Extreme Drummers Universe: Sensible Trommler in der Theaterfabrik

Extreme Drummers Universe 2012: Florian Klein (Ex- Belphegor) beim Felledreschen (Copyright: Daniel Thalheim)
Extreme Drummers Universe 2012: Florian Klein (Ex- Belphegor) beim Felledreschen (Copyright: Daniel Thalheim)

Clemens Frank ist Schlagzeuger. Er gibt bei der Leipziger Band Unloved und bei September Murder aus Thale den Takt an. Als Musiker weiß er genau über den Umgang mit den Trommelstöcken Bescheid. Gemeinsam mit anderen Schlagzeugkollegen und dem Veranstalter „Heavy Metal Nix im Scheddel?“ bereitet er das dritte Workshopwochenende „Extreme Drummers Universe“ in der Theaterfabrik vor.

Im Max-Planck-Institut wurde vor einigen Jahren festgestellt, dass Drummer ganz sanfte Typen sind. Wie kommt’s zum sanften Punch trotz harten Spiels? Wohl eine Sache des Gefühls, oder?

Ja, wobei ich glaube, dass das Gefühl sowohl Auslöser als auch ständiger Wegbegleiter ist. Am Anfang steht oft die schiere Begeisterung für das Schnelle, Energetische und mitunter schwer Überblickbare, was dich an deinen persönlichen Favoriten so sehr fasziniert, dass du darum kämpfst, es in ähnlicher Weise auch zu beherrschen. Auf dem Weg dorthin werden dir mitunter körperliche und geistige Grenzen aufgezeigt, die du mit Hilfe verschiedener existierender Spieltechniken und Konzepte versuchst zu überwinden. Rohe Körperkraft wird mittels Taktmaß und genauer Klangvorstellungen sozusagen in die richtigen Bahnen gelenkt, um dem gewünschten Ergebnis näher zu kommen. Ist man schließlich Herr der für einen selbst relevanten Ausdrucksmittel, entscheidet nicht mehr nur der Körper, sondern vor allem das eigene Gespür für die Musik darüber, warum man etwas auf bestimmte Art und Weise zum Klingen bringt.

Das klingt sehr poetisch. Wer sich aber die Songs von Cannibal Corspe, Morbid Angel und Nile anhört, stellt fest, dass sich das Drumming erheblich von dem unterscheidet, was ein Phil Collins bspw. macht. Welche Vorbilder hast du?

Dein Vergleich trifft meiner Meinung nach recht beispielhaft, dass viele Extrem-Schlagzeuger einfach ein stärkeres Augenmerk auf die technischen Aspekte ihres Drummings legen, während viele Rock- und Pop-Drummer schon mit einem exzellenten Feeling recht viel gewinnen können. Da ich mit den Beatles und Nirvana groß geworden bin, weiß ich, wie wichtig letzteres schon für einen stilistischen Wiedererkennungswert ist.

Kannst du das näher erläutern?

Man denke nur an den unverkennbaren Beat eines Ringo Starr, der sich leicht unrund nicht zwischen Rock und Jazz entscheiden will oder an die Konkretheit eines Dave Grohl, dessen Groove dazu fähig ist, dich mit seinen Beats an jeder Steinwand festzunageln. Während meiner ersten Begegnungen mit der extremeren Schlagseite von Musik hat mich zunächst Gene Hoglan mit seiner filigranen Ausgestaltung grundlegender Metal-Grooves auf Death’s „Symbolic“-Album begeistert. Darauf folgte Jan Axel „Hellhammer“ von Blomberg, der mit seiner Kombination aus furiosem Blastbeat-Drumming und Blick über diverse stilistische Tellerränder bei Arcturus und Mayhem sein eigene Note beisteuerte. Jedoch verspürte ich über die Euphorie hinaus noch den Drang, die Musik die ich mochte, auch verstehen zu wollen. Das fand bei Mike Portnoy’s teilweise abgehackten, aber selten kryptischen Rhythmen bei Dream Theater seinen Anfang und seine Fortsetzung bei Thomas Lang, der in seinem „Creative Coordination“-Programm Figuren klassischem Drumming, die bisher oft nur mit den Händen gespielt wurden, auf die Füße übertrug. All diese Sounds und Ideen beeinflussen mich bis heute und geben mir immer wieder Anlass, zu spielen, tüfteln, schreiben und üben.

Extreme Drummers Universe 2012: Jens Maluschka (Disillusion, Mantiquttair) (Copyright: Daniel Thalheim)
Extreme Drummers Universe 2012: Jens Maluschka (Disillusion, Mantiquttair) (Copyright: Daniel Thalheim)

Es gibt Bands, die setzen einfach nur auf einen Rhythmusteppich, 4/4-Takt-Zack-Zack. Inwieweit kann Drumming auch als Songwriting-Element funktionieren?

Zum einen durch charakteristische Grooves. Das sind Rhythmen, die das Fundament für die beteiligten Bassinstrumente, Gitarren und Keyboardtasten liefern und dieses durch zielgerichtetes Mit- oder Gegenspielen festigen und auflockern bis sogar aufbrechen können. Zum anderen instrumentiert, interpretiert und erweitert ein Drummer diese rhythmischen Muster mit seinem Kit auf ähnliche Weise, wie die anderen Spieler dieser „Rhythmusgruppe“ Ton- und Akkordfolgen in solistischen und Lead-Passagen ausgestalten. Genau wie sie spielt er also „Melodien“, wie es Leipziger Schlagzeuger-Urgestein Steffen Pleß gerne nennt. In der Doppelrolle als Rhythmus- und Melodieinstrument kann vom Schlagzeug also auch schon mal ein ganzer Song ausgehen. Natürlich darf in dem Zuge auch das Solo nicht unerwähnt bleiben, aber das existiert ja außerdem noch als eigenständige Form und überschneidet sich ja, gerade in Beispielen neueren Datums, stellenweise mit klassischem Songwriting.

