Kneipengespräche: Paradox – Eine vergessene Thrash-Metal-Band aus Deutschland

Paradox anno 2012 (Copyright: AFM Records)
Paradox anno 2012 (Copyright: AFM Records)

„Wenn schon das bundesdeutsche Zentralorgan des Heavy Metal, „Rock Hard“, von den „Big Three“ des Thrash Metal faselt, glauben ihr das alle auch und plappern den Unsinn auch noch nach“, sagte „Heavy“ am Tresen einer Leipziger Kneipe über sein Bier gebeugt und blickte zu seinem Kumpel, der neben ihm sitzt. „Es ist paradox.“

„Was meinst du“, entgegnete „Heavys“ Kumpel und nahm einen Hieb aus seinem halbleeren Bembel. „Ach nischd“, zischte Paul, den alle irgendwann mal „Heavy“ nannten, weil er als 14-jähriger mit einer AC-DC-Schriftzug verzierten Kutte im Ferienlager in der Tschechoslowakei herumsprang. Halblaare Haare. Freiheit! Das Ende der DDR war nah. Damals ahnte nur keiner in dem von einem Gebirgszug umschlossenen Lager von den Vorgängen da draußen. Die Eltern holten ihre Kinder nur zum „Urlaub“ am Balaton ab. „Es gab doch mehr deutsche Thrashbands anstatt immer noch auf Kreator, Sodom und Destruction herum zu reiten. Was ist mit Assassin, Exumer, Living Death und Paradox?“, fragte der ursprünglich aus Aue stammende „Heavy“ – die einstige Hochburg für harte Musik in der DDR.

„Die anderen kenne ich noch. Aber wer zur Hölle ist Paradox?“, fragte ihn sein Kneipengenosse. Sein Blick schon gläsern. „Heavy“ hob seinen Kopf und schnaufte. Das einst so volle und wallende Haar hing ihm nicht mehr schwer auf die Schultern. Inzwischen ist es schütter und grau. An Stirn und Hinterkopf glänzen kahle Stellen zwischen den Stoppeln hervor. „Du kennst Paradox nicht?“, klang es dumpf und erstaunt aus seiner Kehle. „Heavy“ stellte sein Glas auf den glattpolierten Tresen aus Holzimitat. „1987 meinte Metal Hammer, dass das Debüt von Paradox das beste nach Helloweens ‚Walls Of Jericho‘ im deutschen Thrash-Bereich sei und du kennst Paradox nicht? Ich weiß noch, dass mein älterer Bruder sich damals die Scheibe in seinem Tape-Trader-Netzwerk besorgte. ‚Product of imagnation‘ hieß die, oder so.“ „Heavy“ führte seinem Kneipenkumpel aus, dass Paradox wohl die Hoffnung im melodiösen Thrash war. Pfeilschnelle Gitarrensoli wechselten sich mit wummernden Takten ab. Ihre zweite Scheibe „Heresy“ brachte Paradox weiter nach vorne, machte die Band weltweit bekannter. Langsam rutschte die Combo aus dem Underground.

"Tales Of The Weird" (Copyright: AFM Records)
„Tales Of The Weird“ (Copyright: AFM Records)

„Jetzt kommt das Paradoxe an Paradox“, hob „Heavy“ an, „Trotz Erfolg, gab es ständig Line-Up-Wechsel bis die Band sich 1990 herum auflöste. Die Band hatte 26 Mitglieder kommen und gehen sehen. Auch nach ihrer ‚Reunion‘ 1998. Seit 2000 ist die Band mit ihrem – naja – stabilsten Line-Up bei AFM Records und hämmert seitdem ein geiles Album nach dem anderen raus. Seit ein paar Tagen habe ich die neueste Scheibe bei mir zuhause. ‚Tales Of The Weird‘ heißt sie und ist super hart, hymnisch, episch, thrashy, heavy, ausgeklügelt, klassisch – einfach nur geil! Du mit deinem Kreator, Destruction und Sodom! Man sollte dir mit dem Rock Hard den Hintern versohlen! Big Three! Pahh!“

„Heavy“ zog eine CD aus seiner Lederjackentasche. „Hier, leg mal uff“, befahl er dem Tresentiger und sagte zu seinem Kumpel gewandt, „Hab ich schon vorab erhalten, weil ich so geile Rezis auf meinem Blog schreibe.“ Der Barmann guckte skeptisch auf das im klassischen Thrash-Style gehaltene Cover. „Los mach schon, besser als deine scheiß Trivium, die du immer hörst!“, schnauzte „Heavy“ den dürren Mann an. „Ja, ja“, knurrte dieser und schob die Scheibe in das CD-Fach seines Laptops rein, „Wenn die wirklich besser als Trivium ist, gebe ich dir einen aus.“ Wenig später stand ein frisches Bier vor „Heavys“ Nase. Dieses Mal brauchte er es nicht zu bezahlen.

Künstler: Paradox

Album: Tales Of The Weird

Label: AFM Records

Länge: 55 Minuten

Veröffentlichung: 14. Dezember 2012

Webseite: http://www.afm-records.de/artists/de/P/paradox.html

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