Feuerball im Boxring: Rammstein bringt Leipzig-Arena zum Beben – eine Rückschau

Der Boden bebt, als Rammstein loslegt. Oder sind es die Menschen, die auf und ab hüpfen? Der „Völkerball“ aus Berlin hat einen ohrenbetäubenden Walzer aufs Leipziger Parkett gebrettert und erwartungsgemäß abgeräumt. Ein herzliches Dankeschön schnarrt durchs Mikro nach Leipzig. Rammstein verbeugt sich, Leipzig springt auf. Es ist Tourneeauftakt. Ein Artikel vom 18. November 2011 für die Leipziger Internet Zeitung.

Die Masse walzt sich in die Arena. Der Abend des 17. November ist wirklich kalt geworden. Die Atemwolken der ankommenden Leute dampfen in die eisige Luft, während die Löwensecurity geduldig die Leute abklopft. Unter den Angereisten sind auch ein paar ältere Männer aus Thüringen, die durcheinander plappern. Sie sehen aus als hätten sie mehr gesehen als nur Wacken Open Air, Scorpions und Uriah Heep. „Weißt Du noch als Feeling B ein letztes Mal Konzerte gab?“, fragt einer der Männer den anderen aus seiner Gruppe.

„Nicht wirklich. Das muss schon 20 Jahre her sein. Aber es war hier in Leipzig, als Aljoscha auf der Bühne seine Runden drehte.“ Sein Kumpel lacht und sagt: „Ich weiß noch, wie ich den umher fliegenden Flaschen ausweichen musste. Das war wirklich heftig!“ – „Wie hieß der Klub gleich noch mal?“, … die Männer schauen sich ratlos an. „Egal! Rammstein!“ Feeling B.: Wer hätte je gedacht, dass aus dieser Punkband einst Rammstein entsteht und auch noch Leipzigs Rockfavoriten Nummer Eins Mitte der Neunziger – Think About Mutation – ausbootete.

Zunächst schauen die Drei auf ein munteres Treiben, als sie die Arena betreten. Gerade halb acht Uhr angekommen, startet schon die erste Truppe. Die Thüringer schauen köpfekratzend auf ihre Eintrittskarten. „Hier steht um acht Beginn“, stellt einer von ihnen fest. „Scheint noch eine Band dazwischen zu kommen.“ Keiner kann sich vorstellen, dass sie gegen halb elf wieder vor der Arena stehen würden, ihr letztes Geld zusammen kratzend, um es für Bier und Bratwurst auszugeben. „Ich hole Bier!“, meint derjenige, dessen Haar weiß ist und die Furchen in seinem Gesicht so tief wie die Regenwasserrinnen in der Sphinx in Gizeh. Gute Idee, scheinen die anderen zu denken und murmeln vor sich hin. Inzwischen rumpelt die skandinavische Rockband Deathstars los.

Der Weißhaarige kommt mit drei Messbechern voll Gerstensaft zurück. Die kühle Hopfenkaltschale gluckst nach einem kurzen Anstoß dreierseits die Kehlen herunter. Der Sänger der Deathstars gröhlt, faucht und zischt. „Leipziiig, are you ready for self-destruction?“, ruft es vorausahnend ob des kommenden Infernos aus den Boxen. Die Reaktionen sind verhalten. „Spread your legs babies, I give you tongues!“, schreit der Sänger in der schwarzen Lederjacke. Das Publikum ist relativ unbeeindruckt. Es schaut auf Mitstreiter, die breitbeinig da stehen, ihre E-Gitarren hoch halten und ihre langen Haare wie Windmühlenflügel hin und her schwingen. Man merkt schnell, dass dieses Lied Frauen gewidmet ist. Das nächste wendet sich deren Müttern zu. Das Licht blendet auf. Einige Mädels hören auf zu tanzen. Die Massen schieben sich nach vorne.

