Mob Rules: Die späte Würdigung des Kannibalen Bokassa

Mob Rules aus Norddeutschland möchte ein anspruchsvolles Konzept  stricken (Copyright: AFM Records/Mob Rules)

Mob Rules aus Norddeutschland möchte ein anspruchsvolles Konzept stricken (Copyright: AFM Records/Mob Rules)

„Einer der neuen Songs, der textlich durch die Gräueltaten des afrikanischen Despoten Jean-Bédel Bokassa inspiriert wurde, heißt so. Wir fanden den Titel cool, also ab dafür!“, begründet eine deutsche Power-Metalband dieser Tage die Wahl auf ihr Albumtitel „Cannibal Nation“.

Könnte jemand dieses Statement in den falschen Hals bekommen? Immerhin war Jean-Bédel Bokassa im 2. Weltkrieg nicht nur Soldat der französischen Armee und beteiligte sich an der Befreiung Frankreichs von den Nazis. Bokassa war nach dem Krieg seit 1966 Präsident der Zentralafrikanischen Republik und später bis zum seinem Sturz 1979 Kaiser des Zentralafrikanischen Kaiserreichs. Danach flüchtete er ins Exil nach Frankreich.

Der selbsternannte 13. Apostel Jesu fürchtete das Todesurteil, weil er in seinem Staat die Bürger massenhaft foltern ließ und persönlich auch bei Folter- und Tötungsaktionen an Kindern selbst mit Hand anlegte. Außerdem wird ihm Kannibalismus nachgesagt. Nach seiner 1986 erfolgten Rückkehr in die Zentralafrikanische Republik wurde er zu 20 Jahren Haft verurteilt, die 1993 mit einer Generalamnestie infolge der Rückkehr der Zentralafrikanischen Republik zur Demokratie vorzeitig endete.

Warum entscheidet eine deutsche Metalband sich für so ein Thema? Weil’s gut klingt? Dass Death Metal als bluttriefende Textmaschine nicht gemeint ist, dürfte hinlänglich bekannt sein. In den USA ist Mob Rules längst Kult, sagt die Band von sich selbst. Warum also ein Lied über einen mordenden Despoten, der kleine Kinder folterte und vermutlich auch aß? Beweise für seine Anthropophagie gibt es nicht. Cool oder einfach eine tragische Geschichte?

Warum suchen Musiker sich nicht die Perspektive des Opfers aus, was ist so faszinierend an einem Mörder? Das ist eine Frage, die sich durch die Geschichte des Heavy Metal durchzieht wie ein roter Faden. Die US-Metalband Slayer vertonte 1986 die Schrecknisse des Auschwitz-Doktors Dr. Mengele und löste selbstverständlich eine Kontroverse aus, die bis heute noch hervor quillt. Die Frage muss sich auch die irische Hardrockband Thin Lizzy gefallen lassen, die 1981 ein Lied zu dem bizarren „Gott“ in Weiß schrieb. Dann die unzähligen Horden an Death Metal- und Grindcore-Bands, die sich in allen Abartigen ergehen, die ein Mensch allein nicht ausdenken kann. Die immer wiederkehrenden Kriegs- und Zerstörungsthemen müssen einen tatsächlich fragen lassen: Geht es um das Mahnen oder Verherrlichen?

Vorbei die Zeiten als Metalbands noch über Literatur und gesellschaftliche Probleme (Iron Maiden), in Scherben liegende Hoffnungen und Wünsche (Judas Priest) und Verfehlungen der Justiz, Wirtschaft und Politik (Metallica, Megadeth, Kreator) sangen? Gewaltdarstellungen, Sexismus und Satanismus gehörten in Metal-Texten jeher zum Kanon einer „normalen“ Metal-Band. Hier gilt wie im Neofolk das Vergnügen mit Unbehagen. Nur dass im Heavy Metal alles viel übertriebener, kitschiger und gestelzter präsentiert wird. Die Prosa sich der Polemik unterordnet. So kommt es wahrscheinlich, warum eine Gruppe wie Mob Rules nicht vorab darüber aufklärt, worum es bei dem Titel „Cannibal Nation“ und der skurrilen Führerfigur Bokassa geht, außer einem „cool, ey“.

Musikalisch passiert auf „Cannibal Nation“ außer hymnischen Pathos und barocktriefenden Geifer nicht außerordentlich viel. Dreht sich thematisch nur der Song „Cannibal Nation“ um Bokassa. Überwiegend rotiert sich die Textmasse um andere „erbauliche“ Themen wie die Verschleppung der kolumbianischen Politikerin Ingrid Betancourt. Darüber schreibt aber die Masse an Metal-Textern nichts. Ein schnelles „Doch kommen wir mal zur Musik…“ reicht nicht aus, um eine wahre Problematik zu begreifen: unreflektiertes Thematisieren von Ereignissen, die künstlerisch nicht verwertbar sind und keine Würdigung der Opfer besitzen.

Für Freunde von eingekniffener Männlichkeit in zu engen Hosen und Stimmbändern, die den Belag missen lassen, wird „Cannibal Nation“ ein anspruchsvolles Werk sein. Für mich überwiegt die Skepsis, weil Thema und dessen musikalische Verarbeitung in einigen Stücken am Ziel vorbeischießen. Aber vielleicht bin ich ja auch im Unrecht und habe etwas in den falschen Hals bekommen.

Künstler: Mob Rules
Album: Cannibal Nation
Veröffentlichung: 19.10.2012
Plattenfirma: AFM Records
Webseite: AFM Records/Mob Rules

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