Kneipengespräche: Woiwoden, Außerirdische und ein Ziel

So sieht Voivod anno 2013 aus (Copyright: Voivod.com)

So sieht Voivod anno 2013 aus (Copyright: Voivod.com)

Heavy, Mike und Gus machten es sich in der Helheimkneipe gemütlich. Es war Wochenende. Wieder eines von diesen, wo nichts los war. Sie wollten neue Alben hören. Die drei erinnerten sich: Da gab es eine Metalband aus Kanada, die ganz anders klang als alle anderen und nie so richtig erfolgreich war. Die Rede war von Voivod.

Die Kneipe war wie immer in schummeriges Licht getaucht. Im Aquarium schwammen die Fische umher, an der Bar herrschte reges Treiben, ein paar Metaller spielten gemütlich Tischfußball als plötzlich ein Mann in das Etablissement stürmte. Er war außer Atem, sein Blick gehetzt, er schien nach Luft zu schnappen. Zwischen seiner Schnappatmung polterten seine Worte auf den Kneipenboden: „Sie – sind – da!“-
„Hey, Junge, warum hetzt du so? Die Rush Hour ist schon seit zwei Stunden vorbei“, witzelte Gus, der bereits zwei Bierchen intus hatte und sich ein drittes schmecken ließ. Seine Kumpels drehten sich um. Sie saßen auf der Ledercouch-Sitzgruppe gleich in der Nische neben dem Eingang. Ihre Blicke musterten den Neuankömmling – neugierig, schätzend, belustigt. Er sah nicht aus wie ein Metaller. Der Mann hatte einen hellbeigen Anorak, der aufgeknöpft war. Seine Jeans sah aus als würde sie noch aus den neunziger Jahren stammen. Die braunen Halbschuhe haben auch schon bessere Zeiten gesehen. Der Mann schwitzte obwohl draußen frostige Minus drei Grad Celsius herrschten.
„Sie sind da! Die, die die“, stammelte der Mittvierziger. „Na, nun sag schon, was ist denn ‚die‘?“, fragte Heavy, der bereits ein wenig genervt war. Denn bald wollte der Kneiper die neue Voivod auflegen, die „Target Earth“ heißt und irgendwie an alte Glanztaten anknüpfen soll, glaubt man so journalistischen Blättchen, die in den teutschen Landen herum flattern. Der Mann schien sich zu beruhigen. Er holte noch einmal tief Luft.
„Komm“, meinte Mike, „Nimm dir erst einmal ein Bier. Setz dich zu uns und erzähle deine Geschichte. – Wie heißt du eigentlich?“-
„Äh, … Rolf, … Rolf Kehraus. Was kostet hier denn ein Sterni?“-
„Sterni gibt es bei uns nicht“, krähte der vollbärtige Kneiper hinter seinem Tresen. „Wir ham‘ aber Schwedenquell. Das ist unser günstigstes.“ –
„Was kostet das?“, fragte Rolf und kramte in seinen Hosentaschen nach Kleingeld, „Ich hab‘ nicht mehr so viel bei mir.“
„Zweefuffzig“, kam es wie aus der Pistole geschossen von Heavy und Mike.
„Ach komm‘, wir geben dir das aus und gut“, meinte Gus noch.
„Echt! Danke! Das ist wirklich nett von euch, .. wisst ihr, .. ich hab nicht so viel Geld“, stotterte Rolf.

Soe sieht "Target Earth" aus (Copyright: Voivod.com)

Soe sieht „Target Earth“ aus (Copyright: Voivod.com)

„Wissen wir. Hartz ist kein Stigma, denk einfach nur nicht daran. Dann bist du die mentale Fußfessel los“, erklärte Mike im väterlichen Ton, obwohl er jünger als Rolf war. „Los, erzähl mal. Was’n passiert – wirste verfolgt oder so?“
„Äh, ja, … nun ja. Wo soll ich anfangen? Also. Ich war durch den Clara-Park gelaufen, weil ich dort Flaschen sammeln wollte als doch so plötzlich alles um mich herum ruhig wurde. Irgendwie war der Straßenlärm weg – wie verschluckt – und dann knipste jemand wie von Zauberhand das Licht an, obwohl das ja nicht geht weil doch in der Ecke wo ich rumlief keine Laterne steht. Und dann blickte ich dorthin wohin der Lichtkegel sich verjüngte und da sah ich es – ’n verdammtes UFO! Ich dachte zuerst, es wäre ein Hubschrauber, aber so leise sind die Polizisten hier doch nicht. Und Horst Wawrzynski wird wohl kaum noch nachts Wahlkampf machen. Also dachte ich, es wäre ein UFO. Nun ja. Das Ding landete jedenfalls. Geräuschlos! So genau konnte ich es auch nicht erkennen, aber die Luke ging auf und da kam ’ne Gestalt raus. Hatte so ’ne Art Gewehr in der Hand. Sah fast aus wie diese Plastik-Pumpguns, die die Kinder zum Wasser spritzen nehmen, wisst ihr?“-
„Das ist ’ne verdammt gute Story“, sagte Mike, „Da haste dir glatt ein zweites Bier verdient, Mann.“-
„Glaubst du mir nicht, du du du…“-
„Na, na, na“, unterbrach Gus, „Wir müssen nicht gleich ausrasten. Erzähl weiter.“
„Jedenfalls lief die Gestalt in den Park hinein. Ich hab mich in einem Gebüsch versteckt, bis ich erkannte, dass das sinnlos ist, weil das Licht ja alles durchflutete und im Winter die Gebüsche keine Blätter tragen.“
Die Truppe lachte.
„Naja, also ich sah im Schlaglicht diesen Typen mit der Pumpgun. Der sah aus wie eine Mischung aus Dr. Zoidberg aus ‚Futurama‘ – wisst ihr?“
Die drei nickten wissend, „Jaaaa.“-
„Jedenfalls wie Dr. Zoidberg, Golem, Borg und Predator. Nur vergammelt. Grau, so mit Spitzen dran an seinem Overall. Der war auch grau. Da waren so blaue Schläuche an dem dran und verfickt noch eins, die Knarre von dem war auch blau. Der hatte mich gesehen, so dass ich mich erschrak und einfach los gerannt bin. Ich warf meinen Flaschenbeutel weg und rannte los. Dieses Raumschiff hinterher. Wahrscheinlich hat es den Typen mitgenommen, ich weiß nicht mehr. Aber ich hatte solche Angst…“-
Rolf standen Tränen in den Augen. Er nahm einen glucksenden Schluck aus der Pulle. „Ahhh, schön kalt.“
„Was dann!“, forderte Heavy den Erzähler auf weiter seine Story zu schildern.
„Ich bin ziellos umher gerannt und bin rein zufällig hier gelandet, weil ich Licht brennen sah und irgendwie dachte, ich müsste jemanden warnen.“
„Hammer Story!“, sagte Gus ehrfürchtig, „Und was ist mit deinen Verfolgern, … wo sind die wenn dich die verfolgt haben?“

