Progressiver Metal aus der Bachstadt, Interview mit Mourning Rise – die erste EP und eine Menge Ziele

Mourning Rise (Copyright: Mourning Rise)
Mourning Rise (Copyright: Mourning Rise)

Leipzig ist voller Metalbands, so dass man fast von einer Hochburg sprechen kann. Jedoch nur zwei von Ihnen sind aktuell auch ausserhalb der Stadtgrenze wirklich bekannt. Dark Suns und Disillusion – nun kommt Nummer 3. Denn im direkten Umfeld wächst mit Mourning Rise eine weitere progressive Hoffnung heran. Ein interview für die Leipziger Internet Zeitung vom 20. August 2008.

Nach der Veröffentlichung eurer ersten EP „Five Ways To Illuminate Silence“ möchte ich euch fragen, wie ihr so ein schräges aber dennoch songdienliches Werk schreiben und aufnehmen konntet. „Five Ways …“ ist doch schon etwas Besonderes, hebt sich aber auch krass von allen anderen progressiven Veröffentlichungen aus dem mitteldeutschen Raum ab. Eigentlich klingt keine Band so wie ihr. Und dann schon beim Debüt, … das ist echt eine Seltenheit heutzutage. Wie kommt’s?
J.Case: Gänzlich unbescheiden würden wir an dieser Stelle postulieren, dass das geplant war. Tatsächlich hat es sich aber ein wenig so ergeben. Das liegt zum einen daran, dass wir ganz unterschiedliche Charaktere in der Band sind, mit unterschiedlichen musikalischen Hintergründen und der Schaffensprozess durch gepflegte Anarchie geprägt war. Das bedeutet, dass alle an allen Songs mitgearbeitet haben und wir solange daran geferkelt (O-Ton) hatten bis Konsens herrschte. Dadurch sind auch die unterschiedlichen Vorstellungen von jedem einzelnen mit eingeflossen, was man ja dann auch hört. Auf der anderen Seite wollten wir uns auch von dem klassischen Songaufbau lösen und die Strukturen der verschiedenen Musikrichtungen hinter uns lassen. Folge hier von war die relativ hohe Zahl an unterschiedlichen, sich häufig abwechselnden Songteilen. Im übrigen aber danke ich Dir für das Kompliment.
Am 1. August habt ihr kräftig im Leipziger „Helheim“ eurer Record-Release gefeiert. Was hat denn euch am besten gefallen an diesem Abend?
J.Case: Die Anzahl an Freunden und Gästen, die da war, hat uns schon positiv überrascht. Aber unabhängig davon eigentlich, dass es den meisten auch gefällt. Im Ernstfall ist das wichtiger als irgendein Review. Das und die Tatsache, dass die Party sich bis in die frühen Morgenstunden hinzog und das Helheim wirklich rappelvoll war.
Beschreibe doch mal den Aufnahmeprozess für „Five Ways …“. Bei euch waren nämlich massig Gäste zu Besuch. Das müsst ihr doch alles unter einem Hut bekommen, ohne den Überblick zu verlieren.
J.Case: Der Aufnahmeprozess hat sich höchst unkompliziert vollzogen. Dass wir noch Gäste dazu holen wollten, wussten wir schon vorher. Während der Aufnahmearbeit hat sich dann herauskristallisiert an welcher Stelle noch der eine oder andere Gast zu hören sein wird. Nach dem die Rohproduktion abgeschlossen war, sind sie dann gekommen, die Heerscharen, und haben ihr Scherflein unter der Regie von Schmidt (Andy, Kick The Flame-Studio, Disillusion, Anm. d. Verf.) beigetragen.
JCase Mourning Rise (Copyright: Mourning Rise)
JCase Mourning Rise (Copyright: Mourning Rise)
Supreme Chaos Records muss über eure Songs sicher erstaunt reagiert haben. Jedenfalls überrascht ihr bis jetzt jeden und alle mit „Five Ways …“ Kalkulierte Überrumpelungstaktik?
J.Case: Kalkuliert eher nicht. Das würde bedeuten, dass wir einem kongenialen Plan gefolgt wären. Tatsächlich, und an dieser Stelle folgt die unvermeidliche Beschwörung des wahren Musikergeistes, wollten wir die Musik schaffen, die uns gefällt, die wir primär gern hören würden. Zu SCR und dem großartigen Labelchef sind wir eigentlich wie Mutter Maria zum Kind gekommen, also unverhofft (Windbestäubung lag auch nah, ist aber nicht zutreffend). Rajk (Disillusion) vom Kick the Flame Verlag hat ein Promo Paket fertig gemacht, unsere CD mit reingelegt und etwas später hat sich dann Robby gemeldet und uns wissen lassen, dass ihm die Musik außergewöhnlich gut gefällt und er uns gern unterstützen würde. Damit haben wir uns bei der Labelsuche eher an Nietzsche gehalten: “ …als ich des Suchens müde ward, erlernte ich das Finden.“ Und sind gleich zum entspannten Teil übergegangen.
„Scouting High Ways“ ist im Gegensatz zu den anderen Songs etwas dunkler geraten. Für mich ragt dieser Song heraus, auch wenn er es neben „Katharsis“, „Leaves“ und „Dead Notes“ ziemlich schwer hat.
