Black Sabbath – Lupenreines Lebensgefühl

Black Sabbath zu "Paranoid"-Tagen (Copyright: Black Sabbath/Warner Music)
Black Sabbath zu „Paranoid“-Tagen (Copyright: Black Sabbath/Warner Music)

Für Metalmusiker ist „Paranoid“ das einflussreichste Studioalbum für die Geburt des Heavy Metal überhaupt. Das war schon in den Siebzigern der Fall. Wann war mein erster Kontakt mit „Paranoid“? Es muss an einem der kühlen und sonnigen Oktobertage im Jahr 1989 gewesen sein als ich die greinende Stimme Ozzy Osbournes im Radio vernahm. Ich hörte des metallnen Klang von Ozzys Stimme am Anfang des Songs, dessen Titel der Ansager im Radio erwähnte und ich auf’s Papier der Kassettenhülle kritzelte: „Iron Man. Album: Paranoid. 1970“.

Ich war belustigt und erstaunt über die Einfachheit und Effektivität dieses Liedes. Irgendwann gesellten sich „War Pigs“ und „Paranoid“ dazu. Radioaufnahmen auf ORWO-Tapes. Verrauscht, mono und dann weggeschmissen. Stattdessen hatte ich ja die CD gekauft, auf der auch die viel interessanteren Stücke wie „Electric Funeral“, „Hand Of Doom“, „Rat Salad“, „Fairies Wears Boots“ und „Planet Caravan“ sich befanden. Wie das an sich schon sagenhafte Debüt von Rodger Bain innerhalb von vier Tagen im Juni 1970 in den Regent Sound Studios produziert. Im September gleichen Jahres veröffentlicht.
Über das kinderliedhafte und plakative von „Iron Man“, „War Pigs“ und „Paranoid“ machte ich lange einen großen Bogen. Ich fragte mich, was an diesen simplen Nummern dran sein soll. Drei bis sieben Minuten gähnende Leere, nur ein Riff. Einfacher Blues. Einfacher geht’s nicht. Dagegen hört sich „Smoke On The Water“ von Deep Purple wie eine Progressive-Rock-Nummer an. Ich stand eher auf die funky-jazzigen Sachen auf „Paranoid“.
Aber später entdeckte ich die Vorzüge dieser Einfachheit. „Paranoid“, ein Werk das eigentlich unter den Titeln „Walpurgis“ und „War Pigs“ veröffentlicht sollte, zeigte den Weg zum Heavy Metal – noch deutlicher als beim selbstbetitelten Debüt. Lag das vielleicht am härteren Klang? Oder an der Art der Komposition? Es ist die Kompaktheit und Einheit dieser Scheibe, die Horden an Metalmusikern Einfluss üben sollte. „Paranoid“ ist – anders als das selbstbetitelte Debüt – eine Blaupause für ein typisches Metalalbum. Von Judas Priest bis Metallica reichen die Referenzen auf die Langrille, die viele als die beste von Black Sabbath bezeichnen.
Mich erinnerten die Alben „A Vulgar Display Of Power“ und „Far Beyond Driven“ von Pantera stark an das in sich geschlossene Universum von Black Sabbath’s Zweitling. Jeder Song hat eine andere Stimmung, vermittelt einen anderen Inhalt. Vor allem ist jeder Song auf „Paranoid“ ein Massiv. Daran kannst du nicht vorbei.
Schon ein Studiowerk mit einem Monstersong wie „War Pigs“ einzuläuten ist ein Statement für sich und an Aktualität nicht zu übertreffen. Was mich aber fasziniert ist, dass Drummer Bill Ward sich an das Gitarrenspiel von Tony Iommi orientiert. Mit dieser Herangehensweise steht Black Sabbath den Rolling Stones sehr nahe. Diese Art des Zusammenspiels verleiht den Liedern eine faszinierende Dynamik, der man sich nicht entziehen kann.
Der Blues von „War Pigs“ ist sehr urwüchsig, trocken und erinnert mich eher an eine Jamsession. Hört mal die Demoversion auf der Ozzy-Compilation „The Ozzman Cometh“, dann wisst ihr wie sich ein Song entwickelt.
Der stampfende Rhythmus von „Paranoid“ ist das blanke Gegenteil von „War Pigs“. Der fast schon primitiv anmutende Hit wirkt aber nicht wie ein Fremdkörper. Dafür dass „Paranoid“ in letzter Minute entstand, besitzt er eine Tiefe und Schwere, die mir fast schon unheimlich ist. Danach versuchte Black Sabbath nur mit „Never Say Die“ etwas vergleichbares zu schreiben. Übertroffen hatte die Band ihren ersten Single-Hit nie. Auch später mit Ozzys Nachfolger Dio nicht.
„Planet Caravan“ ist ebenfalls unübertroffen. Eine der außergewöhnlichsten Balladen überhaupt. Kein Kitsch. Selbst die im Millenium – wohl so gefühlte hundert Jahre nach dem ursprünglichen Erscheinen auf „Vol. 4“ 1972 – von Ozzy mit der Tochter neu eingespielten Ballade „Changes“ konnte Sabbath das von Bongos und dem jazzigen Spiel Iommis getragene „Planet Caravan“ nicht toppen.
„Iron Man“ klang und klingt für mich immer als ob ein Golem die Treppe herauf stapft und an die Tür wummert. „Electric Funeral“ sprüht nur so von der Fusion aus Jazz- und Blueseinflüssen. „Fairies Wear Boots“ hat für mich eine ganz besondere Färbung. Die Mischung aus einem Blues-Standard und dem wuchtigen Taktstock Bill Wards, der bekanntlich seine Vorbilder im Jazz hat, verschafft dem Song eine Identität, die über das Herkömmliche hinaus geht. Da wird geradeaus gespielt aber wiederum nicht.
Seine Wirkung verfehlt „Paranoid“ bei niemandem. Das Album ist rau, heavy, etwas spröde, stellt für die damalige Generation vielleicht das dar, was „Nevermind“ von Nirvana in den Neunzigern symbolisierte. Harter Rock, unverfälscht und ehrlich und von der ersten bis zur letzten Minute ein Klassiker, ein Soundtrack für ein Lebensgefühl.

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