Kneipengespräche: Man spricht Deutsch

Callejon (Copyright: Kay Özdemir/Four Music)

Callejon (Copyright: Kay Özdemir/Four Music)

„Das ist mal ’ne Ansage“, sagte Heavy zu Gus, „Deutschmetal mit klischee- und gewaltfreier Textzone.“ Beide befanden sich kurz vor Silvester an einem milden Samstagabend wieder in der Leipziger Helheimkneipe und unterhielten sich angeregt über den Sinn, auf Deutsch Metal zu machen. Gus: „Ich fand Ärzte, Hosen, Onkelz schon immer Scheiße. Lag wohl am Sound. Aber was Callejon mit ihrer Re-Visited macht, kann sich wenigstens hören lassen!“

„Ja“, entgegnete Heavy. Er blickte zum Aquarium, wo ganz dicke Brocken umher schwammen – Heavy-Metal-Fische. „Diese Party-Metalalben haben etwas. Hatte der Sodom-Fronter mit seinem Onkel-Tom-Projekt und Tankard mit dem Tankwart-Album auch gut hinbekommen. Nur verwursteten die so olle Schlager aus den Siebzigern. So Saufhits. Callejon verleibt sich Pophits von den Ärzten, Fanta 4 und Tic Tac Toe ein.“ Gus nickte zustimmend, seinem Empfinden nach geht Pop mit Metal zusammen, wenn auch einige Metal-Hobbits Metal als heiligen Gral hüten wollen und ja keine Verwässerung wünschen. Aber wenn’s ums Feiern geht, fehlt der Metalszene es an richtigen Party-Hits. „We’re gonna take it, Paranoid, I wanna be somebody, Enter Sandman und Run to the hills mal ausgenommen“, führte er weiter aus, „Aber das ist ja auch nicht richtig Party. Deswegen kann die Metalszene sich glücklich schätzen, dass Callejon so unbefangen an die Sache rangeht und mit ‚Man sprich Deutsch‘ kurz nach Neujahr diesen Dampfhammer rausbringt.“

So sieht der deutsche Truthahn auf dem Cover von Callejon aus (Copyright: Four Music)

So sieht der deutsche Truthahn auf dem Cover von Callejon aus (Copyright: Four Music)

„Hahahaha, ist das Tokio Hotel?“, lachte Heavy, „Ich kann mich noch erinnern, dass wir auf Festivals an unseren Zelten und Pavillons Poster von der Truppe pinnten, wie Kinderzimmer. ‚Durch den Monsun‘, … hahahahaha. Großartig! ‚Ich find dich Scheiße‘ war schon Hammer. Besser als Winnetou am Marterpfahl der Sioux. Und jetzt ‚Mein Block‘ in der Biohazard-Version. Leider geil, muss ich sagen. Metal-Hobbitse, geht nach Hause!“ Das hörte Julia, die vorm Tresen hervorkam und sich zu den beiden gesellte. „Tja“, hauchte sie, „Cool, dass ich die Promos schon vor der Veröffentlichung bekomme, weil wir eine Musikkneipe sind. Zufällig weiß ich auch, warum die Veröffentlichung trotz Partyfaktor noch Sinn ergibt. ‚Man spricht deutsch‘ funktioniert vor allem deshalb so gut, weil Callejon die Originale nicht nur einfach mit Geschrei und Bratgitarre nachspielt, sondern sie wirklich verstanden hat.“

„Wie das?“, fragte Gus ungläubig während „Alles nur geklaut“ von den Prinzen in der Dampfhammer-Version lief. Gus kennt Sebastian Krumbiegel sogar persönlich. Ein cooler Typ eigentlich, schoss es ihm durch den Kopf. Ob er die Callejon-Version des Prinzen-Klassikers kennt? Aber noch mehr Sinn als Party, wie kann das sein? Julia erzählte weiter: „Sie machen sich nicht lustig über das Ausgangsmaterial, sie setzen sich ernsthaft damit auseinander. Sie machen ‚Major Tom‘ nicht kaputt, sondern wecken die Erinnerung daran, weshalb man den Song früher so mochte. Sie führen einem vor Augen, wie erschreckend aktuell der Text von ‚Hier kommt Alex‘ ist. Und dass Callejon die Platte mit ‚Schrei nach Liebe‘ eröffnen, ist auch kein Zufall, sondern ein ganz bewusstes Statement.“

Heavy meldete sich zu Wort. „Na klar, Große, weil es doch diese Möchtegern-Nationalstolz-Deutschen von Frei.Wild & Co. gibt, die in Magazinen wie Metalhammer und Rockhard hofiert werden und die Schreiberlinge nicht erkennen, wessen Geistes Kind jene Combos anhängen. Davon will sich Callejon distanzieren, denke ich mal.“ Gus unterbrach ihn:“ Oar, ja Mann, diese Einheit-Bruderschaft-Familie-Kröten aus dem Südtirol gehen mir auch tierisch auf die Eier. Für mich persönlich ein Horror, dass diese Kunden so oft im Rock Hard in Schutz genommen werden. ‚Wir kennen die Jungs persönlich, und die sind nicht rechts.‘ Das war mein Opa auch, aber dann stolz seine Schrapnellverletzungen zeigen. Nee, nee. Ist schon in Ordnung, dass Callejon mit der Scheibe deutschlich sagt, dass die deutsche Sprache richtig cool und zudem noch nazifrei sein kann. Super, dass Bela B. bei ‚Schrei nach Liebe‘ mitmachte. Das kann ein Mag wie das Rock Hard nicht ignorieren. Bin gespannt, ob der gute Bela mal richtig vom Leder zieht. Von wegen Frei.Wild gesellschaftsfähig machen. Meinen Vorschlag, dass Bela B., der Broilers-Sänger und Campino mit Frei.Wild diskutieren, wollte das Mag ja nicht hören. Ich glaube, Campino und Bela haben auch keine Lust diesen Südtiroler  Freiwildrocker ohne Haare ein Podium zu geben. Good bye, Rock Hard.“

„Ich find‘ dich Scheiße, und das weißt du auch“, grölte Heavy, um seinen Unmut zum selbst ernannten Zentralorgan kund zu tun. Julia ist inzwischen wieder zur Bar gegangen und wiegte mit lasziven Bewegungen ihre Hüften zum Fanta-Vier-Cover „MFG“. „Jungs, man sieht sich zu Silvester. Lasst es krachen“, rief sie den beiden zu als sie in die Nacht hinaus gingen. „Hier kommt Alex“ krachte aus den Boxen. Heavy und Gus schwangen ihre Fäuste und stolperten mit der Liedzeile auf den Lippen ins Freie. „Jetzt finde ich die Hosen mal richtig gut“, johlte Gus. Beide verschwanden im Dunkeln.

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