Misfits im Rückspiegel: Durch Zufall kommt Halloween

Misfits 1981 (Copyright: Misfits)
Misfits 1981 (Copyright: Misfits)

Durch Zufall entdeckte ich an Halloween 2012 eine Truppe, die ich schon längst hätte entdecken sollen. Misfits, die Horrorgang aus New Jersey. Eben jener US-Bundesstaat, der an diesen Herbsttagen vom Wirbelsturm „Sandy“ so gebeutelt wurde. Misfits – das einstige Zuhause von Muskelröhre Glenn Danzig. Ein Stück Punk- und Heavy-Metalgeschichte.

Misfits lief mir das erste Mal als Coverversion von Metallica über den Weg. „Last Caress“ hieß das Stück, das bei mir rauf und runter lief. Hätte ich mich 1990 mit der 1977 gegründeten Gruppe näher beschäftigt, dann hätte ich gewusst, dass Metallica-Frontmann James Hetfield nach seinen Kreischattacken auf dem Metallica-Debüt „Kill ‚Em All“ den frühen, raueren, rockigeren Sangesstil von Glenn Danzig neben den von Sean Harris von Diamond Head langsam aber sicher übernahm. Frühestens auf der „Garage E.P.“ von 1987 konnte man das hören, spätestens auf dem „Black Album“ und den nachfolgenden „Load“-Scheiben.

Mit Danzig beschäftigte ich mich Mitte der neunziger Jahre gründlicher – vor allem mit seiner „I-II-III“-Albumreihe. Jetzt schreiben wir anno 2012 und zu Halloween höre ich zum allerersten Mal das angeblich nie veröffentlichte Debüt von Misfits namens „Static Age“. Ein rumpelnder Bruder der Ramones aus New York – Surfrock-Attitüde mutiert mit Muskelspielen, Horrorgeschichten und Schminke zu einem Kraftprotz, der 43 Minuten lang auf die Lauscher wummert.

Der perfekte Soundtrack, den der Musikliebhaber sich unbedingt neben die frühe Werke der Dead Kennedys, The Ramones, Venom und The Damned, Motörhead und Tank stellen sollte. Komisch nur, dass das 1979 erschienene oder nicht erschienene Debütalbum lange warten musste, bis der Nachwuchs in Form von „Walk Among Us“ das Licht der Welt erblickte. 1982 war das. Dabei war die Truppe aktiv, saß in Teilen sogar im Knast.

1982 besaß Misfits aber genug Pfeffer, das sogar den kratzbürstigen Charme des Erstlings übertraf. Reizvoll empfinde ich auf Dauer die Musik des amerikanischen Quartetts nicht unbedingt. Dennoch dürfte für viele gelten: keine Horrorparty ohne Misfits. Als Glenn Danzig die Misfits auflöste, dann Samhain das Zeitliche segnen ließ und solo als „Danzig“ weitermachte, begann die Sache für mich interessanter zu werden. Aber das ist eine ganz andere Geschichte, die ich woanders ausführlicher erzählen möchte.

An der Stelle darf auch ein kurzer Einblick in das Schaffen der Misfits nicht fehlen. Inzwischen sind alle Studioalben auf Youtube komplett hörbar, so dass die Kaufentscheidung welches Album man sich zulegt und welches nicht, leichter fallen dürfte.

Misfits - das berühmte Logo (Copyright: Misfits)
Misfits – das berühmte Logo (Copyright: Misfits)

Unverzichtbar

1979 erschien „Static Age“ – oder besser gesagt, es war auf dem Schwarzmarkt erhältlich. Das Studioalbum versprüht einen rauen Charme, der nicht ausgefeilt, aber dadurch interessant wirkt. Der Zweitling „Walk Among Us“ ist zwar besser produziert, aber erscheint gleichzeitig zu poliert für die Horrorpunk-Gründer. Auf „Static Age“ befindet sich auch der Hit „Last Caress“, den James Hetfield ja so gut fand. Der Rest würde eingefleischte Punks überzeugen – auf mich wirkt die Musik der Misfits auf Dauer zu monoton.

So ist es auch mit den folgenden Alben bis einschließlich „Earth A.D.“, welches den Hit „Die Die my Darling“ enthält, den James Hetfield auch gut fand und deswegen mit Metallica auf den zweiten Garagensampler von 1998 verwurstete.

Die musikalische Reise von Glenn Danzig fing für mich erst mit seinem Solotrip an. Auf den Alben „I“, „II: Lucifuge“ und „III: How The Gods Kill“ konnte er sich lyrisch, kompositorisch und gesanglich verbessern. Der einstige „Samyael“-Darsteller aus dem zweiten „God’s Army“-Streifen ging weg von den schnellen Haudraufnummern hin zu knochentrockenen Rockern, die wuchtig aus den Boxen rumpeln. Nach der wahnsinnig guten Albumreihe sackte auch Danzig in Experimente und Ausflüge ab, die seiner Karriere eher schadeten als förderlich waren. Seine nicht gerade erhellenden Statements in Interviews waren auch nicht gerade Speicher von Weisheit, Wissen und Güte. Oft war Danzig in Schlägereien verwickelt. Erst mit dem Album „Deth Red Sabaoth“ von 2010 unternahm er einen interessanten musikalischen Schritt, der ihn hoffentlich wieder zu Qualitätsscheiben seiner wichtigsten Phase zwischen 1980 bis 1992 führt.

Verzichtbar

Nach der ohne Danzig erfolgten Reunion der Misfits 1995 erschienen einige Alben, die laut Gründungsmitglieder Danzig und Doyle Wolfgang von Frankenstein nicht der Rede wert seien. Zumindest nach der Zeit als Doyle ausstieg. Ihr Auftritt beim Wave Gotik Treffen 2011 war kein triumphales Zeugnis – obwohl das Konzert gut besucht war und der typische Rumpelsound geboten wurde. Der immer noch hohe Zuspruch für die Misfits zeigt aber, dass die Gruppe immer noch einen Kultstatus in der Szene besitzt. Wer aber Musik hören will, sollte sich lieber an die Danzig-Alben halten oder darauf warten, dass die Misfits mit Danzig über die Bühnen der Welt ziehen.

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