Angra: Erreichte Horizonte mit gesungener Frauenquote

Angra: Best Reached Horizons (Copyright: Angra/Steamhammer)
Angra: Best Reached Horizons (Copyright: Angra/Steamhammer)

Als Judas Priest 1977 mit dem Joan Baez-Stück „Diamonds And Rust“ auftauchte, gab es keine Vorbehalte, dass ein Mann ein Frauenlied singt. Sänger wie Rob Halford waren lange genug Beweise dafür, dass die Metalszene keine Frauen benötigt. Sangen sie doch schon so. Seitdem die Runaways, Girlschool und Doro existieren wuchs die Frauenquote. Dennoch bleibt der Fistelgesang bei Männern angesagt. Angra aus Brasilien ist so ein Grüppchen. Die Band wagte sich sogar an Kate Bush.

Als ich Heavy Metal intensiv zu hören begann, gab es solche Gruppen wie Helloween und andere Truppenteile, die aus Heavy Metal eine Barockoper zu machen versuchten. Fehlte noch der Rüschenkragen, die gepuderte Perücke und die Maskerade aus Hackenschuhen, glitzernden Fracks und dem aufgeklebten Leberfleck, stellte ich mir vor – und lehnte so ein pompöses Tamtam strikt ab. Der Furor des Heavy Metal erstarrte zu einer gekünstelten Pose, die kaum noch Bewegungsspielraum zuließ. Das lebte nicht, das war tot. Zum Glück knarzte Death Metal dazwischen und schüttelte den Puppenmetal gehörig durch. Der klassische Klang, den wir seit den Siebzigern und frühen Achtzigern kannte, bekam wieder Biss. Neben Virgin Steele gibt es eine weitere Band, die als Vorreiter oder Wiederbelebungsversuch des Barockmetal gilt: Angra.

Seit 20 Jahren gibt es die Band schon. Habe ich nur am Rande mitbekommen, muss ich zu meiner Schande gestehen. Seit 1993 tritt Angra auch mit interessanten Studioalben in Erscheinung. Das fasst Angra in einer Liedersammlung zusammen, die sich auf zwei CDs erstreckt. Auf „Best Reached Horizons“ ist all das versammelt, was das zarte Metallerherz höher schlagen lässt. Sogar eine Coverversion von dem Kate-Bush-Klassiker „Wuthering Heights“. Das Original bleibt natürlich unerreicht, weil Angra den ersten großen Hit der Britin in ein Metallkorsett pressen bis Sänger Andre Matos die Tonlage findet, die „Wuthering Heights“ so einzigartig macht. Für mich persönlich ist diese Hommage an eine große Sängerin ein echter Höhepunkt auf der Best-Of-Zusammenstellung. Die Verneigung vor Led Zeppelins „Kashmir“ kann ich auf die selbe Stufe stellen. Ein Song wie „Holy Land“ befreit sich aus dem gängigen Metal-Klischee. Seine kompositorische Nähe an die ganz frühe „Queen“, als die Band auf ihrem ersten Album noch progressiv klang, ist offensichtlich. Vielleicht hören die Brasilianer auch besonders gern Genesis, Yes und Emerson, Lake And Palmer? Dagegen lässt das Epos „Carolina IV“ Angra wie einen muskulöseren Zwillingsbruder von Dream Theater aussehen.

Auf mich wirkt „Best Reached Horizons“ wie ein persönliches Dankeschön an den immer größer werdenden Freundeskreis von Angra. Dass die Angra-Fangemeinde immer größer wird, hat seinen Grund. Durchdachte Kompositionen vereinen Härte, Wagnis und Reife zu einem Stempel, der sich tief ins Gedächtnis einbrennt und Lust auf eine Entdeckungsreise quer durch das Schaffen der Brasilianer macht. Selbst ich, der Fistelstimmenmetal immer skeptisch gegenüberstand, muss sagen, dass mir das gefällt. Egal, dass die Frauenquote bei Angra eher stimmlich erreicht wird.

Künstler: Angra
Album: Best Reached Horizons
Veröffentlichung: 26.10.2012
Plattenfirma: SPV/Steamhammer
Webseite: Angra Offiziell

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