Feinde deiner Feinde: Frei.Wild zum Abschuss freigegeben

Frei.Wild (Copyright: SPV)
Frei.Wild (Copyright: SPV)

Die Böhsen Onkelz fand ich wie die Toten Hosen schon immer Scheiße. Das hatte was damit zu tun, dass vor zwanzig Jahren meine Freunde sich mit Meinungen dieser Gruppen schmückten und damit hausieren gingen. So fängt Ideologie an, dachte ich mir und ließ Onkelz und Hosen sein. Immer sind die anderen Schuld an der eigenen Misere. Zu einfach. Weg damit!

Wenn Stephan Weidner sagt, eine Gruppe wie Frei.Wild ist identitätslos, dann wird er wohl Recht haben. Frei.Wild aus Südtirol macht genau das, was Deutschlands liebste Feinde jahrelang selbst fabrizierten: Deutschrock mit Brass und ein wenig Tümelei. Heimat und so. Zuhause sein und noch einiges aggressiveres, was den Böhsen Onkelz den Ruf einer Rechtsrockkapelle einbrachte. Davon versuchte sich die Gruppe immer zu distanzieren. Klappte nicht. Aber große Teile der „unpolitischen“ Metalgemeinde schlossen die Gruppe ins Herz.
Der ex-Onkelz-Bassist Stephan Weidner machte beim Lauschen eines der neuen Frei.Wild-Songs beim „Rock-Hard“-Hörgerätecheck keinen Hehl daraus, dass er den musikalischen Stil langweilig findet. Muss er ja auch sagen. Hatte er ihn ja jahrelang selbst spielen müssen. So kämpferisch-taumelnde Gassenhauer mit larmoyanten Texten über Leute, die gegen die Wände der Gesellschaft laufen. Außenseitermusik, die gegen die Bürgerlichkeit grölt und ein Gemeinschaftsgefühl unter seinesgleichen sucht – Randsteher der Gesellschaft, chancenlose Verlierer, Leute, die schon in der Schule auf der Abschussliste standen.
Nach der Auflösung der „Onkelz“ sprang irgendwann „Frei.Wild“ in die Rolle des Opfertiers der „Nation“. Also die Nation, welche die Band als Nation definieren möchte. Wer auf die Herkunft von Frei.Wild blickt, kommt ins Schmunzeln. In der italienischen Provinz und ehemaligen österreichischen Enklave Südtirol – quasi der Fliegenschiss der einstigen k.u.k.-Monarchie – beheimatet, verschreibt sich die 2001 gegründete Truppe der deutschen Sprache und Identität. Darauf beharrt die Gruppe auch, weil die südtirolischen Bandmitglieder sich als Deutsche und nicht als Italiener sehen. Lustig, weil viele der „Deutschsüdtiroler“ lieber in die südbairischen Sprachdialekte zurück fallen und „Deutsch“ nicht als identitätsstiftend ansehen. Da hat man es wieder: Bergvölker neigen zur Abschottung, so die gemeinläufige Meinung.
Schaut der Hörer auf die Texte, liest er Phrasen über „ewig währende Freundschaft“, „Seite an Seite einstehen“, „gegen falsche Freunde sein“, „alle dumm außer wir“ und so weiter. Als rechtsnationale Deutschrockband sieht sich „Frei.Wild“ aber nicht, wenn auch die Gruppe 2008 in die Schlagzeilen geriet, weil sie bei einer Veranstaltung der rechtspopulistischen Partei „Die Freiheitlichen“ auftreten wollte. Der Frei.Wild-Sänger soll ihr angehört haben. Das Management zog schnell die Konzertzusage zurück. Irgendwie war das Ganze doch nicht so toll aus der Sicht des Sängers, hieß es noch von ihm.
Derselbe Sänger war auch Mitglied der Rechtsrocker von „Kaiserjäger“. Alles vergessen und vergeben? In der Heavy-Metal-Szene schaut man gern über solche Dinge hinweg – man ist ja unpolitisch. Ist ja nur ein bisschen Provokation, … und so. Genau das ist der Hebel, den neofaschistische Klüngel gern nutzen wollen, um ihren nationalistischen Sand in die Augen der Unbedarften und Unpolitischen streuen zu können. Hübsch verpackt in pfiffige Rhythmen, Bläsereinsätzen, eingängigen Texten mit einer einfachen Botschaft und Vierviertelpauke.
„Boah, ich hab den Dünnpfiff so satt“, entfuhr es kürzlich einem Freund von mir als er „Feinde deiner Feinde“ mithörte. „Dieses Getue! Leute, hört auf, Musik als ideologisches Medium zu benutzen!“, meinte er noch beim Ausschalten der Anlage. Dabei muss ich zwangsläufig die vier Musiker zitieren: „Ich werd die Scheiße nicht Fressen / Und sage was ich will“. Dass ich mich dafür fremdschäme, weil ein in der BRD führendes Metal-Label den musikalischen Harzer Roller als Wahnsinnstorte auftischen will, sei mal dahin gestellt. Verträge kann man ja wieder kündigen. Dass Leute sich den geistigen Ausfallschritt auch noch freiwillig antun, lässt sie für ideologischen Schwachsinn anderer Art zum Abschuss freigeben. Aber wir leben in einem freien Land wo jeder hören mag was er will. Nachdenken hilft aber auch bei „Frei.Wild“. Schadet ja auch generell nicht, Denksport zu machen. Sechs! Setzen!

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