Kneipengespräche: Point Of No Return

Judas Priest 1981 (Copyright: Columbia Records/Sony Music)
Judas Priest 1981 (Copyright: Columbia Records/Sony Music)

Gus und Heavy kehrten wieder in die Helheimkneipe ein. Beide waren völlig angefixt von der kürzlich erschienenen „Metal Evolution“-Dokumentation und diskutierten, warum die von Sam Dunn produzierte Reihe an manchen Stellen einfach oberflächlich und naiv ist. Die Frage drehte sich um Judas Priest und um ihre Rolle im Metalwunderland.

„Dass die Leute immer noch ‚Point Of Entry‘ unterschätzen müssen“, regte Gus sich auf während er sich ein Bier am Tresen bestellte, „Es kann doch nicht sein, dass das Album in der Reihe von ‚Killing Machine‘ bis „Screaming For Vengeance‘ herausgenommen wird als halbherziger Versuch, den US-Markt zu erobern. Die Geschichte lehrte uns doch das Gegenteil. Dass ‚Screaming for vengeance‘ den US-Markt knackte.“ Heavy war anderer Meinung. Für den Altmetaller ist „Point Of Entry“ weniger schlüssig ausgefallen als der Vorgänger „British Steel“.

„Come on!“, meinte Gus zu ihm, „‚Point Of Entry‘ markiert den absoluten Wendepunkt in der Karriere der Priester. Thematisch voll auf Highways, Motorräder und Weite zugeschnitten. Das ist der Band in fast allen Songs gelungen. Hör dir mal ‚Turning Circles‘, ‚Hot Rockin‘, ‚Desert Plains‘, ‚Solar Angels‘, ‚Don’t Go‘ und „Heading Out To The Highway‘ an – nur Klassiker.“

So sieht "Point Of Entry" aus (Copyright: Columbia Records /Sony Music)
So sieht „Point Of Entry“ aus (Copyright: Columbia Records /Sony Music)

„Aber da hast du auch echte Gurken wie ‚All The Way‘, „You say yes I say no‘ und ‚Troubleshooter‘ dabei“, entgegnete Heavy ihm. „Vom Sound her ist „Point Of Entry“ auch nicht so die Kanone – so im Vergleich zu „Killing Machine“ und „British Steel“. Mancher Song hätte vielleicht noch stimmungsvoller werden können, wenn die Priester konsequenter gewesen wären.“

Da musste Gus mit dem Kopf schütteln. „Ne, ne!“, sagte er, „Mag sein, dass ‚You say yes‘ ein viel zu simpler Rocksong für Priest ist aber er ist dennoch dem typischen Priest-Sound behaftet, weil der stimmungsvolle Mittelteil das Stück erst zu echter Klasse empor hebt. Aber ich geb’s zu – hier ist der Band nicht viel eingefallen. Und ‚All The Way‘ ist ja voll die Anmach-Hymne im L.A.-Style, der damals erst Bands wie Mötley Crüe, Twisted Sister und Quiet Riot hervorbrachte. Dennoch ist ‚Point Of Entry‘ besser als sein Ruf.“

Beide stießen ihre Bembel an und schluckten erst einmal den Staub herunter, den sie beim Diskutieren verursachten. Danach schaute Heavy seinen Kumpel Gus an und meinte: „Eigentlich hätte ‚Point Of Entry‘ anders heißen müssen – ‚Point Of No Return‘. Und weißte auch warum? Ab da hattest du bis ‚Painkiller‘ kaum noch gute Alben von denen gehabt. Selbst bei ‚Screaming for vengeance‘ und ‚Defenders of the faith‘ hast du ein paar Rohrkrepierer dabei gehabt. Vorher gab’s das bei Priest nicht. Erst nach Robs Ausstieg war die Luft richtig raus. Die beiden Comeback-Alben waren da nur halbherzige Versuche, die alten Zeiten wieder aufleben zu lassen. Solo ist Halford viel besser.“

Gus wartete bis sein Freund mit seiner Rede durch war und meinte lapidar: „Selbst solo spielt Rob lieber die Klassiker von ‚Point of entry‘ als die von ‚Defenders of the faith‘ oder ‚Screaming for vengeance‘. Sind stimmdienlicher, weil er da eher mittig singt und nicht so hoch kreischen muss.“

„Blödsinn!“, sagte Heavy. „Was?“, fragte Gus begriffsstutzig. „Blödsinn! Schau dir die Titellisten von Robs Live-Alben an. Dort wirst du keinen einzigen POE-Song finden. Dafür ein paar Perlen von ‚British Steel‘ und ‚Screaming for vengeance‘. Selbst ‚Killing Machine‘ lässt er außen vor. Aber ich will ja nicht so sein. Zu 50 Prozent hat ‚Point of entry‘ seine Momente. Wahre Klassiker hingegen nicht. Fett waren nur ‚Screaming for vengeance‘ und ‚Defenders of the faith‘.“

Gus konnte so viel Ignoranz nicht ertragen und fauchte nur, dass Heavy es einfach sein lassen sollte so über Musik zu reden wenn er keine Ahnung davon hat. Vor allem die Priest-Analyse sollte er ihm, Gus – dem Lichtbringer in so manchem Metalheads Geist, überlassen. „Point Of Entry“ ist mindestens genauso wichtig wie „British Steel“ und weniger klischeebeladen wie „Screaming for vengeance“. Heavy lächelte und sagte ruhig: „Wir haben noch gar nicht begonnen, die Gitarrenarbeit auseinanderzunehmen. Da wird’s bei ‚Point of entry‘ richtig langweilig. Ganz zu schweigen von den wirklich lausigen Texten.“

Dass Heavy immer so provozieren muss, dachte Gus und nahm ein Schluck aus seinem Glas. Kann er die Musik nicht einfach so nehmen wie sie vielleicht gemeint war? Da geht’s doch nicht nur um Technik, vielleicht auch um die Stimmung. Klar hat Heavy recht, dass „Screaming for venegeance“ in allem ausgefeilter und schlüssiger ist als „Point of entry“, aber seine süßen Teenager-Erinnerungen will er sich trotzdem nicht versalzen lassen. Damals, als er im Sommer 1990 seine Freundin besuchte und sie beim Sound von „Point of entry“ liebte. Aber das muss er dem Kerl, der sich aufspielt als wäre er der absolute Metalexperte, nicht erzählen. Das wäre dann nämlich sein persönlicher Point of no return, müsste ihm alles haarklein erzählen. Das will er ja nicht. Denn er muss noch immer an sie denken und sich dafür verfluchen nicht an ihr dran gewesen zu sein, nur weil sie aus Leipzig weg zog.

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