Eine Zeitreise in Leipzig: Brendan Perry begeistert seine schwarzen Anhänger trotz Probleme

Er gilt als einer der Initiatoren der so genannten schwarzen Szene, die, wie man laut Autor Alexander Nym weiß, keine ist. Dennoch hat er mit Lisa Gerrard und und der Formation Dead Can Dance einen großen Beitrag zur heutigen Musik geleistet. Am Freitag stand er mit seiner Solo-Band auf der großen agra-Bühne als Mitternachtsspezial des 19. Wave Gotik Treffens. Ein Konzert, das wirklich jeder zu würdigen weiß. Außer einer …

Viele der Anwesenden sehen den nun weißbärtigen Mann zum ersten Mal in ihrem Leben. Sein Werk ist den wenigsten bekannt, doch den meisten ist sein Name ein Begriff. „Dead Can Dance“ haben vor diesem Abend nicht viele live auf irgendeiner Bühne gesehen. Der gebürtige Londoner scheint das zu wissen und ruht sich nicht auf seinen in den Achtzigern und Neunzigern mit „Dead Can Dance“ erworbenen Lorbeeren aus. Viel eher gibt er den Dirigenten und bringt Stücke von seinem neuen Album „Ark“ mit.
Während sich die agra-Halle immer mehr füllt, ist der charismatische Sänger auf der Bühne mit dem Aufbau der Instrumente beschäftigt. Alles muss perfekt sitzen, er kümmert sich um die Kabel, prüft jede Einzelheit und testet mit seiner Band den Sound und die Lautstärke. Alles scheint zu passen. Perry der Perfektionist. Nur keine Fehler machen. Dann verlässt die Band samt Crew die Bühne. Warten.
Einige Minuten später kommen sie wieder zurück. Unter donnerndem Applaus steigt die Band gleich mit einem der frühesten Hits von „Dead Can Dance“ ein. Der Maestro, wie er von vielen im Publikum angerufen wird, kramt „Arcane“ von der ersten EP „Garden Of Arcane Delights“ hervor. Mit der jetzigen Band ein klarer Vorteil, fing doch Perry mit Dead Can Dance noch mit dunkel-rockigen Kompositionen an. Auffällig gut steht ihm die Lederjacke und abgesehen von sichtbaren Alter des Mannes, klingt seine Stimme immer noch so, als wäre er ein kraftvoller Adonis. Es folgt ein neues Stück, dann „The Carnival Is Over“ vom Dead Can Dance-Album „Into The Labyrinth“. Lieder, die er mit Dead Can Dance kaum bis gar nicht mehr gespielt hatte. „A Passage In Time“ schließt vorerst den Reigen der Klassiker. Neue Stücke wie „Utopia“ und „Wintersun“ kommen zum Zuge, die sich perfekt in die von Perry geschriebenen Dead Can Dance-Stücke einfügen. Donnernder Applaus nach jedem Song, lange Pausen, bis die Gitarre wieder gestimmt ist. Heute muss alles ganz genau klappen.
Doch irgendwas scheint nicht zu stimmen. Perrys unermüdlicher Blick zum Mischpult-Techniker am Bühnenrand offenbart seine Unzufriedenheit. Die Stimme ist zu leise abgemischt. Perry kann sich offenbar auf der Bühne nicht hören. Stattdessen bollern Feedbacks der Instrumente oft zu laut in das Auditorium. Verzweifelte Gesichter bei den Fans in den ersten Reihen. Perry kommuniziert mit dem Techniker auf der Bühne mehr als mit dem Publikum. Auch seine Mitmusiker schauen etwas unbeholfen auf den Mann mit der großen Stimme. Vielen Menschen im Publikum ist er so etwas wie eine Legende. Sogar der Fan, der extra aus Israel angereist ist, stimmt huldvoll in die allgemeine Begeisterung um Brendan Perry ein. „Er ist so wichtig“, sagt er aufgeregt. Und fügt noch erstaunt hinzu: „Ihr Leipziger habt echt ein Glück, so ein Festival wie das Wave Gotik Treffen vor der Haustür zu haben. Und dann mit so einem Line-Up. Das ist wirklich stark. Auf Brendan Perry habe ich mich so sehr gefreut, für mich ist er ein Held. Egal, wie heutige Bands und Musiker Wert auf ihr Äußeres legen. Brendan Perry ist mehr Wave und Gotik, als alle Gruppen hier zusammen“, sagt er einem staunenden Gast.
Brendan Perry scheint außer sich zu sein. In ihm beginnt es sichtlich zu brodeln, sein angespannter Gesichtsausdruck verrät es. Mehrmals bittet er seinen mitgebrachten Tontechniker auf die Bühne um das vermeintliche Desaster selbst zu prüfen. Er schüttelt den Kopf und macht dem Musiker mit einer in die Luft stoßenden Armbewegung deutlich, dass der ganze Sound direkt ins Publikum fliegt, ohne dass der Musiker mitkriegt, was er da macht. Für Perry sicher ein Novum, jedenfalls senkt er nach der kurzen Diskussion sein kurz geschorenes Haupt und stimmt einen neuen Song an, der aus den Boxen noch katastrophaler klingt als der vorige. Dann überlegt Perry kurz, was zu tun ist und geht nach einer knappen Stunde Spielzeit mit einem weiteren „Dankeschön“ an Leipzig und ein wenig wehmütig von der Bühne. Fünf bis zehn Minuten pfeift, johlt und klatscht das Publikum, das zwischen Ratlosigkeit und Hoffnung schwankt, ob der beliebte Musiker doch noch zurück auf die Bühne kommt.
Kommt er, kommt er nicht? Die ersten Reihen sehen den Tontechniker wieder auf der Bühne. Er feuert die jungen und älteren Leute im Saal an und schürt die Stimmung an. Wieder langes Warten. Dann kommen die Musiker zurück an ihre Instrumente und stimmen zunächst ein ruhiges Stück ein, um dann „Spirit“ erklingen zu lassen. Dann ist endgültig Schluss mit der anderthalbstündigen Show, bei der Brendan Perry gravierende Probleme mit der Technik hatte, hörbar manche Klänge deutlich verzerrt und krachig aus den Boxen purzeln. Dann die Frage, warum Perry so lange vor dem kleinen Zugabenteil hinter der Bühne blieb. Wurde diskutiert, gestritten? Oder einfach nur Wasser getrunken und gewartet?
Brendan Perry und seine jungen Mitmusiker scheinen mit ihren neuen Stücken an Dead Can Dance anzuknüpfen. Das was der ergraute Musiker an ausgewogenem Sound bei diesem Konzert vermisste, scheinen die Fans an einer angemessener Co-Sängerin zu vermissen. Die dünnen Singstimmen seiner Keyboarderin und Bassistin können wohl kaum eine Lisa Gerrard ersetzen. Die singende Eminenz ist aber zurück wie nie zuvor, kann mit seinem neuen Album „Ark“ an seine Phase mit „Dead Can Dance“ anknüpfen und ist zurecht einer der Musiker, die man als Schwarzkittel-Träger angemessen würdigen sollte.

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