Dampf steigt auf. Der Fokus mancher Anwesenden richtet sich auf eine Rampe, die hoch oben über den Köpfen an der Decke schwebt. Das Licht blendet ab. Irritierte Blicke, dann ein Lichtkegel in Richtung westlichem Ausgang. Ein Boxerteam schreitet die Treppen hinab. Jubel. Von weitem erkennen die Leute Rammstein-Sänger Till Lindemann. Eine Sachsenfahne wird mit der schwarzen Rammstein-Fahne vorneweg getragen. Jemand hält eine Fackel in die Luft. Es ertönt Siegermusik. Lindemann macht sich locker. Das Publikum johlt. Langsam schreitet der Sechser in Richtung Mitte des Saals, wo sich besagte Rampe mit tosendem Lärm und funkensprühend herabsenkt. Auf diese steigen die sechs Männer. Technodröhnen. Die Gespräche verstummen – Leute klatschen in die Hände.

Lichtdome schwenken schmale Kegel durch den Saal. Die Band bereitet sich auf einen Boxkampf vor. Rammstein ist da und der Saal kocht vor Euphorie. Kreisrunde Spotscheinwerfer senken sich herab. Die Bühne ist hell erleuchtet. Feuer entflammt in flachen Kesseln, in denen es olympisch flackert. Die Band zählt bis Vier. Es geht los. „Sonne“ ertönt, Feuerbälle steigen auf. Till Lindemann sprüht Funken. Liebe ist eben eine Schlacht. „Keine Lust“ folgt. Lindemann dirigiert die Menge. „Sehnsucht“ wird wie die vorigen Titel vom Publikum lauthals mitgesungen. Zeile um Zeile. Darauf folgt „Rammstein“. Das Bild verwandelt sich vom Maschinenkammer-Look zur lebendigen Reptilienhaut. „Asche zu Asche“ findet seinen Platz in der Setlist. Es knallt, ein Schrei erschallt, ein Refrain wird gesungen. Es riecht nach Benzin und Feuer. „Feuer frei“ reißt die Arena von den Füßen. „Mutter“ folgt, gegröhlt von Frauen und Männern.

Till im Funkenregen. „Mein Teil“ führt noch einmal zurück zur kleinen Ermahnung am Esstisch: Du bist, was Du isst. Die Bühne verwandelt sich zu einem Flammenmeer, Funken spritzen, es knallt. Keyboarder Flake brennt der Hintern. Er wackelt zu seinem Keyboard. Einer der Thüringer bemerkt: „So beweglich war er bei Feeling B damals nicht.“ Rammstein hat sich inzwischen in ein feuerspuckendes und ölverschmiertes Monstrum verwandelt. Es brummt „Du riechst so gut“, Feuertropfen fallen nach unten, der Saal tobt: „Links 2-3-4“. Bierbecher schieben sich mittels erhobener Hände durch die johlende Menge. Flake läuft auf einem Laufband. Till dirigiert. „Du hast“ ertönt, die Arena bebt. Der „Haifisch“ zeigt seine Zähne während Flake im Schlauchboot auf den Händen der Fans schwimmt. Suchscheinwerfer rotieren. Dann wird ein Piano angeleuchtet. Gitarrist Richard Kruspe sitzt daran und schlägt einen Rhythmus.

„Bück dich“ hallt seine ersten Noten durch die Boxen. Die Rampe schwebt wieder nach unten. Schlagzeuger Christoph Schneider peitscht den Rest der Band zum Podest in der Mitte der Halle, wo Kruspe sitzt und klimpert. Till kann nicht an sich halten. Er muss sich paaren. Wie im Boxring steht nun der Sechser und legt los. Till spritzt Wasser aus seinem Schlauch. Vorher wurde das Publikum gegrillt, nun abgekühlt. Die Truppe steigt höher. Dann die Homophobie-Hymne „Mann gegen Mann“, worin Till Lindemann es ausspricht: „Schwuuuulääää!“ Zwischen seinen Beinen wedelt ein Gartenschlauch, der die Umstehenden benässt. Hier schreien die Fans besonders laut mit. Das langsame „Ohne dich“ reißt die Gäste mit. Es folgen Verbeugungen, Winken. Letzte Töne drückt Flake auf seinem tragbaren Keyboard während der über die Rampe zur Bühne läuft. Die Truppe reiht sich auf, verneigt sich. „Leipzig! Vielen Dank!“ Der Weißhaarige schmunzelt. „Pünktlich um Zehn fertig! Da kann man ja seine Uhr danach stellen!“

