Kneipengespräche: Sächsische Urgesteine aus England

Saxon (Copyright: Saxon747.com)
Saxon (Copyright: Saxon747.com)

Erneut ziehen Gus und Heavy in die Helheimkneipe in Plagwitz. Der Frühling naht und alte „Landsleute“ wollen vorbei schauen. Eine Horde Biker, die nicht oft in Leipzig ist. Zuletzt haben Gus und Heavy ihre alten Kumpels aus Barnsley in der englischen Grafschaft Yorkshire 1992 gesehen. Damals hatten Biff, Nigel, Paul & Co. „Forever Free“ in die Welt geblasen. „Saxon“ heißt die Gang mit den rollenden Untersätzen.

Seit 1976 rocken die britischen Sachsen auf ihren Studioalben. Inzwischen mutmaßen Gus und Heavy, dass ihre alten Freunde nicht mehr mit Motorrädern anrollen, sondern mit Rollatoren. Beide Altrocker werden aber fünf Harleys gewahr, die vor dem Helheim aufgestellt sind. Erleichterung! Wenn auch Gus und Heavy die Band nur einmal in Halle/Saale live gesehen haben, kauften sie sich jedes Album von Saxon. Erst 1991 stießen beide auf die Rocker, die damals „Solid ball of rock“ veröffentlichten, mit diesem Album ihr Comeback starteten, der bis heute anhält. Keine weichgespülten Poserrock-Songs mehr wie die Gang auf „Destiny“ oder „Rock The Nation“ veröffentlichte.
„Mann, aber ‚Call To Arms‘ war trotzdem ’ne gute Scheibe. Super Songs, hat mich stark an die Achtziger erinnert“, spricht Heavy. „Sehr hymnisch. Biff singt auf seine alten Tage wie vor dreißig Jahren.“
Gus murrte: „Na jaaaaa… Mir fehlte der Rockerspirit auf der Scheibe. Aber als ich bei Mike ‚Sacrifice‘ hörte, hat mich das Teil weg geblasen. Höre mal ‚Warriors On The Road‘! Genau die richtige Mischung aus den Frühwerken und den Sachen, die Saxon vor zwanzig Jahren veröffentlichte!“
Beide steigen die Stufen zur Kneipe herauf, treten in den Kneipenraum und sehen ihre alten Kumpels in der Couchecke sitzen, Whiskey trinken und angeregt plaudern.
„Hey Paul, Nigel … krass Biff, du auch hier!“, ruft Gus den Rockern zu und begrüßt sie herzlich. Nibbs und Doug würdigt er mit einem festen Handschlag. Heavy macht es ihm nach, holt dann eine Runde Biere.

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„Da habt ihr was veröffentlicht!“, meint Gus zu Biff. „Wie kam es dazu, dass ihr auf euren alten Tagen euch auf eure alten Tage besinnt?“
„Nun ja“, antwortet Biff. „Wir wollten einfach unseren Spirit einfangen, den wir auf der Bühne entfalten, … Live sind wir doch eine Macht und als wir gehört haben wie cool unsere Wacken-Auftritte auf Konserve klingen, mussten wir nach ‚Call To Arms‘ die Gitarren ein wenig mehr auftreten. So klingt das satter.“ –
„Was mich interessiert, warum eine Orchesterversion von ‚Crusader‘? Das ist doch gar nicht Rock!“ –
„Quark“, sagt Biff und lacht. „Höre dir das mal an! Das Stück rockt immer noch. Nur, dass mit der Orchesterfassung eine neue, epische Ebene hinzu kommt. So wollen wir den Song anno 2013 hören. Die damalige Produktion ist ja auch nicht unsere beste gewesen…“
Heavy kommt mit einer Stiege Bieren zurück, stolpert über die langen Beine von Biff, der sie ausgestreckt hat, dass sie in den Raum hineinragen. Das Tablett fliegt mit hohem Bogen in Richtung Couchtisch. Darauf schlagen die Gläser mit einem Höllenlärm auf, das Bier spritzt in alle Richtungen. Die Musiker wollen sich schützen, werden aber über und über mit der Gerstenkaltschale nass gemacht. Heavy fällt hinterher. Biff zieht vor Schreck seine Beine an sich heran, so dass der Tisch auch noch umfällt und die ganze Sauerei auf dem Kneipenboden sich breit macht. Heavy liegt in einer Pfütze aus Scherben und Bier.
„Oar, du Kunde!“, sagt Gus im vorwurfsvollen, aber ruhigen Ton. Er ist den Tränen nahe.
„Ich hole den Lappen“, sagt Heavy traurig und ist im Begriff aufzustehen. Er sieht in seiner alten Jeansjacke mit den Saxon-Buttons aus wie ein Schuljunge, der was ausgefressen hatte.
„Come on!“, sagt Biff. „Ist doch nichts passiert. Lass uns ’ne neue Runde aufmachen. Wir geben sie aus und damit ihr euch nicht in die Hosen macht vor Sorge, dass wir euch nicht mehr mögen, haben wir für euch und euren Kumpel Mike was schönes mitgebracht.“
Kneiper Markus stürmt heran und lacht als er das Disaster sieht. „Tine! Hol‘ mal ’nen Lappen“, ruft er in Richtung Bar. Zu Heavy gewandt sagt er: „Du weißt schon, dass du mir jetzt den DJ machen musst.“
Biff legt die neuen, handsignierten „Sacrifice“-CDs auf den wieder aufgestellten und sauber geputzten Couchtisch. Dazu legt er die Wacken-DVDs und die neue Saxon-Doku.
„Los Jungs“, ruft er. „Isch will eschtes sächsisches Bieä trink’n!“ –
„Ham’wer nicht“, sagt Markus, „Außer Schwedenquell haben wir überhaupt keen sächsisches Bier – aber thüringisches aus dem Fass.“ –
„Warum habt ihr kein Sachsenbier hier?“, fragt Biff ungläubig in die Runde.
„Die sächsischen Brauereien sind beschissen“, weiß Heavy als Ehrenrettung zu sagen. „Schmeckt alles nach Standard. In Thüringen sind die Brauereien weitestgehend noch in Familienhand. In Leipzig brauen auch noch ein paar kleinere Brauereien ihr Zeug, aber die Gose kann man nicht trinken. Von dem dünnen Zeug bekommst du nur Durchfall.“
Dann geht er zum DJ-Pult, schiebt „Sacrifice“ ins CD-Fach und die Regler auf Zehn. Dann donnert der Soundtrack der neuen Freiheit durch die Kneipe ins Freie.
„Für euer zwanzigstes klingt ihr verdammt gut. Wenn das mal Iron Maiden auch so schaffen würde…“, sinniert Gus und stößt mit seinen Kumpels auf „Sacrifice“ an. Oft wiederholt er an dem Abend noch den Satz: „Geile Scheibe, Leute, … wann beehrt ihr uns mal in Leipzig mit einer euren Shows…?“
Aber da waren Biff und seine Gang schon längst auf und davon. Sie wollen wieder zurück nach „good ol‘ England“, sich auf ihre anstehenden Metal-Cruise-Auftritte vorbereiten. Das komplette „Denim & Leather“-Album wollen sie aufführen. Dann geht’s auf Welttournee, die in Deutschland nur am Westrand stattfindet. Ossies wie Heavy und Gus müssen halt das Pantoffelkino anschalten, wenn sie keinen Urlaub für ihren Trip nach Osnabrück bekommen.

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