun die schwarze Szene differenzierter wahrnimmt und in den ungewöhnlich gekleideten Leuten nicht nur Satanisten, Okkultisten und Nazis sieht.
Nym weiß, wovon er redet, denn er war und ist 23 Jahre Bestandteil der schwarzen Szene und sieht auch einige Entwicklungen mit Skepsis. „Ich bin nicht der Super-Grufti“, erklärt Nym lachend den Journalisten. Aber das muss er auch nicht sein. Für das Buch hat er verschiedene namhafte Autoren zusammentrommeln können, die mit fundierten und kritischen Artikeln alle Facetten der Gothic-Szene beleuchten. So verzweifelt beispielsweise der Autor Stephan Pockrandt an einigen Vertretern der so genannten Neo Folk-Szene, die inzwischen mit hohlen Worthülsen, missverständlichen Schwarz-Weiß-Filmen aus den Weltkriegen und kitschigen Phrasen zum Fremdschämen einladen. Nym befürwortet so auch das Unterfangen, dass kulturwissenschaftliche Erhebungen von der Universität Leipzig unternommen werden. Dann kann man tatsächlich feststellen, wie viele finstere Gestalten tatsächlich im Dunkel der Geschichte herumirren. So stochert alle Kritik an unreflektiert auftretenden Erscheinungen im Nebel von Mutmaßungen und willkürlich geschnittenen Pressebeiträgen.
„Kein Wunder, dass die Szene empfindlich auf die so genannte freie Presse reagiert“, so Nym.
Auch das ist Aufklärung. Denn so mancher junge Nachwuchs-Goth weiß nicht viel über die lange Entwicklung der Szene, die Ende der Siebziger Jahre in England begann. Es gibt keine Gothic-Szene, heißt es gleich zu Beginn. Und in großen Kapiteln werden alle Aspekte beleuchtet, die heute so schillernd Licht ins Dunkel bringen. So drehen sich die Artikel auch um die Szene in der DDR oder auch um das Wave Gotik Treffen. Aus dem Underground in den Mainstream wanderte der schwarze Klumpen, der viele unterschiedliche Musik- und Kleidungsstile aufnimmt und integriert.
Alexander Nym erklärt aber auch, dass ein Kapitel aus Platzgründen herausgenommen wurde. „Der Plan ist, dass dieses leider gestrichene Kapitel als Kern für ein weiteres Werk dienen kann. Darin wird es um die Do-It-Yourself-Mentalität vieler Veranstalter gehen.“ Alle, die das Wave Gotik Treffen wegen der angeblich hohen Eintrittspreise kritisieren, sollten die Anstrengung dahinter sehen, wie das Festival entsteht. „1994 war ich das erste Mal auf dem Treffen und dann knapp zehn Jahre später erneut. Ich war ungemein beeindruckt, was die Veranstalter hier stemmen. Oper, Gewandhaus, Ausstellungen, Lesungen. Wer die Augen offen hat, wir hier so viel entdecken, wofür man im einzelnen mehr Geld ausgeben würde, als mit der Treffenkarte.“
In der fröhlichen Runde plaudert Nym auch munter über die Bemühungen des Leipziger Plöttner Verlags, während des Treffens das gewichtige Werk „Schillerndes Dunkel“ den Anhängern der schwarzen Szene vorzustellen. So düst der knallrote „Sternburg“-Bier-Trabant durch die Stadt, immer griffbereite Exemplare dabei. Man kann das Buch auch im Verkaufsstand an der agra kaufen, wo dem Käufer Aufkleber, eine Flasche Sternburg-Schwarzbier und andere Gimmicks in einer schwarzen Papiertüte mitgegeben wird. Für 68 Euro natürlich. Das dicke Buch erscheint in einer Auflage von 5.000 Stück zum Wave Gotik Treffen, eine englischsprachige Ausgabe sei noch in Planung. Das Buch wird während des Treffens am 23. Mai in der Leipziger Absintherie „Sixtina“ am Vormittag vorgestellt und mit einer Mitternachtslesung angemessen gewürdigt. Auch die Sternburgbrauerei auf dem Gelände der Reudnitzer Brauer im Leipziger Südosten ist Veranstaltungsort für eine Lesung am 24. Mai.
Nun können die Gothics aus dem Band argumentieren, wenn ihnen einer sagt, er wäre nur ein schauerlicher Freak. Denn „Schillerndes Dunkel“ ist keine „Grufti-Fibel“, sondern viel eher ein ausgezeichnet bebilderter und getexteter Band, der all das, was man als „Schwarze Szene“ bezeichnet, fragend, kritisch und augenzwinkernd beschreibt. Und weil „Gruftis“ auch auf das Äußere schauen, kommt das Buch nicht in einer zerfleddernden Paperbackausgabe auf „Klopapier“ gedruckt, sondern im hochwertigen Hartcover auf beschichtetem Papier eines Kunstbandes. Ein Buch der Aufklärung, der Ästhetik und einer neuen und notwendigen Qualität.

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