Black Sabbath – Aus einem Guss

Black Sabbath 1971 (Copyright: Black Sabbath/Warner Music)
Black Sabbath 1971 (Copyright: Black Sabbath/Warner Music)

(Artikel erschien im April 2013 bei Bloodchamber.de und wurde für den Blog leicht verändert) 1990 erhielt ich ein Tape. Sein Cover war schwarz. Darauf stand in kaum erkennbarer Schrift „Master of reality“. Das Tape bekam ich zusammen mit einer weiteren Kassette – „Hero, hero“ von Judas Priest. Während ich die Priester links liegen ließ, staunte ich umso mehr über das dritte Studioalbum von Black Sabbath. Auf „Master Of Reality“ folgten die Briten einem ganz anderem Sound als noch auf den beiden Vorgängerscheiben. Für mich die Offenbarung überhaupt.

Ich machte mich schlau. Dass „Master Of Reality“ so anders als „Paranoid“ und das nicht betitelte Debüt klingt liegt daran, weil Tony Iommi seine Gitarre um drei Halbtöne tiefer stimmte als sonst. Für damalige Verhältnisse ein Novum. Ergebnis ist der dunkle Klang des von Rodger Bain von Februar bis April in den Londoner Island Studios produzierten Drittwerks, das sich noch weiter vom Blues entfernte als der Vorgänger „Paranoid“. Das markante Spiel des Gitarristen, das schwere Schlagzeugspiel von Bill Ward und der brummende Bass von Geezer Butler machen „Master Of Reality“ zur Grundlage für ein ganzes Genre. Horden von Musiker ahmten den schroffen Sound nach, entwickelten ihn weiter. Ein paar nennen es Doom, ein paar andere Sludge oder Stoner.
Ich erfreute mich am düsteren Sound, ohne dass ich Ambitionen bekam, mir eine Gitarre zu kaufen und herum zu klimpern. Dafür ließ ich zu, mich auf den Klangteppich niederzulassen und staunte, wie fortschrittlich Black Sabbath 1971 doch war. „Sweet Leaf“ wirkte trotz des Intros nicht wie der letzte Husten sondern wie der letzte Schrei. Die Hymne auf das Blatt, auf das die Behörden und Ärzte ja gar nicht so gut zu sprechen sind, ist ein dunkler, vernebelter Blues – langsam, behäbig, roh und … zeitlos.
„After Forever“ war die einzige Singleauskopplung des Albums und kann ein Versuch gedeutet werden, es „Paranoid“ gleichzumachen. Ist er aber nicht. „After Forever“ zementiert den Status von Sabbath als harte Rockband, die damals schon fröhlich pfeifend zu den Ufern des „Drone“ schwamm.
„Children of the grave“ ist bestimmt kein Loblied auf die sterbende Hippiebewegung. Wer die Textzeilen liest wird sich bewusst, dass der Text heute noch aktuell ist wie vor 40 Jahren – ein Lied, das uns alle mahnen soll, für eine bessere Welt einzustehen und dafür zu handeln. Ansonsten werden wir für unser Nichtstun nicht die Kinder einer Revolution sein, sondern die vergessene Generation.
An diesem düsteren Rocker schließt sich das schwere „Lord of this world“ an, eine Metapher für jenen „Herrn“, der tatsächlich die Welt regiert. Gott ist ganz bestimmt nicht gemeint. Schon die ersten Textzeilen machen unmissverständlich klar, dass auf Erden die große Verwirrung herrscht.
„Into The Void“ stellt Fortschritt und Zerstörung als Bilder gegenüber. Für mich ist dieser Song immer noch der beste, den die Band schuf.
Zwischen den Stücken erklingen die Interludien „Embryo“ und „Orchid“. Die Ballade „Solitude“ klingt nicht ganz so vernebelt und aus fernen Welten zufliegend wie „Planet Caravan“ vom Vorgängeralbum. Tony Iommi ist als Flötist, Pianospieler und Gitarrist zu hören.
Ozzy gibt sich bei allen Songs als singende Klangemauer. Sein Fundament ist die brachiale und präzise zelebrierte Monotonie, die seine drei Mitspieler auf ihren Instrumenten entfachen.
Damalige Kritiken sprachen im Zusammenhang mit „Master of reality“ von „dummer“ Musik, die „einfältig“ intoniert werde und amoralisch ist. Solche Unkenrufe konnten den Erfolg der Scheibe nicht aufhalten, die ganz weit oben in den Charts landete und noch heute als eines der härtesten Rockalben aller Zeiten aufgeführt wird.
Was gibt’s zu kritisieren? Nichts! Das Album ist bis auf ein paar winzige Kratzer ein Klassiker. Für viele der letzte der Band. Für mich ist „Master Of Reality“ aber die Zenitspitze, den die Band trotz weiterer Klassiker wie „Vol. 4“, „Sabbath bloody sabbath“ und „Sabotage“ nie wieder erreicht hatte und je erreichen wird. So massiv, homogen, gelassen und aggressiv wie auf ihrem Drittwerk klang Black Sabbath nie wieder. Kurz gesagt: Fett und breit. Nur die kurze Spielzeit lebt auf schmalem Fuß.

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