Verloren im Werk 2: Ein stürmisches Date mit Sandy

Der Tag an dem Frau Holle zurück kam: Jolly vorm Werk 2 am 10. März 2013 (Copyright by Daniel Thalheim)

Der Tag an dem Frau Holle zurück kam: Jolly vorm Werk 2 am 10. März 2013 (Copyright by Daniel Thalheim)

Wilcox flucht. Der Schnee kommt wieder nach Leipzig. Mitte März! Er trifft an diesem Sonntagabend aber auf eine Truppe von Musikern, denen das Wetter hart mitgespielt hat. Oder soll er besser sagen: Klimakapriolen? Die New Yorker Progrock-Kapelle Jolly verlor ihr Studio. Sandy war schuld. Jolly folgt trotzdem ihren „Audio Guide To Happiness“.

Jimi freut sich. Riverside ist in Leipzig. Jolly kennt er bislang noch nicht. Er sieht ihre Show – und! Bäääm! Es ist um ihn geschehen. Er kauft sich eine CD der Gruppe. Wie ihm geht es an dem Sonntagabend vielen in der Halle D des Werk 2. Sie stehen zunächst schüchtern im hinteren Teil des Saals, trauen sich aber mehr und mehr nach vorne. Jolly ist die Überraschung an dem Abend, wenn auch viele nur wegen Riverside gekommen sind.
Wilcox geht es auch nicht anders als Jimi. Nur er genießt sein Glück, mit Jolly gesprochen zu haben. Klar, als Journalist ist solches Fanboy-Gehabe nicht gerade glaubwürdig, aber – so denkt er – warum nicht über das schreiben, was er persönlich auch gern mag? Wilcox erinnert sich, während Anadale, Joe Reilly, Antony Rondinone und Louis Abramson ein Feuerwerk an Musik abbrennen.
Der Schreiber versetzt sich wieder in den Backstageraum als er die vier New Yorker interviewt hatte. Thema das Gesprächs war nicht unbedingt die Musik, eher eine Bekanntschaft der unangenehmen Art. Sandy hieß die Dame, die nicht nur den vier Musikern zu Schaffen machte. Wilcox hörte davon, was die Band zum Lachen brachte.
„Bitch!“, sagte Anadale.
Louis sprach: „Bevor Sandy kam, war Irene zu Besuch. Im TV sagte man, Irene würde jedermanns Haus zerstören. Als sie kam, passierte nichts. Es regnete ein wenig, ein paar Leute hatten überflutete Keller… there was no big deal.“
Der Drummer beschrieb, dass Jollys Haus am Strand steht. Dort ist auch das Studio der Musiker. Jedenfalls sollte Sandy kommen. Niemand glaubte daran, dass das heftiger wird als der Besuch von Irene. Auch die Band nicht. „Wir stellten unser Equipment auf ein paar Sofas, wickelten ein wenig Plastikfolie drumherum und dachten – okay, das reicht und lasst uns im Haus meiner Freundin übernachten.“
In der Nacht als Sandy kam, telefonierten Louis und seine Eltern. Seine Eltern beschrieben ihm, dass das Wasser durch sämtliche Fenster gedrückt wird. „Zehn Minuten später stand alles unter Wasser“, erzählte Louis. Die Eltern waren im Haus gefangen und konnten nicht mehr heraus. Alles war überflutet.

Anadale in Action (Copyright: Daniel Thalheim)

Anadale in Action (Copyright: Daniel Thalheim)

