Kneipengespräche: Die unkaputtbare Rachegöttin

Stratovarius anno 2013 - ob die Band von der Stimme aus dem Off weiß? (Copyright: Ear Music)
Stratovarius anno 2013 – ob die Band von der Stimme aus dem Off weiß? (Copyright: Ear Music)

Herrje! Hatte die Grippe die ganze Kneipengruppe erwischt. Unsere drei Protagonisten schöpften Verdacht, dass sie einem Anschlag zum Opfer gefallen sind. Ihre Verschwörungstheorien richteten sich einige Zeit gegen die finnische Heavy-Metal-Band Stratovarius, die im März mit einem Album um sich schlägt, das, oh Grundgütiger, auch noch „Nemesis“ heißt.

„Reich mal den Tee rüber, Alter“, sagte ein verschnupfter Heavy zu seinem Mitbewohner Mike. Seit Tagen werden beide von der Erkältungswelle geplagt, die zusammen mit dem Asteroidenschauer auch über sie hinweg rollte.
„Klar, kriegste“, entgegnete Mike, der mit seinem Schal und seiner Mütze in dem überheizten Raum mit einer Decke eingemummelt auf der Couch lag und heftig hustete.
„Scheiß Grippe“, röhrte er noch. Ihm war gar nicht nach Musik hören. Seinem Arbeitgeber hatte er schon die Krankschreibung rüber gemailt. Es war eine Frage der Zeit, wann Mike sich von dem winterlichen Erkältungsüberfall erholen würde. Aber in seinem Briefkasten lagen die neuen Scheiben von Buckcherry, Stratovarius, The New Black und Psychopunch. Ein paar andere CDs waren auch noch darunter. Mike fiel trotz seines Vorhabens, alle durchzuhören, in einen fiebrigen Schlaf, wo er wirres Zeug träumte.
Mike fand sich inmitten einer brennenden Stadt wieder, worin die Menschen wie wahnsinnig umher liefen und Rettung suchten. Dann ertönten Fanfaren und fünf langhaarige Bombenleger, teilweise mit recht durchgekneteten Gesichtern, standen neben ihm. Die Fanfaren stellten sich als Teil eines alten Klassikers der finnischen Truppe von Stratovarius heraus. „Freedom“ heißt er. Das wusste Mike noch. Kannte ihn vom Wacken-Sampler von 2007. Jetzt ist er auf der EP drauf, die „Unbreakable“ heißt. Nach dem Titel, der auch auf dem neuen Studioalbum der Finnen drauf ist.
Aber die Stadt brannte. Und was machten die Typen um ihn herum? Sie standen mit ihren Gitarren da und richteten sie gen Himmel, wo ein weiblicher Nackedei mit Flügeln umher schwirrte und die City vom Himmel aus ankokelte. Einer von den Typen hörte auf, das feurige Bunny abzuschießen.
„Hey“, meinte er. „Bist du Mike aus der gottlosen Stadt LE., die gottverflucht noch eins eine verdammt gute Metalszene hat und mit ihrer einzigartigen Helheimkneipe sogar ein Tor zur anderen Welt besitzt?“ –
„Ja, Mann! Woher weißt du das?“, antwortete Mike.
„Eingebung, Junge“, meinte der Typ, der sich als Matias Kupiainen vorstellte und bei Stratovarius Gitarre spielt. „Du bist unsere letzte Rettung. Die Schlampe da oben heizt uns seit Wochen ein und müssen sie unbedingt los werden. Unsere Welt geht sonst unter und mit ihr auch unsere Musik. Vernichte sie und du rettest uns.“ –
„Was glaubst du, zu was ich fähig bin?“, empörte Mike sich. „Ich hab‘ verflucht noch eins Grippe und Bock auf eure Fantasy-Mucke habe ich auch nicht.“ –
„Mann. Es ist nicht für dich, sondern für die unzähligen Leute da draußen, die Stratovarius in diesem Jahr auf den Bühnen der Welt sehen wollen. Dein Einsatz soll nicht zu deinem Schaden sein.“ –
„Alter, … „, murrte Mike. Seine Filzpantoffeln schmorten schon bei der Gluthitze, die ihm umfing.
Sänger Timo Kotipelto schaltete sich ein. „Junge!“, sagte er. „soll ich dir erzählen wie hart es war Nemesis zufrieden zu stellen, und jetzt heizt sie uns ein, weil der Coverkünstler sie an einer Schulter brennen lässt. Ganz schön eitles Persönchen.“ –
„Echt mal“, jammerte Matias. „Ich habe die letzten vier Monate mehr oder weniger im Studio gelebt und an jedem kleinsten Detail hart gearbeitet. Ich bin erleichtert, dass das Album nun fertig ist und bin sehr zufrieden mit dem Material und dem Sound. Nach Nemesis hatten wir sogar unser Album benannt und jetzt … wir sind ratlos!“ –
„Diesmal war die Entstehung des Albums einfacher, weil wir uns die Zeit genommen haben, die wir brauchten. Wir haben uns den Arsch aufgerissen und hoffen, dass die Fans die Musik mögen werden. Nemesis ist uns eigentlich egal. Hauptsache, wir werden die nun los“, unterbrach ihn Timo.
Er jammerte wie viel Mühe sich die Band gegeben hatte, ihren Mythos und ihre Person zu huldigen.