J.Case: „Scouting“ stellt das Ende der Reise dar. Die verschiedenen Ideen werden aufgegriffen einer neuen Bearbeitung zugeführt und dem Ende zu geleitet. Tatsächlich ist auch die textliche Seite, also die“ Ich Reflektion“, ein schmerzhafter Prozess der in der Gestaltung der Musik seinen äquivalenten Ausdruck findet. Uns schwebten Bilder von etwa dem Film „Lost Highway“ vor, als wir den Song gestalteten. Ich glaube fast, dass „Scouting“ mit das meiste Potential hat. „Katharsis“ und „Leaves“ sind dem gegenüber recht eindimensional gestaltet und bieten dem Hörer beim ersten Hören fast schon vertraute Strukturen an. „Dead Notes“ ist unserer Meinung nach der härteste Track uns stellt in Anklängen auch eine Reminiszenz zu alten Faves dar.
Eine Live-Umsetzung der fünf Songs dürfte sich schwierig gestalten. Habt ihr schon darüber nachgedacht? Spielt ihr nur als „Kernband“ (bestehend aus dir, Nico, Dem K, Niko, Max und Rika) oder würdet ihr ähnlich verfahren, wie auf eurer EP oder wie Dark Suns bei ihrem UT-Auftritt im März diesen Jahres. Also massig Gäste und mal auch Klamauk?
J.Case: Zunächst einmal sind wir keine klassische Live Band, da sowohl die Umsetzung der Musik in personeller als auch in tatsächlicher Hinsicht recht kompliziert ist. Der „Durchschnitts“-Auftritt ist darüber hinaus auch relativ langweilig. Allerdings haben wir in ferner Zukunft tatsächlich Auftritte geplant. Diese sollen dann allerdings auch aus den Rahmen der kommerziellen Auftritte herausfallen. Bedeutet einige Überraschungen. Mehr möchte ich an dieser Stelle aber noch nicht verraten.
Eure EP ist nun draußen, ist marktbereit und muss sich den Kritiken stellen. Wie sieht es denn mit den Reflexionen aus? Wie kommt so ein fetter Prog-Brocken bei den Kritikern und Fans an?
J.Case: Wie bereits gesagt, dass entscheidende für uns sind eigentlich die Meinungen und Eindrücke von Freunden. Es bedeutet uns mehr, wenn ein Freund kommt und sagt, es hat ihm gefallen, es bewegt ihn als wenn irgendwo im fernen Untergrund ein Rumoren zu hören ist. Das was also an Kritiken kommt ist ein netter Nebeneffekt, der aber ursprünglich beabsichtigt war. Der Rezensent des Legacy hat das schon treffend erkannt, dass für uns kommerzielle Aspekte, wie eben auch Verkäuflichkeit, zweitrangig sind. Trotzdem freuen wir uns über gute Rezensionen, wer auch nicht. Dazu lässt sich bislang sagen, dass wir gerade aus Frankreich und Ungarn sehr positive Reaktionen bekommen haben. Aus Deutschland ist das Feedback bislang auch deutlich positiv. Auf unseren ersten Verriss sind wir aber übrigens genauso stolz …
Außerdem ist ja eine EP nur ein Appetithappen auf ein kommendes Album. Da gibt es bestimmt schon Ideen …?
J.Case: Wir sind momentan dabei neue Ideen und Gedanken zu sammeln und einzelne Fragmente neu zu strukturieren. Von einer auf die Produktion fokussierten Arbeit kann man allerdings noch nicht sprechen. Jedenfalls ist klar, dass wir uns musikalisch verändern werden und verstärkt Richtung Osten tendieren. Auch die Musik wird sich dann anders darstellen und weniger Chansonelemente enthalten. Wer weiß, vielleicht kredenzen wir eine Hommage an die Anfänge des Black Metal und garnieren das mit Versatzstücken einer japanischen Oper …
Klingt auf jeden Fall sehr spannend. Wann ist es denn für euch soweit, wieder ins Studio zu gehen? Werdet ihr euch wie bei der EP etwas besonderes einfallen lassen?
J.Case: Da wir wie gesagt erst am Anfang sind, lässt sich dass noch nicht genau sagen, wann wir wieder das Studio entern werden. Momentan warten wir auch noch ein wenig auf die Reaktionen der europäischen Presse.Überraschungen sind aber garantiert. Unsere Planungen reichen von einem russischen Kosakenchor, über die Verpflichtung eines DJs bis hin zu der originalen Verwendung von fernöstlichen Saiteninstrumenten. Möglicherweise wird aber auch alles ganz anders.
Dann hoffe ich für euch weiterhin kreative Ergüsse und bleibt wie ihr seid. Leute wie ihr, die solche Musik machen sind einzigartig. Aber eines möchte ich noch zum Schluss wissen von euch. Wie heißt eurer Motto für eure künftige Musik?
J.Case: Nach dem wir uns auf der ersten Veröffentlichung dem poststrukturalen Konvergenzpop verschrieben haben, widmen wir uns nunmehr dem elitären Kulturnihilismus. Die Begrifflichkeiten sind dabei aber nicht eng zu sehen. Schließlich geht es immer auch um den gewissen Aspekt Schwarzen Humors. Das Kompliment mit der Einzigartigkeit können wir an der Stelle aber nur zurückgeben, es braucht auch Leute wie Dich, die diesen Weg begleiten und durch einen eigenen Ansatz die Entwicklung der Musikszene auch in Leipzig mittragen.
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