Nach diesem regulären Konzert folgt ein Pfeifkonzert. Die Menschen rufen „Zugabe!“. Auch die Thüringer pfeifen mit. Stampfen ertönt. Ein riesiger Ventilator senkt sich über die Bühne herab, „Mein Herz brennt“ wird angestimmt, die Masse hüpft bei „Amerika“ auf und ab. Sie stimmen im Refrain ein und recken ihre Hälse. Vorne passiert einiges, aber immer mehr Männer heben ihre Frauen auf ihre Schultern, damit diese besser sehen können. „Ich will“ kommt als nächstes. Jetzt klatscht, singt und hüpft die Masse auf einmal. Till will alle Arme oben sehen. Dem Befehl folgen alle. Wer das nicht macht, schaut auf ein dunkles Dickicht. Wieder jähes Ende. Ohne Tritt geht die Band ab. Lange rufen die Angereisten nach einer weiteren Zugabe. „Vielleicht spielen sie jetzt das neue Lied!“, frohlockt schon eine junge Frau, die sich neben die Thüringergruppe vorbei schiebt.

Das Licht dunkelt wieder ab. Ein Aufschrei aus tausenden Kehlen signalisiert, dass Rammstein doch noch einmal zurückkommt. „Engel“ pfeift aus den Boxen. Till Lindemann steht mit riesigen Engelsflügeln vorm Mikro. Aus den Flügeln schießen Flammen. „Pussy“ rollt danach über die Köpfe hinweg. Jetzt zertrümmert Till seinen Mikroständer. Das macht er so plötzlich, dass Gitarrist Paul Landers in Deckung flüchten muss. Das plante sicher niemand. „Geil, jetzt ist es fast so wie bei Feeling B!“, ruft einer aus der Gruppe voller Begeisterung.

Landers lächelt. Das kann man sogar von ganz hinten sehen. Ihm macht das ganze Spaß. „Jetzt kommt die Spermaspritze!“ Frauen wie Mädchen kichern und winden sich vor Lachen. Lindemann rollt am Bühnenrand eine riesige Peniskanone hin und her aus der Schaum spritzt.

Das Lied verklingt. Rammstein verneigt sich. Paul Landers schnarrt ein „Leipzig! Vielen Dank herzlichst!“ Die Masse zerstreut sich flugs in die kalte Nacht.

„Immerhin flog eine Flasche ins Publikum“, meint einer der Thüringer. Er trinkt sein Bier aus. „Ja“, entgegnet der Weißhaarige von ihnen. „Aber die hatte Till Lindemann geworfen. Wäre ich Aljoscha gewesen, hätte ich die Wasserpulle auch weggeschmissen.“ Ihre Gesichter sehen zufrieden aus.

Nur „Mein Land“ hat die Band nicht gespielt. Ein kleiner Wermutstropfen vieler. Wäre auch ein Jux geworden, wenn die Rammsteine den aktuellen Videoclip live umgesetzt hätten. Um eine Erkenntnis reicher sind die Gäste angesichts der Songauswahl: Ganze sechs Lieder vom „Mutter“-Album. Die Rammsteine müssen das Album vergöttern.

Am 18. November rollen die Feuerbälle erneut durch die Leipzig-Arena. Und am 17. November war ja nur der Tourneeauftakt. Der ist natürlich furios, obszön, schön geraten.

Setlist am 17. November 2011 in der Leipzig Arena
Sonne
Keine Lust
Sehnsucht
Rammstein
Asche zu Asche
Feuer frei
Mutter
Mein Teil
Du riechst so gut
Links 2-3-4
Du hast
Haifisch
Mann gegen Mann
Ohne dich

Zugabe 1
Amerika
Ich will

Zugabe 2
Engel
Pussy

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