So sieht "Nemesis" aus (Copyright: Ear Music)
So sieht „Nemesis“ aus (Copyright: Ear Music)

„Der Titelsong des Albums besitzt eine sehr moderne Herangehensweise an den Mythos Nemesis. Er erzählt die Geschichte eines Predigers, der jedem das zurück gibt, was er verdient hat, sei es gut oder böse. Der Song besitzt ein sehr gutes Riff, coole Melodien und einen Refrain im guten, alten Stratovarius Stil.“ –
„Und wieso gefällt ihr das nicht“, fragte Mike inzwischen schweißgebadet.
„Das wissen wir nicht. Wir vermuten, es liegt am Cover“, sagte Timo schulterzuckend und versuchte wieder seine Stimme gen Himmel zu richten, um mit einem Sturm aus Oktaven Nemesis die Federn aus ihren Flügeln weg zu singen, dass sie fällt und selbst Opfer ihrer Flammenhölle wird.
Matias sagte: „Du musst das heraus finden. Steig auf den Turm da drüben und versuche die Kleine zu dir zu locken. Du bist ein Mensch und nicht wie wir Wesen aus einer anderen Welt. Dir kann sie nichts antun. Aber merke dir eins! Wenn du sie zu fassen bekommst, brich ihr die Flügel und entwaffne sie. Dann ist sie ungefährlich und alles wird gut.“ –
„Habe ich eine Lust jetzt“, dachte Mike. „Eher komme ich wohl aus de Schlamassel auch nicht heraus.“
Er stiefelte los. Timo und Matias haben inzwischen den Kampf mit der Feurigen aufgenommen, die Blitze aus ihren Augen schleuderte und ihr funkensprühendes Zauberschwert schwang während sie in der Luft umher sauste.
Nach einer Stunde ist er zu dem besagten Turm angekommen. Stratovarius hatte Nemesis‘ Aufmerksamkeit mit dem Singen von Liedern wie „Fantasy“ auf sich gezogen. Eine Stimme leitete ihn in den Treppenaufgang. Er verstand nicht, was sie sagte, aber sie schien lauter zu werden, je höher er stieg. Immer mühseliger wurde der Aufstieg. Mike musste Pausen einlegen, Austreten auch.
„Durchhalten“, dachte Mike und kniff die Zähne zusammen. „Bist bald da!“
Dann stand er auf dem Turm. Unter ihm die Flammenhölle. Stratovarius war zu einem Punkt geschrumpft. Vor ihm rauschten die gefiederten Flügel der Rachegöttin, die in der Nähe gar nicht so schlecht aussah, überlegte Mike. Nur die Stimme aus dem Off nervte langsam. Sie war so laut, dass er um sich schlug vor Wut.
Nemesis bemerkte ein fremdes Geräusch hinter sich. Sie drehte sich um und blickte auf einen glatzköpfigen Typen in Jogginghosen, Unterhemd und Wollschal gekleidet. Seine Pantoffeln waren löchrig von der Glut. Er schwitzte und brüllte andauernd: „Ich halte das nicht mehr aus hier!“
Das wütende Bunny im Evakostüm wurde neugierig. Sie näherte sich dem fremden Subjekt.
„Bist du hier, um uns zu erlösen?“, hauchte sie. Nemesis hörte auf zu feuern.
„Äh, … jaaaaa, … bidde?“, stammelte der Kranke. „Ich will nur … äh, … meine Ruhe haben. Die Jungs von Stratovarius auch. Die glauben, dass dir ihr Album nicht gefällt.“ –
„Das stimmt nicht“, flüsterte die Holde und landete auf dem Turm. Ihre Flügel legten sich zusammen. Sahen wie Taubenflügel aus – wie die von Engeln. „Mir gefällt ihre Musik immer sehr gut.“
„Oh Gott steh‘ mir bei!“, dachte Mike. „Die Kleene ist vollkommen nackt.“ –
„Warum starrst du so?“, fragte sie ihn mit einem naiven Duktus in ihrer Stimme.