::

::

In dem Moment schlug grelles Licht durch die Kneipenfenster, ein schrundig aussehendes Etwas schob sich durch die Straße und drückte die parkenden Autos beiseite. In der Kneipe brach Tumult aus. Die Metaller liefen zur Toilette, weil die hinten lag und machten einen verwirrten Eindruck. Rolf und seine Runde waren vor Angst erstarrt. Ein leichtes Brummen war zu spüren. Wie man es aus den Folgen von Akte X kennt, als Mulder und Scully auf einer Landstraße waren und plötzlich gestoppt wurden, weil ein mysteriöses Objekt über sie hinweg flog und sie mit seinem Magnetfeld umgab. Dann war alles auf einmal entspannt. Die Kneipe sah wie immer aus. Das Licht war aus. Nur die Insassen waren alle weg, außer Rolf, Gus, Mike und Heavy. In der Kneipenanlage lief die neue Voivod. Der atemlose Gesang von Snake Belanger sirente bei den hektischen Takten der Musik. Die Kneipentür ging auf und herein kam der graue Zipfeltyp mit dem verfaulten Zoidberggesicht und der blauen Pumpgun und den blauen Schläuchen dran.
„Promo-Aktion!“, grollte eine Stimme aus dem was wie ein Gesicht aussah, aber genauso gut ein Helm gewesen sein konnte.
„Häh?!“, die vier Verbliebenen schauten sich an. „Was bitte!“
„Promoaktion! Zur neuen Voivod-Platte ‚Target Earth‘.“
„Willst du uns verarschen!“ schrie Gus den Typen an, dass er erschrocken zusammenfuhr. „Hast du nichts besseres zu tun als nachts durch die Gegend zu fliegen und Leute zu erschrecken?! Alter, das hätte schief gehen können. Wenn jetzt draußen so ein Epileptiker rumgelaufen wäre…“
„Oder ’n Herzkranker!“, unterbrach ihn Rolf.
„Oder ’n Herzkranker!“, wiederholte Gus wütend.
„Oder ’ne alte Oma, … oder Kinder“, ergänzte Heavy mahnend.
„Hör auf mit dem Scheiß“, zischte Gus, zu Heavy gewandt, dann drehte er sich zum grauen Promo-Alien um und fragte: „Wenn das jetzt ’ne Promoaktion ist, was soll diese blaue Wasser-Pumpgun? Und diese Schläuche!“
„Na, das so ’n Schnaps drin, den Voivod von einer kanadischen Schnapsbrennerei brennen ließen und ‚Kluskap O’Kom‘ heißt“, dröhnte es dumpf aus dem grauen Zipfelhelm, „Wisst ihr! Motörhead macht Wein, AC/DC auch, ich glaub‘ auch Maiden oder Metallica machen welchen. Oder war’s Slayer…“, dachte der bewehrte Promoaffe laut nach. „Jedenfalls ist der Schnaps kostenlos, weil die Scheibe am 18. Januar rauskommt und die Voivoden gehört haben, dass die Leipziger Helheimkneipe irgendwie Alien ist. Da wollten die euch überraschen.“
„Haste gehört?“, sagte Gus und stieß Heavy an. „Schnaps!“
Aus der Toilette kamen inzwischen auch die anderen Gäste hervor und schritten bedächtig in den Kneipenraum. Der Promoaffe zog seine Maske ab und hervor kam Naomi Watts, die einen ziemlich frischen Eindruck machte. „Los Jungs, wir können heute einen drauf machen“, sagte sie noch. Gut sah sie noch aus, obwohl die Schauspielerin straff auf die Fünfzig zugeht und in einem Katastrophenfilm knapp dem Kinotod entrann. Die Meute johlte „Jaaaaaaaa“, während Voidod in der Anlage seine Runden drehte. Doch keiner bemerkte das, das sich zu Tausenden auf der Straße und an die Fenster der Kneipe versammelte. All die anonymen Internetgeschädigten, die heimlich an den Kneipenstories teilhaben wollen und nicht rein können, weil sie eben kein Bestandteil der Geschichte sind. Aber die Heimbewohner schrieen es nach draußen: „Voivod – Kaufen!“

Und wenn sie nicht gestorben sind, dann vergnügen sie sich mit Naomi noch heute – und mit „Target Earth“ natürlich!

Century Media zeigt ein Interview mit Voivod zum neuen Album. Mit bestem Dank.

::

::

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: