Kneipengespräche: Entfesselte Priester in Japan

Judas Priest anno 1979 (Copyright: Fin Costello, Redferns/SonyMusic)Judas Priest anno 1979 (Copyright: FinCostello, Redferns/SonyMusic)

Judas Priest anno 1979 (Copyright: Fin Costello, Redferns/SonyMusic)

„Ich weiß nicht mehr wer das sagte. Aber ein Musikjournalist meinte, Ende der Siebziger wäre eine verdammt gute Zeit für Musikjournalisten gewesen“, sagte Heavy seinem Kumpel Gus. Beide saßen an diesem Weihnachtsfeiertag noch immer der Helheimkneipe. Die Dämmerung senkte sich inzwischen herab. Im Hintergrund lief immer noch ein Werk von Judas Priest.

„Ist eigentlich nicht jedes Jahrzehnt für Musikjournalisten ergiebig?“, fragte Gus etwas gelangweilt, „Warum ausgerechnet diese Zeit?“ Heavy lebte auf. Er hört nun so lange Musik, hatte neben Metal auch die Post-Punk-Phase der achtziger Jahre studiert und sich auch im Studium der Popmusik befleißigt. Der Mann kennt sich aber wirklich aus mit der Geschichte des Heavy Metal. Auf eine Idee wie die von dem Ethnologen Sam Dunn kam er trotzdem nicht. Er dachte gar nicht daran, eine Dokumentation über die „Evolution des Metal“ zu drehen.

„Ach, höre dir einfach dieses Live-Album an“, meinte Heavy, „Die Blaupause aller Heavy-Metal-Livescheiben überhaupt. ‚Unleashed In The East‘ dokumentiert Priest in ihrer besten Phase, bevor ‚British Steel‘ veröffentlicht wurde.“ Gus zuckte mit den Schultern, zog die Mundwinkel nach unten und entgegnete lapidar: „Das war ‚Live & Dangerous‘ von Thin Lizzy auch. Sogar die ‚Tokyo Tapes‘ von den Scorpions kann man als ultimatives Hardrock-Livealbum bezeichnen. Oder die Live-Compilations von Kiss, oder ‚Made in Japan‘ von Deep Purple und ‚The Song remains the same‘ von Led Zeppelin. Sie alle dokumentieren die jeweiligen Bands auf der Höhe ihrer Zeit. Irgendwie schwafelst du Unsinn, wenn du immer Priest über den Klee lobst.“

So sehen entfesselte Priester in Japan aus (Copyright: Columbia / Sony Music)

So sehen entfesselte Priester in Japan aus (Copyright: Columbia / Sony Music)

Heavy war wegen der Argumentation platt wie eine Flunder. Langsam hob er seine Stimme an und sagte zögerlich: „Aber das alles sind keine Metal-Live-Alben. ‚Unleashed In The East‘ war das erste in der Geschichte des Metal. Hör dir die Qualität dieser Aufnahme an und wie zeitlos frühe Songs wie ‚Tyrant‘ und ‚Victim Of Changes‘ zu diesem Zeitpunkt bereits waren. 1979 Mann! Diese Scheibe ist eine absolute Kanone und nimmt den Sound vorweg, den die Priester auf ‚British Steel‘ auslebten. Dagegen wirkt Iron Maiden’s ‚Live after Death‘ wie eine lahme Ente. Ich lasse allenfalls noch Motörhead’s ‚No Sleep ‚Til Hammersmith‘ gelten, weil das Album die ungehobelte Motörmaschine bestens eingefangen hat. Bei Priests ‚Unleashed In The East‘ war das nicht anders. Ich find’s jedenfalls saucool und perfekt. Besser geht’s nimmer.“

Gus, selbst langjähriger Metaller, konnte die Lobhudelei nicht mehr hören und dachte warum Heavy seine Frage nicht beantworten konnte oder wollte. Er erinnerte ihn noch einmal daran. Etwas platt fragte er: „Und was hat das mit deiner Frage zu tun, warum die Endsiebziger die beste Zeit für Musikjournalisten gewesen waren?“

„Ganz einfach“, erwiderte Heavy, „Damals war alles noch neu, Bands wie Priest beschritten neue Pfade. Dann kamen die New Wave Of British Heavy Metal und andere Wellenerscheinungen. Eine Flut von hoffnungsvollen Bands schwappte durch die Musikmagazine. Kein Wunder, dass ein Journalist wie Hunter S. Thompson so viel Aufwind bekam.“

Gus guckte seinen Kumpan ungläubig an und fragte: „Hat er was über Priest oder irgendeine Band geschrieben? So viel ich weiß erlebte er skurrile Abenteuer und berichtete im Rolling Stone-Magazin darüber. Daraus entstand sein Buch ‚Fear And Loathing in Las Vegas‘. Egal, – was kannst du denn über ‚Unleashed in the East‘ sonst noch erzählen, außer das, was bei Wikipedia geschrieben steht? Warst du bei den Aufnahmen dabei? Nicht? – Na also, – Halt also deine Klappe, trink dein Bier und genieße einfach die Musik und höre auf aus allem eine Wissenschaft zu machen.“

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