„Äh, .. nun ja … du siehst gut aus, … öhm, … wenn deine Flügel nicht wären, …“ Mike räusperte sich. Er betrachtete die volle Pracht, die sich ihm vor seinen Augen voll entfaltete. Mike, der Schwerenöter. Er würde die Kleine auf’s Bett werfen und wie ein liebestoller Löwe …
„Was hast du?“, hauchte die Schöne erneut. Sie kam näher. Mike wurde heiß. Dann unterbrach die geheimnisvolle Stimme sein Glühen.
„Oar Mann! Kann das endlich mal aufhören?“, sagte Mike zornig.
„Ja, deswegen bin ich auch außer mir. Seit die Stimme auftauchte bin ich nicht mehr ich selbst. Seitdem weiß ich nicht mehr ein und aus. Sie ist überall, verfolgt mich. Und das hat mit Stratovarius zu tun. Es liegt nicht an ihrer Musik, die Stimme aus dem Off vernichtet alles. Das macht mich rasend vor Wut!“
Mike sah, wie sie wieder zornig um sich blickte. Er trat etwas näher an sie heran. Dann erklärte er ihr, dass Stratovarius auch ein Problem mit der Stimme hat und die Musiker ein Komplott vermuten, log er, das Nemesis gegen sie schmiedete.
„Das ist nicht wahr!“, sagte Nemsis trotzig. Mike stand direkt vor ihr, ihre Körper berührten sich. Er spürte ihren Atem, ihr Herz, das gegen seine Brust pochte. Er konnte nichts mehr sagen als: „Bitte lass es uns tun.“
Dann verschwand das Bild, Mike wachte auf. Er sah wie Heavy im Sessel fläzte und den Rechner anstarrte. Mike sah auch dorthin. Dort prangte das Cover der neuen Stratovarius-Scheibe, worauf ein nacktes Nemesis-Girl eine Stadt vernichtete. Dann kam aus dem barocken Geträller die Stimme aus dem Off und sagte: „You listen to … blah blah blah … by earmusic…“ –
„Ey du Kunde! Mach das aus!“ Das kann sich doch keiner anhören!“, grollte Mike. Seine Augen funkelten Heavy an, der unverzüglich aufstand und das Musikprogramm auf Alice in chains umstellte. „Was fällt der Plattenfirma ein, mich mit so einem Mist zu bestücken!“ –
„Keine Ahnung, ey…“, erwiderte Heavy. Er hatte keine Lust auf Mikes Spleen einzugehen.
„Morgen ruf ich dort an und mach die zur Schnecke. Was fällt denen einen, einem promovierten Journalisten so einen Quark unterzujubeln!“, raunte Mike noch und sank wieder auf die Couch. In seiner Dämmerung blickte er zum Fenster. Draußen tanzten die Schneeflocken ihren taumeligen Reigen. Dann tauchte das Mädchen auf, umringt von Stratovarius.
„Danke Mike, du hast uns erlöst und uns Frieden gebracht“, sagte sie mit einem Ton, der ihn fast umgebracht hätte vor Lust. „Wir laden dich zu einer kleinen Feier ein. Ich will dir ganz besonders danken, .. und die Jungs hier auch…“
In dem Moment nieste Heavy und schnäuzte sich. Mike sah ihn und sagte nur: „Du, danke. Endlich hast du das richtige zum rechten Zeitpunkt getan.“
Heavy wusste nichts zu sagen, aber das Telefon klingelte. Er ging ran. Gus war an der Leitung und wollte wissen, ob die beiden was bräuchten. Ihm ginge es schon besser und kann schon was einkaufen. Mike schlurfte in die Küche und setzte neuen Tee auf. „Verdammte Nemesis“, fluchte er noch bevor er sich wieder einem Hustenanfall hingab. Aber den Traum will er nicht noch einmal träumen, so viel steht fest! Ear Music – eine Qual für die Ohren!

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