Ein Blutbad im Winterwunderland – Debauchery kills Leipzig

Debauchery kills Leipzig (Copyright: Daniel Thalheim)

Debauchery kills Leipzig (Copyright: Daniel Thalheim)

Wir waren in der Halle 5. Es war abends. Seit zwei Tagen schneite es nahezu ununterbrochen. Der Weg zum Connewitzer Kreuz war beschwerlich. Leipzig lag unter einer Decke von Weiß. Der große Gleichmacher. Im Club auf dem Gelände der Kulturfabrik am Kreuz herrschten dagegen tropische Temperaturen.

Die Markkleeberger Metalheadz luden uns ein. „Nach dem Blutbat von vor über einem Jahr wird es wieder einmal Zeit die blutigste aller Bands wieder nach Leipzig zu holen. Neue Show. Bloodbabe ist an Bord. Saftige Vorbands von Hartlack bis Doomdeath. Diesmal werdet ihr im Saft des Blood Gods ersaufen“, lockten sie uns in die knapp 300 Menschen fassende Halle.
Dort angekommen, ließen wir unsere Blicke schweifen. Von Menschen kaum eine Spur.
„Wir sind wohl zu früh da“, meinte mein Begleiter Matze. Ein großer Fan von Debauchery. Spielte mir noch bei ihm zuhause eine Scheibe vor. „Die haben es echt drauf“, hatte ich noch als Echo im Ohr. Das erste Bier wanderte über den Tresen.
„Wir können auf jeden Fall heute etwas großes erwarten“, sagte Matze noch und verwies auf die Vorzüge von Disaster KFW und Debauchery. Erste Band sah ich bereits in den neunziger Jahren, danach sporadisch immer wieder. Eine echte Metallegende aus den östlichen Bundesländern. „Extrem kultig“, war Matzes Urteil.

Metalheadz erlebten in Leipzig ein wahres Metalfeuerwerk (Copyright: Daniel Thalheim)

Metalheadz erlebten in Leipzig ein wahres Metalfeuerwerk (Copyright: Daniel Thalheim)

Debauchery hatten wir beide auch schon mehrfach live gesehen. „Mir schwant, das muss in der Spinne in Markkleeberg gewesen sein, … auf einer dieser Christmasfeiern der Metalheadz“, erinnerte ich mich. „Das muss 2008 gewesen sein. Vielleicht schon 2007.“ –
„Damals existierte noch nicht die Diskussion um den Gymnasiallehrer, der in seiner Freizeit einfach alle Register der Unterhaltungskunst zieht“, erklärte Matze mir. „Wenn auch die Show von Debauchery für Unbedarfte seltsam vorkommen mag. Sex sells…“ –
„Das weiß sogar jedes Schulkind“, musste ich antworten. „Im Heavy Metal paart sich das alte Motto noch mit dem Thema Gewalt. Das stellt Debauchery so übertrieben dar, dass eigentlich eine Schippe Ironie mit im Spiel ist, die nicht jeder versteht. So titelte das Boulevardblatt „Bild“ vor ein paar Jahren: „Dieser Lehrer darf mein Kind nicht mehr unterrichten“ und entfachte in Deutschland eine Debatte darüber, was ein Lehrer tun oder nicht tun darf. Im wiedervereinten Spießerland schlossen die Betonköpfe den Debauchery-Sänger Thomas Gurrath von der gesellschaftlichen Teilhabe aus.“ –
„Eigentlich ein Unding, weil der Künstler mit seinen Horrorshows keine Menschen verletzt oder zur Gewalt anstiftet“, sagte Matze und nippte am Bier. „Er stellt sie nur zur Schau. Zeigt eigentlich auch fiese Fantasien, die heutzutage etwas der geistigen Leere fast schon etwas wie Erholung bieten. So darf in Deutschland die US-Metalband Cannibal Corpse einige ihrer comichaften Frühwerke nur unterm Ladentisch verkaufen, andere Bands wie Kreator haben auch schon die Willkür einiger weniger Leute zu spüren bekommen, die denken, allein zu bestimmen, was in diesem Land konsumiert werden darf und was nicht.“ –
„Ja, leider läuft in diesem Land einiges aus dem demokratischen Ruder“, meinte ich. „So kam es, dass ein Stuttgarter Regierungspräsidium den Sänger zu nötigen versuchte, mit seiner Musik aufzuhören, um als Lehrer unterrichten zu dürfen. Berufsverbot – angeblich zum Wohl der Kinder. Mitten in Deutschland, das ach so demokratisch sein soll.“ –

Thomas Gurrath ist eigentlich ein ganz ruhiger (Copyright: Daniel Thalheim)

Thomas Gurrath ist eigentlich ein ganz ruhiger (Copyright: Daniel Thalheim)

„Hahahaha, wenn ich daran denke wie viele Pädophile an Schulen unterrichten, oder welcher Unsinn den Kindern gelehrt wird, bin ich fast der Meinung, dass Gehirnwäsche eine Straftat ist und als solche behandelt werden muss“, konnte Matze nur erwidern. „Und demokratisch ist hierzulande manches nicht. Noch in den siebziger Jahren wurden linkspolitisch aktive Leute von bestimmten Berufen ausgesperrt. Deutscher Weg, … hahahahha.“ Matze setzte zu einem Zug aus seinem Bierbecher an und weissagte: „Immerhin werden wir einen unterhaltsamen Abend haben.“
Anschließend sahen wir, dass er recht hatte. Sic(k)reation und Hiam waren uns beiden auch schon untergekommen, hatten uns aber auf Dauer nicht so überzeugt. „Zwar haben die Leipziger von Sic(k)reation gezeigt wie guter, fieser, alter Death Metal funktioniert, hat auf ihrer neuen EP „Brutal Killing“ unter Beweis gestellt, dass Death Metal heute immer noch mit Siechtum, Verrottung und Verwesung assoziiert werden kann“, meinte mein Compagnon auf den Nachhauseweg. „Aber auf der Bühne war mir das auf die Dauer nicht interessant genug umgesetzt.“
Zu Hiam sagte Matze, dass ihm die Mischung aus Death Metal und Postrock nicht gut gefällt. Aber zu Disaster KFW und Debauchery sah ich ihn headbangen und seine Faust schwingen. „Vor allem von Debauchery hatte ich eine so selten geile Show gesehen wie die in der Halle 5. Sogar das sexy Bloodbabe passte gut in die Show und sorgte – stimmig wie immer – für gute Resonanzen im Publikum. Leider war alles viel zu schnell vorbei. Ich glaube, Thomas Gurrath war gut beraten, seine blutige Show nicht zu beenden als ihm öffentlicher Druck bereitet wurde. Debauchery zeigte ein wahrhaft gutes Blutbad im Winterwunderland.“ –
„Dabei ist er ein ganz ruhiger Zeitgenosse“, sagte ich noch und erzählte Matze, dass Thomas Gurrath auch noch ein superintelligenter und professioneller Typ ist. Hatte ich doch auch mal Backstage ihn zu einem lustigen Foto gebeten. Für mich war das Konzert inklusive Seifenblasen from hell, Backstage-Impressionen und allen Bands ein besonderes Erlebnis.

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