Kneipengespräche: My Dying Bride hat es vergeigt

Ein Fall für die Trauerberatung - My Dying Bride 2012 (Copyright: Peaceville)
Ein Fall für die Trauerberatung – My Dying Bride 2012 (Copyright: Peaceville)

My Dying Bride gilt als die musikalische Trauerweide überhaupt. Seit 1989 schluchzen die Damen und Herren von Album zu Album. Immer herbstlich gestimmt. Früher ging’s bei den sechs Eigenbrötlern derbe zur Sache. Da erlebte die Band noch einiges, mutmaßt Gus Eisen. Ihr Vokabular wurde über die Jahre immer überschaubarer. „Wie ihre Noten“, schlussfolgert der Helheim-DJ und MDB-Fan der ersten Stunde. „A map of all our failures“ das traurigste Resultat ihrer doch so eindrucksvollen Karriere.

Lange Zeit wandte Gus sich von den Briten ab. Bis er 2004 Aaron Stainthorpe im weißen Anzug auf der Parkbühne herum wirbeln sah. „The dreadful hours“ stellte eindrucksvoll unter Beweis, dass My Dying Bride es immer noch kann – den Spagat zwischen Death Metal und tieftraurigen Doom Metal. Während Aaron im Überepos „The whore, the cook and the mother“ noch über Sex in seiner reinsten Form sang, zog sich der lange Brite über die Jahre in übermäßigen Weinkonsum und Depressionen zurück. Rosen und Herzen liegen wahrscheinlich als Marzipangebäck vor ihm. So schien es zu kommen, dass Aarons Stimmungstiefs immer länger wurden, damit auch die Stücke von My Dying Bride. Inzwischen auf ein paar wenige Nötchen reduziert. Hymnen, Hits und Harmonien auf Rhythmuskorsette zurückgeschnitten, die die Band nackt und bloß zeigen. Der Verfall ist nah. Sogar die zügigen Todesmärsche fallen zahnlos aus. Das musikalische Laub ist von My Dying Bride abgefallen als ob ein anonymer Herbststurm ihre Äste endgültig abgefegt hätte.

So sieht 'ne Karte voller Fehler aus (Copyright: Peaceville)
So sieht ’ne Karte voller Fehler aus (Copyright: Peaceville)

Wo ist das Fleisch, der Saft, der Geist? Außer Leere – in textlicher und kompositorischer Hinsicht – bietet My Dying Bride auf „A map of all our failures“ wenig, um einen anspruchsvollen Fan wie Gus bei Stange zu halten. Er bevorzugt dann doch lieber Alben wie „34,788 % … Complete“, „As The Flower Withers“, „Turn Loose The Swans“ und „Songs Of Darkness, Words Of Light“. My Dying Bride ist gegen die alten Glanz- und Heldentaten anno 2012 zahn- und kraftlos geworden, raunt Gus in sich herein. Nur ab und zu blitzt die alte Klasse auf, wenn Aaron klagt und winselt wie ein Hündchen nach seinem Leckerli. Selbst Andrew Graighan verlernte es, der missmutigen Braut Leben einzuhauchen. Seine Gitarrenarbeit drückt nicht den Stempel auf wie er es noch 1998 auf „34,788 % … Complete“ tat. Schade drum, so bleibt der Titel „A map of all our failures“ als Motto für ein gelangweilt klingendes Album zurück, das bestenfalls als Worst Of dienen könnte. Das ist aber traurig genug für die melancholischen Briten, die beim Autogramme schreiben nicht zu den Fans aufblicken können. Wahrscheinlich ist die Truppe ihrer selbst überdrüssig geworden. Aber nach einem Herbst und einem Winter hält der Frühling Einzug. Vielleicht kleidet die sterbende Braut sich dann in ansehnlichere Gewänder. „So lange schauen wir uns die alten an“, meinte Gus im Zwiegespräch zu sich selbst. „My Dying Bride hat es mit dem neuen Kleid vergeigt.“

  • Künstler: My Dying Bride
  • Album: A map of all our failures
  • Veröffentlichung: 17. November 2012
  • Label: Peaceville
  • Webseite: www.mydingbride.org
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