Comeback Kid Bowie: Thin White Duke besinnt sich wieder

Bowie 2013 - gut wie eh und je (Copyright: Iso/Columbia Records)

Bowie 2013 – gut wie eh und je (Copyright: Iso/Columbia Records)

Mit Tony Visconti nahm David Bowie seine Berlin-Trilogy auf. Ende der siebziger Jahre gehörte der Künstler mit den beiden Augenfarben zu den innovativsten Musikern seiner Zeit – ein ewiger Erster wenn es um Innovation in der Popmusik geht. Mit seinem ersten Studioalbum seit zehn Jahren blickt der Thin White Duke zurück.

Ist „The Next Day“ eine mitleidige Retrospektive? Ist das Album fortschrittlicher als so manches, was aus dem Radio plärrt? Fans fragten sich was David Bowie auf dem neuen Longplayer gebannt hat. David Bowie war doch in den späten achtziger und während den gesamten neunziger Jahren der Mann, der irgendwie seine künstlerische Mitte verlor.
Das war mein Eindruck. Bowie rannte dem Zeitgeist hinterher, nahm verrückte Elektro-Alben auf, wob industrielle Klänge in sein Schaffen ein. Andere webten besser. Unverkennbar stand Bowie mit seiner Musik auf der Stelle. Er wurde um die Jahrtausendwende ruhiger. Erlitt er deswegen seinen Herzanfall, oder weil der „Thin White Duke“ eine Zeit lang doch zu sehr auf die dünnen weißen Glimmstängelchen stand? Er wird Fragen wie diese bestimmt beantworten, wenn es an der Zeit ist. Zunächst beantwortet der Meister des intelligenten Pop die Frage was sein neues Werk bietet.
Die Frage kann sogar ich beantworten. Ich bin zwar kein Bowie-Fan, aber seine Musik begleitete mich mein ganzes Leben lang. Jedenfalls soweit zurück, dass ich um seine Erfolge in den achtziger Jahren weiß. Später ergründete ich sein Schaffen in den siebziger Jahren. Daraufhin stellte ich fest, dass Bowie vieles von dem vorweg nahm, was wir heute als „Wave“ bezeichnen. Seine Berlin-Trilogy“ aus „Low“, „Heroes“ und „Lodger“ drückt jenes Gefühl aus, das die Abgeschiedenheit, Leere und Bedrücktheit West-Berlins – jener Insel der Glückseligkeit in der DDR – verursachten. Wäre es nicht so, es gäbe die Einstürzenden Neubauten und so manches NDW-Punksternchen nicht.
Bowie zog in die Stadt, weil er diesen Ausdruck suchte, jenes Gefühl, der zum Zeitgeist eines ganzen Jahrzehnts wurde. Das holt er mit „The Next Day“ wieder zurück. Mich zumindest füllt das Album aus als ob die Trilogie, die Bowie zwischen 1977 und 1979 mit Tony Visconti aufnahm und mit dem außenstehenden „Scary Monsters (and Super Creeps)“ 1980 vollendete, seinen echten Abschluss findet.
Mir ist es, David Bowie besinnt sich auf „The next day“ wieder auf seine Stärken will dieses Mal noch mehr richtig machen. Schräge Albtraum-Sounds wechseln sich mit bombastischen Balladen ab, rockt Bowie genauso gut wie er poppt – äh, ja richtig… er ist schon 66 Jahre alt. Darf er das noch? Klar! Lemmy Kilmister ist 68 und rockt noch jeden Club zu Grund und Boden. Natürlich darf David Bowie noch so wie früher sein.
Kratze ich an der Oberfläche, wenn ich nicht jedes einzelne Lied analysiere? Nö. Ich tauche lieber in das Gefühl ein, das Bowie uns mit „The next day“ gibt. Möge es uns beflügeln wie er sich beflügelt fühlt. Denn das, das ihn einst zu Glanztaten verhalf kann uns auch weiterbringen – „where are we now“, fragt er nicht umsonst. Ja, wo sind wir? Bowie weiß wo er ist. Ganz oben, ganz weit vorne und trotzdem näher an uns dran als wir ahnen.

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