Kneipengespräche: Bangers & Mash und Parting Kiss

Härter, düsterer, schwermütiger: Stone Sour 2012 (Copyright: Roadrunner/Warner)

Härter, düsterer, schwermütiger: Stone Sour 2012 (Copyright: Roadrunner/Warner)

Wilcox ist sauer. Mimi simste ihm, dass sie ihre kürzlich bei ihm dagelassene Künstlermappen für die abgelehnte Bewerbung für ein Studium auf Burg Giebichenstein erst später abholen möchte. Dabei will er festlegen, wie lange ihre Sachen bei ihm stehen. Sie kommt vorbei.

Mimi malt gern. Sie ist froh, dass sie einen Platz in einem Gemeinschaftsatelier im Leipziger Westwerk gefunden hat. Die Bewerbungsmappen will sie abholen, um sie zum Atelier zu tragen. Wilcox hört ihr zu während er in der Küche seine „Bangers & Mash“ zubereitet. Ein Rezept, dass er seit der Lektüre von Keith Richards‘ Biografie „Life“ seit drei Tagen zubereitet. So gut schmeckt ihm das.
„Musik fehlt“, sagt der Journalist. Weil er weiß, dass Mimi gern Heavy Metal hört, fragt er sie: „Willst du die neue Stone Sour hören? Hab die zwar nur als Datenstrom erhalten, aber für den ersten Eindruck…“ –
„Klar, warum nicht“, antwortet sie. Beide unterhalten sich übers With Full Force. 2009 war sie zum ersten Mal da. Er denkt: „Sweet, I would taste it.“ Der Arbeitssuchende hat schon lange keinen so charmanten Besuch erhalten. Nach seinem schweren Burnout im vergangenen Jahr ist Mimi ein kleiner, menschlicher Hoffnungsschimmer für ihn. Das Schreiben hingegen nur der kreative Nachhall einer Depression, die er während des Studiums bekam. Er verwirklichte sich nicht, versäumte einige Initiativen, will das alles endlich nachholen. Wilcox ist in Wahrheit ein kreativer, empfindsamer Mensch – kein Reißwolf, der Internetpapierttiger produzieren will wie die Pattex-Journalisten von der Hochschule.
Trotzdem ist Wilcox sauer. Er ist sauer auf die Plattenfirmen, die „Onlinern“ wie ihm nur billige MP3-Datenströme zuschanzen. Als ob seine Schreiberei minderwertiger ist als der Müll, der in manchem Papierprodukt abgedruckt wird. So auch bei der Stone Sour, die er zur musikalischen Untermalung anschaltet. Keine Infos, keine Texte, keine gute MP3-Qualität. Vor allem keine gute Musik.
„Was will die Band sich eigentlich beweisen“, fragt Wilcox plötzlich, „das hat keine Seele, ich höre keine Roots, nur kompliziert anmutendes Trommeln, das immer auf A gespielt wird. Das ist Militärmusik und kein Heavy Metal.“ Wilcox schimpft, dass Heavy Metal für ihn mittlerweile zu einem billigen Abklatsch einer längst vergangenen Zeit geworden ist. Dass den Musikern nichts mehr eigenständiges einfällt. „Muss Anspruch gleichbedeutend sein, dass die Truppe verschachtelt klingt und jede Eingängigkeit zu umgehen versucht?“ –
„Ja, mach aus“, meint auch Mimi, „ich mag Slipknot und Stone Sour ohnehin nicht.“
Wilcox schaltet auf Jimi Hendrix um. Beide schmausen „Bangers & Mash“, blättern in Wilcox‘ Fotoalben und unterhalten sich über Kunst. Aber Mimi will gehen, möchte ein neues Bild beginnen und sich ins Atelier begeben. Wilcox tröstet sich mit ihrem Abschiedskuss und hat statt Stone Sour den Track „Ruby Tuesday“ von den Rolling Stones im Ohr. Er denkt: „Auf ein nächstes Mal mit Coq au vin?“ Ihre Antwort steht noch aus.

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