Was lernen Drummer bei den Workshops generell – Welche Erfahrungen habt ihr bislang gemacht?

Das kommt sowohl darauf an, mit welchen Interessen die Besucher in die Workshops gehen, als auch darauf, wie die „Dozenten“ sie gestalten. Ähnlich wie auf größeren Veranstaltungen fanden sich auch bei uns Drummer, die ausschließlich ihre Fähigkeiten zum Besten gaben, damit der geneigte Zuschauer große Augen bekam oder sich im besten Fall zum Erlebten Gedanken machte. Da unser Publikum nicht nur aus Drummern, sondern auch allgemein Musikbegeisterten besteht und uns jedes Jahr wieder mit großem Wissensdurst entgegen tritt, haben wir mit denjenigen Workshops die besten Erfahrungen gemacht, in welchen konkrete Beispielkonzepte, -stücke und songs vorgestellt, erklärt, manchmal visualisiert und meistens auch mit dem Publikum diskutiert wurden. An so etwas kann man sich festhalten und, wenn man will, mit eigenen Ideen anknüpfen. Darüber hinaus zeigten uns zahlreiche unterhaltsame Anekdoten, dass auch die fähigsten Drummer meist nur mit Wasser kochen.

Und das alles lernen Drummer bei den Workshops des „Extreme Drummers Universe“ 2013?

(Lacht) Im Extrem-Bereich gelten nochmal eigene Gesetze. Da sich dort viele Drummer gern auf recht konkret abgesteckte Schwerpunkte stürzen, wird es wieder recht spezielle Themen geben. Bei Sir G von den Apokalyptischen Reitern wird es um Unabhängigkeit in Metalrhythmen gehen, bei Necrophagist’s Romain Goulon um Polyrhythmik und Blast Beats, ex-Decapitated-Drummer und jetzt Solokünstler und Multiinstrumentalist Krimh wird seinen Ansatz zur Swivel-Fußtechnik demonstrieren, Jan Benkwitz wird unbrechbare Grenzen sprengen und Festival-Initiator Ronny Garz wird jenseits dessen einen Rundumschlag durch die Geschichte von Stil und Groove unternehmen. Das Patentrezept für gutes Drum-Songwriting gibt es bei uns nicht, aber hoffentlich genug Input zur Inspiration und Entwicklung.

Welche Erfahrungen habt ihr bei den vergangenen beiden Malen gesammelt und warum dieses Jahr Theaterfabrik statt Halle 5?

Zusammengefasst war es „do it yourself“ mit einer Menge „learning by doing“. Tatsächlich haben wir die ersten zwei Festivals in kompletter Eigenregie auf die Beine gestellt. Die Halle 5 bot uns für die ersten Erfahrungen mit solch einer Veranstaltung einen angenehmen familiären Ort, an dem Besucher, Künstler und helfende Hände sehr schnell miteinander Kontakt schließen und Erfahrungen austauschen konnten. Seit dem ersten Mal konnten unsere Besucher die Bewegungen der Drummer im Detail über eine Leinwand mitverfolgen. Dank Alex Pohl von KameAudio/BrutalSounds.tv gab es ebenfalls von Anfang an Videomitschnitte, im letzten Jahr sogar aus verschiedenen Perspektiven. Doch dies wäre niemals möglich gewesen ohne die tatkräftige Unterstützung unserer befreundeten Helfer vor Ort, denen nochmal aufs Herzlichste gedankt sei. Der diesjährige Umzug unseres Festivals in die Theaterfabrik hingegen ist dem tradtionsreichen Leipziger Konzertveranstalter „Heavy Metal, nix im Scheddel…?“ zu verdanken. In dieser Location ergeben sich völlig neue Möglichkeiten, das Event für unsere Künstler und Zuschauer noch angenehmer zu gestalten. Mehr Kreativraum für alle, und das in stilvollem Ambiente… wir freuen uns drauf!

5 Workshops – 5 Konzerte – das sieht nach einem völlig rundum erneuerten Konzept aus. Fehlen noch die Apokalyptischen Reiter auf dem Billing…

Na, ganz fehlen sie nicht. Mit The Great Mother haben wir ein Nebenprojekt der Reiter am Start, das erdigen Hard Rock mit indischer Rhythmik verbindet. Doch dies ist nur einer der Live-Acts, der in direktem Kontrast zum doch recht extremmetallischen Kern-Line-Up aus den Leipzigern Mimosis, den Dresdnern The Last Hangmen oder den Essener Hochgeschwindigkeits-Black Metallern Mor Dagor steht. Den Konzertteil am Abend gab es auch schon in den beiden vergangenen Jahren, aber mit Bowser aus Dresden haben wir ein absolutes Novum am Start und lassen auf unser Publikum erstmals Drum&Bass los. Diese Beats kennt man ja eher aus der Konserve, aber bei uns wird man sie live erleben können. Der Begriff „extrem“ erhält also jedes Jahr ein etwas anderes Gesicht bei uns.

Dann viel Erfolg und Danke für das Interview.

Das Event findet am 6. April statt. Theaterfabrik Sachsen. Ganztägig. 5 Workshops, 5 Shows. Extreme Drummers Universe Online

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