Sandy war keine angepisste Ex des Drummers. Das fand Wilcox schnell heraus. Diese „Dame“ war jener Hurrikan, der Ende Oktober 2012 mit einer Spitzengeschwindigkeit von 185 km/h auf die nordamerikanische Küste zuraste und Dutzende Todesopfer und einen Schaden in Höhe von 75 Milliarden Dollar hinterließ. Schlank war der Wirbelsturm nicht – 1.800 Kilometer war die „Holde“ im Durchmesser groß. In New York wurden die Stadtteile Brooklyn und Manhattan evakuiert – Überflutungsgefahr durch sieben Meter hohe Sturmfluten. Eine Viertel Million New Yorker waren ohne Strom. Mitten drin das Haus des Drummers Louis Abramson, in dem auch das High-Tech-Studio von Jolly sich befand. Dort nahm die Gruppe ihre viel beachteten Studiowerke „The Audio Guide To Happiness (Part I) + (Part II)“ auf.
Die Technik musste zurückbleiben, weil alle Leute erst einmal sich selbst helfen mussten. Louis‘ Stimme bekam einen bedrückten Klang. „Als das Wasser zurückging kamen wir nach Hause und sahen nur noch Zerstörung. Das war schockierend!“ –
„Tausende Dollar waren futsch“, sagte Anthony Rondinone. Zum Glück rettete die Band die Aufnahmen, weil sie die Computer mitgenommen hatten. Im Haus von Joe Reilly konnte weiter an ihrem „Audio Guide To Happiness“ Teil 2 gearbeitet werden. Außerdem liefen bereits die Tourvorbereitungen und andere Verpflichtungen. Die Band hatte keine Zeit über den Verlust ihres Studios nachzudenken.
„Kannst du dir das vorstellen“, fragte Anthony den ungläubig dreinguckenden Wilcox, der nur das ruhige Sommer- und Winterwetter in Deutschland kannte. Heftige Stürme gibt es hierzulande nur selten.
„Wie langweilig“, sagte Anthony lachend.
„Wir kennen in New York inzwischen alles – Stürme, Erdbeben, Klimaveränderungen … alles!“, ergänzte Louis aufgeregt. Joe unterbrach ihn und sagte: „Du hättest mal unsere Nachbarschaft sehen müssen nach der Katastrophe…“ –
„Horrorfying“, warf Anthony ein.
Joe: „… das zog einen richtig runter als man durch die Straßen lief, … all die Menschen, die ihre Sachen suchten…“
Louis: „… du hättest mal den Strand sehen müssen…“
Joe: „… es sah aus als hätten die Leute all ihre Dinge auf die Straße geworfen. Total verrückt!“
Louis: „… Da war ein großes Piano auf der Straßenmitte, die hölzerne Strandplattform befand sich in einem Garten von einem unserer Nachbarn, im Parkhaus waren die Autos zusammen gehäuft…“
Anadale: „… Und jetzt sind wir hier! Was soll ich sagen? Es ist gut, hier zu sein!“
Louis: „Unmittelbar nach der Katastrophe begann auch die Spendensammlung durch unsere Fans, die uns es ermöglichten, neues Equipment zu kaufen, und uns zu unterstützen, hierher zu kommen und die Tour mit Riverside zu absolvieren. Jetzt sind wir hier, das Album wurde veröffentlicht, … und dennoch gehen wir gerade durch große Veränderungen.“
Dann erzählte die Band dem Reporter, dass ihr „Audio Guide To Happiness Part 2“ gerade mal vor einer Woche das Licht der Welt erblickte.
„It’s amazing!“, sagte Anadale. Die anderen lachten. Er ergänzte: „Wir wollten unseren ersten Teil einfach erweitern. Wir hatten sowohl Songs, die heavier als auch Songs, die leichter klangen als beim Erstling. Unser zweites Album ist eine Nummer größer geworden, weil wir den Sound um viele Facetten erweitert hatten. Dafür haben wir bereits erste Reaktionen und Reviews erhalten, die allesamt sagen: Super Sache! – Wir sind sehr stolz auf unser Album!“
Louis fügte hinzu: „Eine Menge Leute kaufen Alben, weil ihnen der Sound gefällt. Manche Bands haben ihren unverwechselbaren Klang, der ihr Markenzeichen wird. Meshuggah hat ihn, Tool auch. Wir wählten aber eine Menge an Klängen, was vielleicht ein paar Leute verwirrt, aber für andere ist unser Sound frisch und neu – speziell für die Leute, die uns zum ersten Mal hören.“

Kommt nach vorne, signalisierte Bassist Anthony (Copyright: Daniel Thalheim)

Kommt nach vorne, signalisierte Bassist Anthony (Copyright: Daniel Thalheim)

So ist das auch in Leipzig am 10. März während Jolly im Vorprogramm von Riverside auftritt. Eine knappe halbe Stunde übt das skeptische Publikum Zurückhaltung, um dann doch nach Anwendung von Anadales Geheimwaffe nach vorn zu kommen. Der Sänger und Gitarrist befreit sich von seinem Mantel und Hut, lässt gerade für die anwesenden Frauen tiefe Einblicke zu und kann nun endlich auch den Fokus auf die Musik legen.
Jimi sagt zu Wilcox: „Am Anfang kam mir das Outfit befremdlich vor, aber als die Musik seine Wirkung entfaltete musste auch ich sagen: Ganz großes Kino!“ Er zeigt Wilcox seine frisch erworbene CD. „Die erste habe ich mir auch gekauft. Jetzt bin ich gespannt wie die Scheibe zuhause klingt. Ihr Auftritt ist schon einmal Hammer! Mit Riverside ebenbürtig!“
Seinem Urteil kann Wilcox auch nichts anderes hinzufügen. Beeindruckt steht er vor der Bühne und jubelt wie die anderen Gäste die Band wieder und wieder zur Bühne zurück, um Zugabe um Zugabe. So kommt ihm das vor. Natürlich hat Riverside hinterher leichtes Spiel. Aber den Namen Jolly merkt sich bald jeder, der der Tour beiwohnt. Inzwischen sind die Amerikaner noch in Europa auf Tour. „Hoffentlich ist bald das Wetter besser“, denkt Wilcox noch und schaut auf die vom Himmel tanzenden Schneeflocken. „In Deutschland heißt die Bitch immer noch Frau Holle“, denkt er. So schnell wird die Dame auch nicht verschwinden.

::

::

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: