Kneipengespräche: Und die Zeit bleibt stehen

Helker (Copyright AFM Records)

Helker (Copyright AFM Records)

Mike und Heavy liefen die Karl-Heine-Straße herunter. Schneegestöber und Kälte ließen sie schneller gehen. Ihr Ziel war ihre WG in der Nähe der Helheimkneipe. Wieder waren sie fast bis zum Schluss geblieben, weil in der Kneipe aktuelle Neuvorstellungen liefen.

„Weißt du“, sagte Heavy nach einer Weile nachdem beide vor sich hinschwiegen und nur den Knirschen des Schnees lauschten, der unter ihren Stiefeln zusammengepresst wurde. „Als ich 1990 solche Bands wie Chroming Rose im Radio hörte, zur gleichen Zeit Grunge und Death Metal in meine Kinderzimmerwelt einbrachen, dachte ich, endlich hört das Gekünstelte auf. Dieser klassische Achtziger-Jahre-Metal ging mir damals tierisch auf die Eier. Aber da waren immer noch Gruppen wie Maiden, Sabbath, Metallica und Dio, denen ich über die Jahre die Treue hielt. Jetzt, während ich wegen meiner Schreiberei immer neue Promos geliefert bekomme, merke ich, dass der Oldschool-Metal eine Renaissance wiederfährt. Zuerst Alpha Tiger, jetzt Helker. Mann, das klingt wie Dio on Speed! Ich hätte nie gedacht, dass meine Verrücktheit nach Korn, Marilyn Manson & Co. Konkurrenz bekommt.“
Mike sagte nichts. Er dachte nur darüber nach, dass die Zeiten heute so verrückt sind, dass sogar Heavy-Metal retro ist. Das sagt manches über die Mentalität der Metaller aus. Klare Strukturen braucht nunmal der Mensch. Die wenigsten Künstler sind Metaller, hatte Mike noch im Gedächtnis. Künstler sind viel aufgeschlossener, sind neugierig auf Neues. Metaller fühlen sich hingegen in Refugien wohl, möchten „die gute alte Zeit“ aufleben lassen – und sie kennen sich mit handwerklichen und technischen Fähigkeiten der Musiker aus. Mike dachte an den Manager von Arranged Chaos der mit seinen Jungs seinen Traum lebt und völlig vernarrt in die technischen Friemelein mancher Musiker ist. Uwe ist ein wandelndes Lexikon, der sein Wissen nicht wie ein Wikipedia-Onkel aufsagt, sondern in eigene Geschichten packt. Gut, dass es solche Menschen gibt, dachte Mike.

So sieht "Somewhere in the circle" aus (Copyright: AFM Records)

So sieht „Somewhere in the circle“ aus (Copyright: AFM Records)

„Ich mag das Album“, meinte Heavy noch. „Bei Helker habe ich das Gefühl, dass die Zeit stehen geblieben ist. Die Stimme von Sänger Diego Valdez erinnert mich stark an Dio, soll er in Frieden ruhen. Helker ist auch ein seltsamer Name, findest du nicht auch…?“-
„Hm“, machte Mike. Er hatte keine Lust bei der Kälte zu plappern. Er freute sich stattdessen, dass er zuhause noch einmal seinen Mac anwerfen kann und ein wenig Musik zu huldigen während er vielleicht noch ein Bild beginnt zu malen. Es ist ja erst drei Uhr morgens.
„Jetzt fällt’s mir ein, wo mir der Name schon einmal untergekommen ist. Hatte Helker nicht mal was für ein‘ Maiden-Tribute-Sampler ’nen Song aufgenommen? Long Distance Of A Long Distance Runner, oder so?“-
„Keine Ahnung“, murmelte Mike.
„Was’n los mit dir“, fragte Heavy ihn.
„Ach nichts, bin, glaub‘ ich, müde“, entgegnete Mike.
„Ach komm‘ schon! Im Februar kommt ein Hammer-Metal-Album raus. Lass uns das Zuhause noch einmal hören und ein Bierchen zischen. Das bringt dich auf andere Gedanken“, meinte Heavy noch.
„Vielleicht“, brummte Mike und fragte: „Wer ist zum Teufel ist eigentlich Helker?“-
„Davon rede ich doch die ganze Zeit. Die Band gibt’s seit 1998 und stammt aus Buenos Aires. Alter! Südamerika ist voll im Kommen, was Metal angeht.“ Heavy griff in seine Jackentasche und zog ein Papier heraus. Er faltete es auseinander.

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„Hier! Im Waschzettel steht’s“, sagte er und las vor, dass Helker auf ihrem Album „Somewhere in the circle“ den ex-Priester Tim ”Ripper” Owens und den Primal-Fear-Sänger Ralf Scheepers, die sich bei epischen „Begging For Forgiveness“ den Gesang mit Valdez teilen, begrüßen. Mat Sinner, der ebenso als Co-Songwriter vertreten ist, konnte als Produzent gewonnen werden. Den Mix machte kein Geringerer als Achim Koehler von den Indiscreet Audio Studios. „Hör dir das nachher an. Klassischer und noch mehr retro geht nicht. Helker hat pure Magie aufgenommen, es erinnert mich an die Zeit als zwischen 1985 und 1988 super Scheiben veröffentlicht wurden. Das Werk fügt sich wunderbar in eine Reihe von Dio, Maiden, Ratt, Pretty Maids ein. Du wirst es lieben! Glaub mir!“-
„Na, mal sehen. Haben wir eigentlich noch Brot und Fisch da. Dann machen wir noch ein Nachtvesper dazu. Darauf habe ich jetzt richtig Bock!“, sagte Mike während er die Hausschlüssel heraus kramte und die Tür aufschloss. Bald saßen sie in Heavys Zimmer, das wie ein Altar des Heavy Metal aussah. Poster von W.A.S.P., Metallica und Maiden zierten die Wände, dazwischen der Snaggletooth von Motörhead und Konterfeis von weiteren Bands. Die Poster hatte er an die Tapete geleimt und so an Decke und Wände ein Kunstwerk geschaffen. Unterhalb der Fenster waren Regale aufgestellt, die mit Arbeitstischplatten versehen waren. Darauf standen Computer, Stereoanlage, Lautsprecherboxen. Die Sitzgruppe aus schwarzem Leder stand in der Mitte des Raums. Die Wand mit der Zimmertüröffnung war von oben bis unten mit einem riesigen Regal verbaut, das hunderte von Vinyl-LPs, tausenden CDs, Musik- und Videokassetten und DVDs Platz bot. Nicht mehr und nicht weniger. Hinter der langen Ledercouch stand eine Podestebene auf die Heavy seine Schlafstatt unterbrachte.
Mike kam mit einer Aluschale Fischfilet, einer Schale Brot und zwei kalten Budweiser herein. Heavy ließ inzwischen Helker laufen und schwärmte darüber, dass die Argentinier endlich ihren internationalen Durchbruch schaffen werden. „Die sehen wir dieses Jahr auf Wacken! Bestimmt! Verdient haben sie es sich. Die neue Scheibe ist jedenfalls Hammer!“

Offizieller Clip zu „Wake up“ von Helker

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One comment

  1. FRancesco · · Antwort

    Genial, HELKER sind, bei allem Respekt, die neue Hoffnung fuer alle DIO Fans!

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